In Istanbul gibt es kaum eine Person, die so viel von mir und meinem Alltag weiß, wie sie. Egal welches Viertel ich entdecke, was ich koche oder mich sonst für Ideen umtreiben, sie kennt jedes Detail und darüber hinaus auch jeden meiner Fehler. Genauer gesagt jeden meiner Grammatikfehler. Darf ich vorstellen, Begüm Denizhan, 24 Jahre, frisch graduierte Chemie-Ingenieurin und meine Tandem-Partnerin. Seit zwei Jahren kennen wir uns. Seit zwei Jahren werfen wir einander ohne einen Funken Scham krüppelige Sätze entgegen, nur um sie uns anschließend höflich aber hartnäckig wieder glatt zu bügeln. Sie meine Genitivfehler, ich ihre Artikelfehler. Im zweiwochenrhythmus hangeln wir uns dabei durch die Istanbuler Café-Szene, wodurch Begüm nicht nur zum Deutschcrack, sondern ganz nebenbei auch zum limonata uzmanı, zur Limonadenexpertin herangereift ist. Und ich? Nunja, neben glattpoliertem Türkisch weiß ich eben inzwischen auch wo der zuckerfreie Kaffee zumindest halbwegs trinkbar ist. Aber das ist ein anderes Thema.

„Tandem-Speed-Dating“, dazu hatte das Goethe-Institut damals aufgerufen. Das Problem: Neun Türken speeddaten drei Deutsche, wovon eine, die zwangsverdonnerte Praktikantin des Goethe Instituts selbst war. Quasi an jedem Finger einen Tandempartner klebend, verließ ich damals die Veranstaltung und begann in wahrer Herzblatt-Manier mich für einen zu entscheiden. Am Ende blieb mein Herzblatt Begüm, dieser kleine Sonnenschein, der eigentlich immer lacht, ansteckend giggelt und mit dem man sich so wunderbar müde reden kann.

Doch Begüm ist viel mehr als nur Sprachpartnerin. Sie ist mein Korrektiv, der fehlende Link zwischen der halben Türkin in mir und den restlichen 80 Millionen da draußen. An ihr teste ich gelernte Halbwahrheiten aus meinem Alltag und durch sie treffe ich den richtigen Ton.

Entsprechend vermisst habe ich sie im letzten Sommer, als Begüm für ein Erasmus-Semester nach Clausthal ging. Aber längst haben wir wieder zueinander gefunden. Zeit also, ein Jahr nach ihrer Rückkehr aus Deutschland, gemeinsam ein kleines Resümee zu ziehen sowie über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem Leben in beiden Ländern zu reflektieren. Und wie jedes Gespräch haben wir auch dieses mit einem „Jetzt bin ich ganz schön müde geworden vom Sprechen“ beendet.

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Deniz: Welchen Tipp für das Leben in Istanbul würdest du mir geben, wenn wir uns heute zum ersten Mal kennenlernen würden?
Begüm: Mit allem und jedem Türkisch reden. Was nicht immer funktioniert, weil viele Türken kein richtiges Türkisch können. Und, gewöhne dich schnell an die vielen Menschen und die Autos. Pass auf dich auf, wenn Du am Leben bleiben möchtest. (lacht)

D: Wie fandest du dein Leben in Deutschland?
B: Nach 9 Uhr abends war in manchen Städten nichts mehr los, noch nicht mal mehr Geräusche waren zu hören. Zum Beispiel habe ich gestern um Mitternacht draußen Lärm gehört. Als ich ans Fenster gegangen bin hab ich zwei junge Männer gesehen, die in eine Schlägerei verwickelt waren. Da hab ich nur mit den Schultern gezuckt und mich wieder schlafen gelegt. Das ist ganz normal hier.

D: Warum glaubst du, dass es hier mehr Schlägereien gibt als in Deutschland?
B: (lacht) Die Leute hier sind allzeit bereit für eine Schlägerei. Du sagst etwas, was dem anderen nicht passt und baff, „Was hast Du gesagt?!“. In Deutschland hab ich nur einmal eine Schlägerei erlebt, in der Düsseldorfer Altstadt. Aber es war spät und die Leute betrunken, da ist das normal. Hier kann jeden Augenblick eine Schlägerei ausbrechen, z.B. im Mini-Bus: „Wieso sitzt du?! Steh sofort auf, du bist jung!“ Das kann anstrengend sein, aber manchmal ist diese Anteilnahme auch schön. Ich hab einmal die Haustür nicht aufbekommen. Ein amca (“Onkel”, liebevoll für älterer Mann) hat mich gesehen und meinte direkt „Lass mich das machen, kein Problem“. Er hat es aber auch nicht geschafft. Fünf Minuten später waren schon fünf weitere Leute da um mir zu helfen. Ich denke, das würde in Deutschland nicht passieren. Hier ist man jederzeit bereit sich zu helfen und sich zu schlagen.

D: Die Leute hier sind irgendwie viel neugieriger oder aufmerksamer was ihre Umwelt angeht. In Deutschland ist man mehr für sich.
B: Ja, kişisel (“diskret, privat”). Aber wenn ich dort jemanden frage, ob er mir hilft, dann hilft er auch. Hier hingegen, wird dir auch ungefragt geholfen. Die Leute sehen dich, sehen, dass es ein Problem gibt und sagen, „Komm wir lösen das“.

D: Ich war vor zwei Tagen in Maçka (Bezirk von Istanbul) unterwegs. Auf einmal rief eine teyze (“Tante”, liebevoll für ältere Frau) aus dem zweiten Stock zu mir herunter: Yavrum, yavrum (“Mein Junges, mein Kind”). Ihr war ein Schlüpper aus dem Fenster gefallen, der jetzt auf der Straße lag. Sie rief mir zu, ich solle doch bitte die Unterhose in den zweiten Stock werfen. Ich hab versucht zu erklären, dass das nicht geht. Also bin ich mit dem Schlüpper ums Haus herum, hab gewartet bis jemand aus der Tür kam, bin hoch in den 2. Stock und hab ihr so mein Fundstuck überreicht. Voller Dank strahlend, wollte sie mir direkt die Tasche voll Süßigkeiten packen.
B: (lacht) „Komm trink einen Kaffee mit mir!“

D: In Deutschland denkt man vielleicht eher, „Nicht mein Problem!“ Aber hier bringt man der Oma eben die Unterwäsche nach oben.
B: Und trinkt sogar noch einen Kaffee und isst Schokolade mit ihr. Interessant. Manchmal nervt das, aber es ist auch ganz schön.

D: Was gefällt Dir besser?
B: Die Leute in Deutschland sind direkter. Ich musste nicht nachdenken, was jetzt wirklich gemeint war. Hier frage ich mich das ziemlich oft. Aber in Deutschland sagt man, was man fühlt und denkt. Am Anfang war ich etwas schockiert. Aber ich hab mich daran gewöhnt. Und wenn man sich daran gewöhnt, ist es mir … gemütlich…

D: …lieber? angenehmer?
B: Angenehmer! Freundschaften funktionieren in Deutschland besser denke ich. Hier sagen die wenigsten offen heraus wenn sie sauer sind.

D: Ein Kumpel meinte vor Kurzem, dass es im Türkischen ein Sprichwort gibt: Die Türken sind dein bester Freund oder dein schlimmster Feind.
B: Ja, „Türkler dostun ya da düşmanın olur.“ Wenn wir jemanden mögen, dann mögen wir ihn sehr. Das ist auch bei Eltern so. Sie lieben ihre Kinder, aber sie … sıkmak (erdrücken) … das nervt eigentlich. Diese Überfürsorge. Sie rufen ständig an, fragen nach jedem Detail, eben weil sie ihre Kinder so sehr lieben. Wenn die Türken jemanden mögen, kann das manchmal nerven. Aber wenn sie jemanden nicht lieben, dann ist das gar nicht gut. Du kannst das auch in der Politik sehen. Wenn sie jemanden nicht mögen, dann tun sie alles um die Leute zu nerven.

D: Also, gibt es eigentlich nie einen Mittelweg.
B: Selten. Manchmal muss man schon einen Mittelweg finden. Zum Beispiel wenn man arbeitet und seinen Chef nicht mag. Man trägt ein Lächeln auf dem Gesicht, aber wenn man mit Freunden unterwegs ist, hört man nur „Ich hasse ihn, ich hasse ihn!”

D: Was ja auch wieder ein Extrem ist.
B: Eine Maske. Wir tragen oft Masken.

D: Was muss man tun, damit man von den Türken geliebt wird?
B: Das ist interessant, aber die Türken lieben Ausländer. Ausländer, die in der Türkei leben und Türkisch sprechen. Obwohl, oder gerade weil ihr Türkisch kaputt ist. Dann denken immer alle „wie süß!“ und fangen an ihnen die Geschichte ihres Lebens zu erzählen. Viele Türken lieben es wirklich ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Gestern oder Vorgestern war ich im Krankenhaus. Und neben mit hat eine Tante gesitzt…

D: … gesessen …
B: … und hat angefangen von ihrer Tochter und den Enkelkindern zu erzählen.

D: Hast du gefragt oder …?
B: Ich hab gar nichts gefragt. Sie hat nur gefragt wie alt ich bin und dann ging’s los „Ach, meine Enkelin ist auch 24, studiert in Istanbul, bla, bla, bla.“ Und ich hab innerlich, nur gedacht, „Lass mich bitte in Ruhe!“

D: Hast du das mal in Deutschland erlebt, dass dir einfach jemand was erzählt?
B: (lacht) Nee. Nee, nie.

D: Was gefällt dir an der deutschen Sprache?
B: Sie ist schon wirklich schwer. Aber ich hab trotzdem, warum auch immer, angefangen Deutsch zu lernen. Für manche klingt Deutsch sehr hart. Da gibt es auch viele Youtube-Videos zu. Für mich klingt es allerdings gut. Gar nicht monoton oder so. Man kann gut seine Gefühle ausdrücken. Es hat Rhythmus, Melodie und klingt meiner Meinung nach besser als Englisch. Im Englischen hört sich alles gleich an.

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D: Hast du das Gefühl, dass du im Deutschen konkreter bist?
B: Im Türkischen hängt alles vom Kontext ab. Das ist für dich schwer und für mich auch. Du weißt im Türkischen nicht worum es geht und ich muss im Deutschen für alles ein extra Wort lernen: umbringen, mitbringen, aufbringen.

D: Was können die Deutschen von den Türken lernen?
B: Die Türken haben mehr Mut. Sie fangen auch mit etwas an, obwohl sie eigentlich keine Ahnung davon haben. Wir lernen auf dem Weg. Aber die Deutschen machen nichts, was sie nicht kennen.

D: Die Deutschen haben ein größeres Sicherheitsbedürfnis.
B: Ja, wir leben spontaner. Manchmal denke ich, die Türken genießen das Leben mehr. Nach dem Motto, ich komm nur einmal auf die Welt.

D: Was hast du persönlich von den Deutschen gelernt.
B: Pünktlichkeit. Normalerweise bin ich immer zu spät.

D: Bevor du nach Clausthal gegangen bist, warst Du auch schon immer pünktlicher als ich.
B: Nur weil ich mit der Fähre komme. (Anmerkung: Begüm lebt auf der asiatischen, ich auf der europäischen Seite. Und die Fähre Kadiköy-Beşiktaş fährt nur alle 30 Minuten.)

B: In Deutschland wird man auch nicht dafür beurteilt, was man denkt oder trägt. Das gefällt mir sehr. Hier beurteilt jeder alles. Was man trägt, was man macht. Freundschaften in Deutschland sind einfacher, ehrlicher. … Ne diyordum? (“Was wollte ich sagen?”) Das Essen können dafür die Deutschen von uns lernen. In Deutschland hab ich nichts Außergewöhnliches gegessen. Aber ich mag die kleinen Brötchen, die man im Backofen macht. Die vermisse ich sehr. Wenn man morgens aufwacht und eines in den Backofen legt, sein Gesicht wäscht und dann ist es schon fertig. Morgens frisches, warmes Brot. Das vermisse ich sehr.