Zeit – wissen wir überhaupt, was das ist? Sie ist so grundlegend für unser Leben, dass wir uns ein Leben ohne sie oder außerhalb von ihr nicht einmal vorstellen können. Neben dem Raum begleitet uns die Zeit immer. Obwohl also unser ganzes kurzes oder langes Leben mit Zeit gefüllt ist, über die wir frei verfügen können, scheint sie heute für den Großteil der Menschen ein rares Gut zu sein.

Das führt dazu, dass Geschwindigkeit in sämtlichen Lebensbereichen als hoher Wert gilt. Je schneller man eine Aufgabe erledigt, ein Studium abschließt oder ein Buch liest, desto besser. Der Weg scheint längst nicht mehr das Ziel zu sein. Doch was kommt danach? Wenn die Aufgabe erledigt ist? Stetig weitere Aufgaben.

Die Zeit, die wir nach der Erfüllung unserer oft selbstgesetzten Aufgaben, Ansprüche und Erwartungen genießen wollen, die Zeit, der wir hinterherjagen wie Getriebene, scheint sich dadurch nur immer weiter zu entfernen wie ein Fluchtpunkt, der nie zu erreichen ist.

Warum genießen wir nicht die Zeit, die uns jetzt gegeben ist? Ohne Blick auf das, was danach kommt. Beschäftigen uns mit den Dingen, Aufgaben, Büchern, Menschen, die uns wirklich interessieren. Schließlich können wir jeden Tag sterben. Wir sind vergänglich. Auch das gehört zu unserem In-der-Zeit-sein, das irgendwann beendet ist.
Doch dafür müsste man sich erst einmal enger mit sich selbst auseinandersetzen, sich kennenlernen. Herausfinden, was man wirklich will im Leben, wozu man hier ist.

„Warum genießen wir nicht die Zeit, die uns jetzt gegeben ist? Ohne Blick auf das, was danach kommt. Beschäftigen uns mit den Dingen, Aufgaben, Büchern, Menschen, die uns wirklich interessieren. Schließlich können wir jeden Tag sterben.“

Ist es dann nicht einfacher, sich über den täglichen Stress zu beklagen und weiterzumachen wie bisher? Ich glaube nicht, dass man als Sklavin oder Sklave der Zeit – die im übrigen nie den Anspruch erhoben hat, über die Menschen zu herrschen – zufrieden oder glücklich werden kann. Und obwohl ich selbst das mache, was ich wirklich liebe und den Weg damit voll und ganz genießen kann und meine Arbeit kein Hindernis ist, das überwunden werden muss, um zu vermeintlich mehr Zeit und Glück zu gelangen, ertappe ich mich auch oft dabei, alles schneller und besser schaffen zu wollen.

Obwohl ich weiß, dass Qualität gerade das oft benötigt: Zeit. Und das ist auch völlig in Ordnung. Doch nicht genug, dass die Gesellschaft einem diesen Wert von Geschwindigkeit offenbar so einimpft, dass man trotz des Wissens der Falschheit dieser Vorstellung doch nicht immer so leicht davon loskommt. Selbst wenn man sich innerlich völlig von diesem Konzept losgesagt hat, holt einen die Realität – zumindest in unserer Gesellschaft – immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: Zeitverträge (in der Wissenschaft, aber auch anderswo), Aufgaben, die dringendst erledigt werden müssen, Prüfungen oder Aufnahmetests, bei denen es vor allem darum geht, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu bewältigen etc.

Aber auch bereits Kindern wird oft suggeriert, dass sie umso besser sind, je schneller sie sprechen lernen oder sich Fremdsprachen aneignen. Als ob das Individuum dadurch einen höheren Wert bekommen würde. Für die Wirtschaft mag das stimmen. Aber Menschen sind nicht Ressourcen, aus denen man unbegrenzt schöpfen kann, die ständig Leistung erbringen müssen und die in diesem Zuge ausgebeutet werden dürfen.

Der echte Wert eines menschlichen Individuums hängt nicht von seiner Geschwindigkeit und Leistung ab, in welchem Bereich auch immer. Und wir sollten aufhören, so zu handeln, als ob es so wäre. Dadurch machen wir diese Illusion nämlich zur Realität bzw. haben das schon gemacht. Und es wird gewiss nicht besser, wenn man schon als Kleinkind mit einer solchen Wertvorstellung konfrontiert wird und diese verinnerlicht.

„Der echte Wert eines menschlichen Individuums hängt nicht von seiner Geschwindigkeit und Leistung ab, in welchem Bereich auch immer.
Und wir sollten aufhören, so zu handeln, als ob es so wäre.“

Vieles im Leben kann nicht erzwungen werden, vieles braucht Zeit. Wir können nicht alles kontrollieren. Aber genau das scheinen wir zu denken. Wenn wir uns nur ein bisschen mehr anstrengen oder Medikamente nehmen, heilt die Wunde schneller, geht es uns schneller wieder besser. Aber auch Unangenehmes benötigt Zeit. Vieles können unser Körper und unsere Seele ganz von selbst: Regeneration, Erlernen neuer Fertigkeiten und Kenntnisse,…man muss ihnen nur Zeit geben. Zeit, von der wir denken, dass wir sie nicht haben. Dass wir dadurch unser Leiden nur verlängern oder überhaupt erst entstehen lassen, scheinen wir dabei nicht zu realisieren.

Ja, die Zeit ist ein rares Gut – wir wissen nie, ob dieser Atemzug gerade jetzt unser letzter ist. Aber gerade deswegen sollten wir sie genießen und nicht einer Zeit hinterherrennen, die vielleicht nie kommen wird. Ich will so leben, dass ich in jedem Augenblick zufrieden sterben kann in dem Wissen, nicht auf Besseres gewartet zu haben.

Und auch wenn das bestimmt nicht immer gelingt, so ist es doch jeden einzelnen Moment wert, den man bewusst lebt und sein eigenes Wesen nicht unterdrückt oder auf später vertröstet. So hat man am Ende sicher mehr Augenblicke, die man bewusst genossen hat, als wenn man sich unreflektiert dem selbstauferlegten Zeitdiktat unserer Gesellschaft unterwirft.

#lebenkunst4null
#lebenskunst4null ist eine fortlaufende Kolumne auf i-ref.de, in der euch vier Philosophen mit auf die Reise durch ihre Gedanken-und Gefühlswelt zum Thema Leben im 21. Jahrhundert nehmen.