Jetzt bin ich also ein SOLO (FEMALE) TRAVELLER. Eine Alleinreisende. Es ist mein erster Tag alleine auf meiner Entdeckungsreise durch Südamerika. Die letzten zwei Wochen mit meiner Freundin Sarah sind im Flug vergangen. Sie ist mit mir in dieses große Abenteuer gestartet und es war fantastisch. Wir haben gelacht, gequatscht, geschwiegen, gestaunt und über die Welt philosophiert.

Wir haben so viel erlebt in dieser Zeit, in einer Region, von der ich schon so viele Bilder im Kopf hatte und die mich trotzdem noch überwältigt hat. Diese Landschaften von Feuerland und Patagonien, die so gewaltig sind, dass ich sogar bei den langen Busfahrten versucht habe, nicht einzuschlafen, um so viel wie möglich davon zu sehen. Diese unglaubliche Weite, in der man stundenlang seinen Blick verlieren könnte. Und jetzt bin ICH verloren.

Nachdem Sarah ins Taxi zum Flughafen gestiegen ist, mache ich mich auf die Suche nach meinem Hostel für die nächsten Tage. Natürlich verlaufe ich mich zweimal, mein Orientierungssinn ist nicht der beste. Bisher waren wir fast immer in Doppelzimmern oder kleinen Schlafsälen mit maximal 4 Leuten. Und jetzt sind da nur mein großer Rucksack und ich und ein Hostel mit wildfremden Leuten. Ich fühle mich wie ein Fisch auf dem Trockenen.



Wie verhält man sich denn so in Hostels? In den Schlafsälen? Von meinen Zimmerkollegen ist niemand da, nur ein Mädel, das, -wie ich später sehe,- auch im Hostel arbeitet. Wo soll ich mein Zeug hintun? Mein Locker ist im Zimmer nebenan, da die in meinem Schlafsaal belegt sind. Lästig. Ich laufe fünfmal hin- und her, bis ich meine drei Sachen beisammenhabe. Chaos im Kopf. Wie war das mit der Sicherheit nochmal? Kann ich den Rucksack einfach irgendwo hinstellen? Oder werden etwa auch Klamotten geklaut? Wann ist wohl die beste Zeit zum Duschen, ohne Schlange stehen zu müssen?

Es ist erst Mittagszeit, ich muss irgendwas machen, um diese innere Unruhe auszuhalten- also erstmal Beschäftigungstherapie für Marlene. Bei einem der Hostelmädels buche ich eine Kayaktour für den nächsten Tag und fahre mit dem Bus zum „Cerro Campanario“. Ein uralter Sessellift, wie wir früher daheim am Rittner Horn einen hatten, führt zu einem Aussichtspunkt. Es ist ein Doppelsitzer. „Sie fahren allein? Wie kann es sein, dass so ein hübsches Mädel alleine fährt?“, meint der Sessellift- Mitarbeiter, der mich auf den Sitz schwingt. Ich grinse: „Vielleicht finde ich ja oben wen“, rufe ich ihm noch zu, bevor mich der Sessellift nach oben startet.

Es ist ein komisches Gefühl, alleine zu sein. Aber warum eigentlich?

Am Cerro angekommen, geht es sofort zur Panoramaterrasse. Das ist vielleicht eine Aussicht! Das ganze Seengebiet um Bariloche liegt vor mir. Das würde ich jetzt gerne teilen. Sarah und ich würden hundert Fotos machen. Und drei Selfies versuchen, um danach kichernd wieder aufzugeben. Ich mache auch Fotos. Aber nur ein paar. Und fahre sehr bald wieder runter, ich kann das gerade nicht richtig genießen. Ich setze ich mich an den Strand den Sees Nahuel Huapi, tauche meine Zehen in den Sand (aber eigentlich fühle ich mich so, als wäre es mein Kopf, der da im Sand steckt), und schaue den Leuten zu, die komischerweise alle nur bis zur Hüfte ins Wasser gehen, obwohl es unmenschlich heiß ist.

Mit dem Blick auf das Wasser beginnen die Gedanken wieder zu kreisen. Es ist ein komisches Gefühl, alleine zu sein. Aber warum eigentlich? Es war doch immer klar dass ich diesen Trip alleine mache. Genau so wollte und will ich es auch. Aber jetzt, nach den ersten zwei Wochen „soft start“ mit einer Freundin, bin ich doch geflasht. Ich habe eigentlich kein Problem mit dem Alleinsein. Ich liebe es, alleine mit dem Zug zu fahren. Ich liebe es, alleine durch den Wald zu laufen. Ich liebe es, die Wohnung für mich zu haben, oder einfach im Park oder auf der Terrasse ein gutes Buch zu lesen, alleine -außer natürlich mit einem guten Kaffee. Ich kann gut alleine sein. Dachte ich jedenfalls immer.



Aber jetzt fühlt sich das Alleinsein irgendwie anders an: Es ist diese gewaltige Freiheit. Ich kann alle großen und kleinen Entscheidungen treffen, und es muss nur mir passen, und zwar nicht für eine Stunde oder einen Tag oder ein Wochenende, sondern von heute an für die nächsten paar Monate. Ehrlichgesagt bin ich maßlos überfordert. Ich kann wollen, was ich will, aber was will ich denn? Will ich ein paar Tage rasten, Halt machen, durchatmen, bevor ich alleine weiterreise? Wo will ich als nächstes hin? Will ich in die Berge oder ans Meer? Und wie lange bleibe ich dann dort? Ist es besser, alle zwei Tage Ort zu wechseln, oder soll ich besser weniger Orte sehen und dafür länger bleiben?

Ich lebe gerade meinen Traum. Warum mache ich mir selber schon wieder so viel Druck?

Ich habe mir bewusst keinen fixen Plan für die Reise gemacht, sondern nur ein paar Anhaltspunkte, um mich unterwegs inspirieren zu lassen. Und jetzt bin ich nicht inspiriert, sondern innerlich unruhig und ziemlich haltlos. Ich muss plötzlich über mich selber lachen: Ich lebe gerade meinen Traum. Warum mache ich mir selber schon wieder so viel Druck? Muss „Sachen machen“, um nicht nervös zu werden? Ich habe mehrere Monate für diese Reise und für mich zur Verfügung. Ein Luxus, den ich mir grade selber zum Stress mache. Durchatmen, Marlene. Durchatmen.

Ich laufe abends noch etwas durch die Stadt von Bariloche. Als ich ins Hostel komme, setze ich mich auf die Couch, checke meine Mails und beobachte meine Hostelkumpanen. Melancholische Country Musik. Zwischendurch wieder ein „Ping!“, -am Billardtisch wird wieder eine Kugel eingelocht. Zwei Mädels lungern auf der Couch und starren in ihre Handys. Die zwei Hostelmitarbeiter sind wohl ein Paar, da wird ziemlich viel Amor durch die Luft geworfen. Sonst ist im Aufenthaltsraum des Hotels nicht viel los jetzt. Es ist 11 Uhr abends und meine Zimmerkollegen sind noch nicht da. Hoffentlich keine Partymeute, ich brauche etwas Schlaf. Ohropax sind vorbereitet, wird schon passen. Mein zweiter Tag als „Solo Female Traveller“ kann kommen. Was werde ich morgen wollen? Erstmal Kayaken, dann schauen.

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