Sollte das hier ein durchschnittlicher Festivalnachbericht werden, würde ich jetzt damit beginnen zu erzählen, dass ich vor etwas mehr als einer Woche auf dem FLOW Festival in Helsinki war, um dann nach und nach jede Band aufzuzählen, die ich gesehen habe, meinen Senf zu deren Auftritt dazu zu geben und mich dann in ellenlangen Ausführungen über das interessante Rahmenprogramm und die tolle Stimmung ergehen, bevor ich mit dem Fazit schließe,  dass ich- wer hätte es gedacht?- jede Menge Spaß hatte und mich schon auf das nächste Mal freue.

Da sich aber ohne jeden Pathos sagen lässt, dass die Reise nach Helsinki mir einige der schönsten Momente dieses Sommers beschert hat und ich versuchen will, etwas von dieser Atmosphäre auf den Bildschirm zu transportieren,  folgt hier- ganz nach dem Vorbild einer großen deutschen Jugendzeitschrift- eine Fotolovestory in fünf Akten zum FLOW Festival 2015.

DIE MUSIK

„I came all the way to this fucking country for you to stand there and watch?“

Es gibt definitiv diplomatischere Wege, das Eis zwischen sich und seinem Publikum zu brechen, als die Ansage von Tyler, the Creator nach gefühlten zehn Sekunden seines Auftritts im prall gefüllten Blue Tent. Aber sie hat zumindest geholfen, die anfangs etwas verschüchterten Finnen aus der Reserve zu locken und jene schweißtriefende, nach vorne peitschende Extase unter das Zeltdach zu bringen, an die vielleicht nur noch die Show von Major Lazer heranreichte.

Das größte Grinsen hatten ohne jeden Zweifel die Leute auf dem Gesicht, die gerade Nile Rodgers und Chic gesehen hatten, denn die verwandelten die Bühne über die Zeit in ein vor Freude überschäumendes Tolhaus, in dem sie vor allem sich, die Musik und das Leben feierten. Da fügt es sich natürlich geradezu perfekt ins Bild ein, dass Nile Rodgers seine überstandene Krebserkrankung zum Abschluss des Auftritts mit dem Publikum auf der Bühne besang.

Ein musikalisches und vor allem menschliches Ausrufezeichen setzte Flying Lotus, der nach einem wahnsinnig intensiven HipHop-Set, das für mich die größte Überraschung des Festivals darstellte, von der Bühne stieg, um jedem Einzelnen (!) in der ersten Reihe die Hand zu schütteln und für ihren Support zu danken.

Eine letzte explizit-lobende Erwähnung soll Nina Kravitz finden, die im Licht der untergehenden Sonne ein Set abbrannte, das mit allen Wasser gewaschen war und die Hochstimmung, in der wir uns sowieso schon den ganzen Tag über befunden hatte, nochmal zu ungeahnten Gipfeln führte.

Ob es auch Enttäuschungen gab? Na ja, die Pet Shop Boys spielten in Helsinki das letzte Konzert einer zweijährigen Tournee. Vielleicht sollten sie sich, bei allem Respekt vor dieser Bühnenshow, ein paar Monate Pause gönnen, bevor sie sich zum zweiten (oder dritten?) Frühling aufmachen.

DIE LOCATION

Kurz vor meiner Ankunft in Helsinki hatte ich ja kurz die Befürchtung, dass sich der Charme industrieller Kulissen für Musikveranstaltungen langsam verbraucht hat. Spätestens nach dem ersten Rundgang über das Gelände des stillgelegten Suvilahti-Kraftwerks im Herzen der Stadt, hatte sich diese Befürchtung dann aber in Luft aufgelöst und wich der Erkenntnis, dass meine Empfänglichkeit für virtuos ausgeleuchtete Heizkessel, Schornsteine und Fabrikationshallen noch immer zu verzückten Momenten führt.

Klar, das Konzept ist nicht neu, entscheidend ist aber, was man aus einem solchen Setting macht. Nicht nur der eben schon erwähnten großartigen Lichttechnik, deren Meisterstück die 360°-Ballonbühne im Zentrum des Geländes war, ist es zu verdanken, dass man nach Sonnenuntergang fast mehr auf die Umgebung als auf das Geschehen der Bühnen achtete, auch die Idee, all die kleineren Bühnen überall auf dem Gelände zu verteilen und die Begrünung der Anlagen sorgten dafür, dass man auf den vielen möglichen Wegen zu den Bühnen immer neue Dinge entdeckte.

Ach ja, und die sanitären Anlagen waren im Vergleich zu anderen Stadtfestivals ein Träumchen!

DIE KULINARIK

Es würde mich nicht wundern, wenn es Leute gäbe, die allein für das Essen auf’s FLOW gehen. Das kulinarische Angebot ist eines der Aushängeschilder dieses Festivals und hielt sowohl in optischer wie in geschmacklicher Hinsicht, was es versprochen hatte.

Ob handliches Street Food wie Burritos, Hot Dogs und Burger oder elaborierte Kunstwerke wie Stir Fried Chili Pork mit Jasmin Reis, die versammelten Stände fuhren nicht nur die ganze Bandbreite internationaler Gaumenfreuden auf, sondern verarbeiteten dafür ausschließlich erstklassige Produkte aus der Region. Ein Aspekt, der sich wiederum nahtlos in die nachhaltige Gesamtausrichtung der Veranstalter einfügt.

Wer eher ein Freund stilvoller Flüssigkeitsaufnahme ist, kam angesichts der vielen Bars, die sich ausschließlich geschmackvoller Drink-Kreationen verschrieben hatten, ebenfalls auf seine Kosten. Persönlicher Favorit war allerdings der Original Longdrink aus der Dose, eine Mischung aus Gin und Grapefruit-Limonade, die geradezu prädestiniert dafür ist, an warmen Sommertagen getrunken zu werden.

DAS PUBLIKUM

Man hätte es ja ahnen können, schließlich flogen wir nach Finnland, wo die Menschen, wie in den skandinavischen Nachbarländern nicht nur einen angeborenen Sinn für Stil haben, sondern dir bei jeder Gelegenheit schmerzlich bewusst machen, wie vergeblich du strebst. Und das ohne jede Überheblichkeitsgebaren. Die schiere Dichte an attraktiven Menschen hat uns doch kurz mal umgehauen. Da spielt es auch keine Rolle, ob dir da jemand in bis zu den Knien hochgezogenen Tennisstrümpfen und Leuchtschuhen (scheint der neueste Schrei zu sein) oder in im grellbunt gestreiften Kleid gegenüber steht, du ziehst immer den Kürzeren.

Von oberflächlichen Aspekten mal abgesehen, benahm sich das Publikum aber auch sonst schon fast beängstigend gut. Keine großen Alkoholeskapaden, keine Pöbelattacken, nicht mal ein drübergekipptes Getränk. Sehr angenehm also.

DIE FESTIVAL-CREW

Der Eindruck, den man von einem Festival mit nach Hause nimmt, hängt entscheidend von den Menschen ab, mit denen man die Zeit verbringt.

Unter der Regie unseres allzeit fürsorglichen und kompetenten Reiseleiters Thang von electru fanden sich Janos von I am No Superman, Jessie von Journelles, Can von Dressed Like Machines, Milena von Mit Vergnügen, Taina von smaracuja.de, Julia von Lilies Diary und meine Wenigkeit zu einer wunderbar harmonischen Crew zusammen, die im Getümmel des Geländes zwar zeitweise zahlenmäßig dezimiert wurde, am Ende aber trotz aller Widerstände doch immer wieder zueinander fand.

Ob nassgeschwitzt im Moshpit von Tyler, the Creator, bei der Afterparty mit Seth Troxler und Dixon im Kaiku Club oder beim unverhofft-abstrusen Nachttrunk mit einer Gruppe nicht unerheblich alkoholisierter Bandmitgieder von Belle & Sebastian, es war mir eine wahre Freude!

MEHR

Noch viel mehr Bilder von umjubelten Auftritten, fotogenen Speisen und bildhübschen Menschen findet ihr auf flickr.

Grund zur knapp einjährigen Vorfreude gibt es auch schon: Auch 2016 wird das FLOW Festival wieder auf dem Gelände des Suvilahti-Kraftwerks in Helsinki stattfinden. Und zwar vom 12. bis zum 14. August. Der Vorverkauf für die frühen Vögel ist bereits gestartet.

Sämtliche Beiträge aus Redaktion und Social Media unserer Festival-Crew rund um das Festival und Helsinki sind auf der i-ref WALL noch einmal schön übersichtlich zusammengestellt.

Vielen Dank an das FLOW Festival für die Einladung und an alle, die dabei waren!

Fotos: Thang Dai // electru; Samuli Pentti & Jussi Hellsten // FLOW Festival