Ich denke derzeit sehr sehr viel über das Thema „Selbstliebe“ nach, aus privaten, aus beruflichen, aus philosophischen Gründen. Denn hier liegt die Ursache für sehr viel Leiden, das wir als Menschen empfinden, privat, beruflich und gesellschaftlich gesehen. Wir wollen gefallen, wir wollen es so vielen anderen Menschen wie möglich recht machen, wir wollen nicht anecken, wir wollen Anerkennung, Bestätigung, wir wollen geliebt werden. Warum machen wir all das von Anderen abhängig? Warum ist so vieles von Anderen abhängig? Warum können wir uns das, was wir offensichtlich brauchen, nicht selbst geben? Können wir es tatsächlich nicht oder sollen wir glauben, es nicht zu können? Was ist da los?

Auf der „anderen Seite“ kommen die „Spirituellen“ und sagen: „Nur die Liebe kann das Leid auf der Welt transformieren.“ Ich möchte das gar nicht ab- oder bestreiten, ich integriere ja selber meine spirituelle Seite. Aber ich frage mich da mittlerweile ernsthaft, welche Liebe? Von welcher Liebe reden die alle? Welche Liebe kann das Leid, die Welt transformieren? Wie sieht sie aus? Wie fühlt sie sich an? Wie lebe ich sie? Und wie viel Leid gehört zum menschlichen Dasein auch einfach dazu? Weil wenn ich mir das in der Praxis, im alltäglichen Leben anschaue, dann kommen mir ehrlich gesagt nur noch mehr Fragen auf diese Fragen, als ich derzeit Antworten finden, erkennen, geben kann.

Was ist da los? Wie viele Menschen „müssen“ diese Liebe erst mal aufbauen, empfinden, pflegen und dann auch weitergeben können, damit die Welt zu diesem gewünschten friedlicheren, weniger leidenden Ort wird? Wie viel Liebe soll das sein? Wie soll man das überhaupt messen können? Was kann der einzelne, kleine Mensch in der komplexen, weiten Welt tun, um diese Liebe aufbringen zu können?

Ich philosophiere sehr gerne, keine Frage, doch irgendwann frage ich mich dann: „Ok, das klingt ja alles sehr gut, plausibel, logisch, aber wie mache ich das jetzt in meinem persönlichen Leben? Wie setze ich das um? Was kann ich als einzelner Mensch machen, um dieses oder jenes zu verbessern? Wie erreiche ich ganz persönlich mehr Frieden? Frieden, den ich dann teilen kann.“ Da schießt mir direkt in den Kopf, wenn jeder sich selbst wirklich und wahrhaft lieben würde, so wie er oder sie eben ist, dann würden wir nicht alle jemanden kennen oder selbst betroffen sein, der depressiv ist, der einen Burn-out hatte oder hat, der regelmäßig trinkt, der regelmäßig Drogen zu sich nimmt…

„Individuell gut genug statt Mainstream-perfekt“

Ich möchte jetzt hier nicht in die Tiefenpsychologie abtauchen und den Grund für meinen Burn-out rauf und vor allem runter analysieren. Hier ist jede, auch meine Geschichte so individuell und vielschichtig, dass damit ein ganzes Buch zu füllen wäre. Ich möchte aber auf den einen Punkt mit der Selbstliebe hinaus und auf diesen zeigen, den meiner Meinung nach viele Menschen kennen. Zumindest erfahre ich das immer wieder in den Gesprächen, die ich mit den verschiedensten Menschen führe und das waren schon so einige. Wie oft denken wir, ganz unter uns und ganz ehrlich jetzt, dass wir nicht gut genug sind? Dass es und wir nicht reichen?

Dass wir noch mehr tun müssen? Lassen wir auch hier mal die tiefenpsychologische Analyse inklusive der familiären Situation außen vor, auch wenn sie natürlich erheblich mit reinspielt. Springen wir hier an diesem Punkt in unsere Schulzeit zurück: Hier sollen wir alle in allem gut, nein, sehr gut sein. Alle in allem. Immer. Sehr gut. Und ja, auch das kann und möchte ich jetzt nicht verallgemeinern und radikalisieren, aber ganz im Kern ist das Schulsystem darauf ausgelegt. Wenn man sich das nun mal ganz realistisch überlegt, wie realistisch ist das denn bitte? Was ist da los?

Im geisteswissenschaftlichen Denken begabte Kinder sollen auch in Mathe, Physik und Chemie glänzen. Mathematisch Begabte sollen bitte auch schöne Bilder malen. Und die Künstler unter den Kindern müssen eben aufhören zu träumen, damit sie in Biologie auch mitkommen. Und ja, heutzutage mag das vielleicht auf der ein oder anderen Schule schon anders aussehen und ja, wir wissen schon viel mehr über die unterschiedlichen Gehirn- und Lerntypen, doch was ist mit uns, mit denen, die da eben durch mussten und total darauf getrimmt sind in allem gleich gut, wenn nicht gar perfekt sein zu sollen?

Mainstream-perfekt nenne ich das. Die Medien tun ihres noch dazu und trimmen weiter auf den perfekten Menschen und dass wir dafür dieses oder jenes brauchen. So gut wie es gerade eben ist, ist nie gut genug. Ich selber war lange, sehr lange in dieser Perfektionskette gefangen. Ich hatte mich so richtig darin verwickelt und es brauchte seine Zeit in diesem Wickel-Chaos das Stück zu finden, an dem ich ansetzen konnte, um die Verwicklungen zu lösen.

Wie eine Kette, die man zu entwickeln versucht. Das zerrt und ziept auch öfters ganz schön krass und tut höllisch weh. Und ja, da kommen auch immer wieder Aufgaben, Herausforderungen, Menschen, die genau da noch mal ansetzen und neue Wicklungen reindrehen oder uns eben prüfen, ob wir es aushalten können, dem Mainstream-Perfekten zu entsagen, anzuecken, unsere ehrliche Meinung zu sagen und zu uns zu stehen in all unserer unperfekten, natürlichen Schönheit.

„Gesunde Selbstliebe statt begehrende Liebe“

Wie oft kam ich gerade in den letzten Monaten wieder an bestimmten Punkten in meinem Leben zu dem Entschluss, dass die Entscheidung, die ich gerade getroffen habe, um halbwegs wickelfrei zu bleiben oder wieder zu werden, einfach eine Entscheidung für mich ist. Eine Entscheidung auf Basis meiner Selbstliebe. Wie oft hatte ich mich gegeißelt und gedacht, das wäre jetzt egoistisch oder ich könnte jemandem damit vor den Kopf stoßen.

Und wie oft hatte ich mich dann nicht für mich entschieden und wie oft war ich dann wieder im schwarzen Tal unterwegs, weil meine weise, innere Stimme mir genau dort in diesem Tal zu verstehen gab, dass ich eben nicht für mich einstehe und aus Liebe zu mir handle, sondern immer nur aus Liebe zu den Anderen. Und hatte mich das beliebter gemacht? Ja, in gewisser Weise schon. Sonst würden es ja nicht so viele von uns so machen.

Und ja, definitiv bringt das weniger Widerstand im Außen mit sich. Mainstream-perfekt bedeutet nun mal auch „everybody´s darling“ zu sein. Doch wie oft packte mich mein wahres Selbst dann, soblad ich alleine war, und zog mich nach unten, eben auf den Boden meiner Tatsachen, um mir das x-te Mal zu zeigen, dass das zwar eine Entscheidung war, die gut für die Anderen war, aber eindeutig eine Entscheidung gegen meine Bedürfnisse, meine Werte, meine Natur, gegen mich selbst.

Und ja, lange habe ich eben nur da unten, auf dem Boden meiner Tatsachen, mir selbst so wirklich zugehört. Doch ich weiß jetzt auch schon lange, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, diese eigene weise Stimme zu hören, um dann nach der eigenen Natur leben zu können. Welche Möglichkeit ich da wähle oder welche Kombi ich da fahre, um mir selbst zu begegnen (Meditation, Selbstanalyse, Yoga, Sport, spazieren gehen, Stille, Spa, Wellness, whatever), ist eben auch ganz individuell. Doch universell ist das, wodrum es hier geht, die Selbstliebe!

Ich habe gelernt, gesunde Selbstliebe ist unabdingbar erforderlich, um ein glückliches und vor allem gesundes Leben führen zu können. Denn sie sorgt für den nötigen Selbstschutz, den wir in Abgrenzung zu den Anderen ganz einfach brauchen und verhindert das Handeln gegen das eigene Selbst. Zu wenig Selbstliebe führt im ganz krassen Falle zur Selbstzerstörung. Die Formen hier sind wahrscheinlich so vielfältig wie es Individuen gibt. Dazu zählen beispielsweise Aufopferung für Andere, Helfer-Syndrom, noch schneller zu rennen, um sich selbst zu überholen, um sich selbst nicht begegnen zu müssen, an sich selbst vorbeileben.

Natürlich habe ich mich dann auch gefragt: Zu viel Selbstliebe, kann es die denn auch geben? Ich finde diese Frage schwierig. Ich persönlich würde hier unterscheiden und sagen, dass, wenn es die „liebende Liebe“ ist, die hin-gebend ist, dann kann es nicht zu viel an Selbstliebe geben, denn ein Überschuss von dieser würde dazu führen, dass man sie „einfach“ mit Anderen teilt und Wege findet, diesen Überschuss sinnvoll in die Welt zu geben. Das nenne ich „gesunde Selbstliebe“.

Die „begehrende Liebe“ hingegen, die aus unseren Begierden erwächst, ja, diese begehrende Liebe kann schnell in die Begierde selbst und damit eben unstillbar an sich werden und dadurch in den Egoismus überschwenken. Und davon haben wir definitiv zu viel in dieser Welt, sonst wäre z.B. wohl die ungleiche Verteilung von Gütern und Wohlstand nicht so immens. Auch die Aufopferung für Andere zählt in diesen Bereich der begehrenden Liebe, denn in vielen Fällen, nämlich dann, wenn diese Aufopferung maßlos ist, steht da ein egoistisches Motiv dahinter, wie zum Beispiel das Bedürfnis gemocht zu werden, Bestätigung zu bekommen. Das ist hart, aber leider die Wahrheit. Bei der liebenden Liebe ist eben das „rechte Maß“ mit von der Partie, das rechte Maß an Selbstliebe und das rechte Maß an gebender Liebe für die Anderen.

Den Egoismus und die ungesunde, unstillbare begehrende Form der (Selbst-) Liebe müssen wir ganz realistisch in dieser Welt anerkennen, auch bei uns selbst, und können uns hier nichts vormachen und schön reden. Hier wurde und wird eine Menge Scheiß gebaut, die Folgen sind katastrophal und die Welt ist oftmals nicht mehr besonders menschenfreundlich.
Doch genau an dieser Stelle können auch wir, eben als Mensch, ansetzen und das Chaos Stück für Stück entwickeln und die unmenschlichen Wickel entfernen. Wir Menschen haben es in der Hand. Dafür übe ich mich u.a. in Selbstliebe immer weiter und vor allem immer wieder und wieder und bleibe am Ball und sehe hin, auch wenn es wieder wütet und donnert und rappelt. Mahatma Gandhi hat selbst in den schwersten Zeiten einen Tag in der Woche nur mit sich selbst verbracht, eben um sich seiner Selbst immer wieder wieder bewusst zu werden, um sich selbst zu klären, zu erden, zu verbinden, zu lieben. Auch der Dalai Lama betont die Selbstliebe als Selbstfürsorge immer wieder.

An dieser Stelle bleibt mir derzeit erst mal nur zu fragen: Wie sähe wohl eine Welt aus, in der Jeder und Jede sich gut um sich selbst sorgt, sich selbst genug liebt und vor allem so liebt, wie und was und wer er oder sie nun mal ist? Was wäre da los?

#lebenkunst4null
#lebenskunst4null ist eine fortlaufende Kolumne auf i-ref.de, in der euch vier Philosophen mit auf die Reise durch ihre Gedanken-und Gefühlswelt zum Thema Leben im 21. Jahrhundert nehmen.