08
Nov
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Was ist eigentlich…? – … der “Humanistische Verband Deutschlands Berlin-Brandenburg e.V.”
Im Sommer 2016 zeigte der Humanistische Verband Deutschlands Berlin-Brandenburg e.V. in der Geschäftsstelle sowie in vielen Einrichtungen Flagge. Der HVD ist Mitglied im “Bündnis gegen Homophobie” – für uns Anlass, ein Gespräch mit Martin Beck, dem Vorstandsvorsitzenden des HVD, zu führen, da es uns sehr verwunderte, dass der Träger im LGBTI*-Kontext so wenig in Erscheinung tritt. Schließlich war der Verband in den 90er Jahren eine der ersten Organisationen, der gleichgeschlechtliche “Hochzeitsfeiern” ermöglichte. Seither ist das Engagement für gleich- und andersgeschlechtlich liebende Menschen fast vollkommen verschwunden, im “Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung” und bei den “Junge Humanist_innen Berlin im HVD Berlin-Brandenburg” tritt es noch am Deutlichsten in Erscheinung.
Und genau sie wollen das nun ändern und die Anliegen der LGBTI*-Menschen wieder stärker in den Fokus des praktischen Humanismus stellen. Ihr Ziel ist es, die Teilnahme des HVD am CSD 2017 zu gestalten, vorstellen können sie sich aber freilich vielmehr. In regelmäßigen Treffen wollen sie ab sofort Dinge planen und Themen, die bewegen, ansprechen. Unser Teammitglied Serkan Wels engagiert sich permanent und fortlaufend für genau dieses Thema im HVD. Er sprach mit dem Vorstandsvorsitzenden Martin Beck.

Wieviele Mitarbeiter*innen sind beim Humanistischen Verband BB angestellt?
“Es sind 1200 Mitarbeiter*innen in Berlin tätig und ehrenamtlich ungefähr noch einmal fast 1000 Menschen.”

Was war die letzte erfolgreiche Aktion des Humanistischen Verbandes BB? Und wie ist das Feedback der Gesellschaft?
“Der Eintritt in die humanitäre Flüchtlingshilfe war ein sehr wichtiger Schritt. Wir betreiben eine Notunterkunft, in Brandenburg soll eine Gemeinschaftsunterkunft entstehen. Diese Arbeit wird sehr begrüßt.”

Und wie läuft die Arbeit mit den Kooperationspartnern?
“Es gibt viele Kooperationspartnerschaften mit dem Humanistischen Verband BB, z.B. mit dem „Lesben- und Schwulenverband Deutschlands“ ( LSVD ). Wir arbeiten eigentlich auch gut mit den Gewerkschaften zusammen, ansonsten gibt es Schnittmengen mit verschiedensten Organisationen, wichtig ist dabei der Paritätische Wohlfahrtsverband als Dachorganisation bzw. als Vertretung für uns im Bereich der Liga der Wohlfahrtsverbände. Wir sind international vernetzt in der „International Humanistic and Ethical Union“ und wir haben ein Vorstandsmitglied in der „European Human Forderation“, das ist das europäische Netzwerk. Ich bin bei den „European Humanist Professionals“ aktiv. Ansonsten arbeiten wir kleinteilig mit verschiedenen Organisationen, Unternehmen und Vereinen zusammen, die ähnliche Ziele wie der Humanistische Verband verfolgen.”

Was passiert mit den Spenden und wie werden diese verwaltet?
“Es gibt ein ganz normales, gesetzliches Verfahren, wie mit Spendengeldern umgegangen wird. Wir akquirieren über verschiedene Wege: z.B. gehen zwei Mal im Jahr Spendenbriefe an die 1200 Mitglieder im HVD. Spenden werden für die gemeinnützigen Dinge im Verein verwendet. Der Humanistische Verband möchte eine Körperschaft des öffentlichen Rechts werden, dieser Antrag läuft noch.”

Wo sehen Sie den HVD in zwei Jahren?
“In zwei Jahren wollen wir gerne Körperschaft des öffentlichen Rechts sein, da eine Augenhöhe mit den Kirchen herstellen. Wir würden gerne über Staatsverträge verhandeln wollen, so dass man unsere politischen Leistungen anerkennt. Wir möchten gerne noch mehr Mitglieder haben, vor allem in Brandenburg. Die Flüchtlingsarbeit sollte hoffentlich in zwei Jahren ein professionelles Standbein unserer Organisation sein. Wir hoffen, dass wir mit dem Netzwerk zur sexuellen Selbstbestimmung und mit der Demonstration, welche jedes Jahr gegen die sogenannten Lebensschützer stattfindet, noch mehr Kooperationspartner finden. Ein Tarifvertrag, der der aktuellen Situation des Verbandes entspricht, wäre auch erstrebenswert.”

Thema „selbstbestimmte Sterbehilfe“: Auf Facebook und in den anderen Medien wurde darüber viel veröffentlicht – wie ist da die Zustimmung in der Bevölkerung?
“Dies ist ein bundespolitisches Thema. Es gab die Situation, dass die organisierte Suizidbeihilfe unter Starfe gestellt worden ist und 80%  der Bevölkerung haben in Meinungsumfragen die Position des Humanistischen Verbandes unterstützt. Man muss die Möglichkeit haben, sein Lebensende selbst zu bestimmen und gegebenenfalls auch Hilfen beim begleiteten Suizid in Anspruch nehmen können. Die Bevölkerungsmeinung hat bei der Entscheidung der Bundstagsabgeordneten leider keine Rolle gespielt – die Mehrheiten und die starke christliche Lobby, welche auf den Bundestag einwirkt, haben anders entschieden.”

Wie kann ich als Angestellte*r des Humanistischen Verbandes selbst aktiv werden, um ihn zu unterstützen?
“Wir freuen uns über alle Beschäftigten, die Mitglied werden. Man kann sich somit für verschiedene Posten bewerben, z.B. kann man im Gremium des HVDs mitwirken, man kann sich für das Präsidium bewerben. Es gibt aber auch viele Ehrenamtlichkeiten, wie z.B. Nachbarschaftsarbeit; Hospizarbeit, als Unterstützung bei Familienangeboten in den Kindertagesstätten oder in der Jugendarbeit.”

Reden wir kurz über die sogenannte “Alternative für Deutschland”, Pegida usw. – wo werden die Schwierigkeiten der aktuellen Gesellschaft gesehen?
“Der Populismus nimmt nicht nur in Deutschland zu, sondern ist ein europäisches Problem geworden. Da sind Menschen im Moment unterwegs, die Intoleranz gegenüber Fremden, Intoleranz gegenüber LGBTI*s , Intoleranz gegenüber andern Ethnien usw. predigen, in einem Maße, was wir in demokratischen Staaten nicht geglaubt haben, das dies noch einmal möglich wäre. In Deutschland gab es immer rechtsextreme Bewegungen, die auch in die Parlamente hineingelangten. Es ist wichtig, dass wir als Humanistischer Verband mit der Zivilgesellschaft und mit der Politik in Verbindung stehen und aufklärerisch tätig sind. Es sind nicht alles Nazis, die zur AfD gehen, sondern es sind viele dabei, die orientierungslos sind, die aus Frust zur Wahl gehen, die wenig Interesse an der wahren inhaltlichen Auseinandersetzung haben, wie eine Gesellschaft aussehen sollte. Die vielleicht auch wenig Chancen hatten, ihr eigenes Leben zu gestalten.”

Warum spielen LGBTI*-Themen bisher keine so große Rolle im Humanistischen Verband?
“Es gab im Laufe der Zeit schon viele Berührungspunkte und gemeinsame Unterstützungen, aber wir haben in der praktischen Arbeit in verschiedenen Feldern natürlich immer den Blick darauf, dass auch Homosexuelle gleichberechtigt in der Arbeit mitwirken können und akzeptiert werden, wenn es zum Beispiel in den Kindertagesstätten Probleme mit Eltern gibt, die Vorurteile gegenüber Beschäftigten bzw. anderen Eltern haben, die ein anderes Familienbild haben als sie selbst leben, dann können wir professionell Unterstützung geben. Aber es ist bisher kein Arbeitsschwerpunkt beim HVD. Es gibt aber Überlegungen, wie der Humanistische Verband gezielt aktiv werden kann, um gegen Vorurteile und die dramatischen Ereignisse in Orlando, aber auch in Deutschland, gegenzuwirken.”

Gibt es spezifische Unterstützungsangebote für LGBTI*-Mitarbeiter?
“Nein, noch nicht. Daran arbeiten wir aber gerade.”

Thema „Ehe für alle“: Wie denken Sie darüber?
“Logisch. Wer möchte, soll doch bitte auch heiraten dürfen. Egal welches Geschlecht ein Mensch liebt. “

Warum ist der Humanistische Verband nicht auf großen Demonstrationen wie z.B. den Christopher Street Day anzutreffen?
“Dies kann ich nur theoretisch beantworten. Wir haben uns nie konkret angeboten. Es wurde auch nie darüber gesprochen, bei Veranstaltungen wie das Motzstraßenfest oder dem CSD teilzunehmen. Es ist immer in den privaten Bereich gegangen. Wer hingehen wollte, kann dies tun. Es gab aber bisher noch keine Organisationstrukturen in diesem Bereich. Das wird sich jetzt hoffentlich ändern.”

Der Humanistische Verband Deutschlands Berlin Brandenburg
Die alljährliche Mitgliederversammlung tagte am 5. November. Über das neue humanistische Selbstverständnis wurde bereits erfolgreich abgestimmt. Foto: © HVD BB/Facebook

Der Humanistische Verband ist aus der „Freidenker Bewegung“ bzw. aus dem Verein des Bestattungswesens entstanden, die es seit Anfang des 20. Jahrhunderts gibt. Es entstand eine große Bewegung. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es 400.000-500.000 Mitglieder beim „Deutschen Freidenkerverband“. Dieser wurde von den Nationalsozialisten verboten. Viele Mitglieder*innen des Verbandes kamen in den Konzentrationslagern ums Leben. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Neubildung der Bewegung in West-Deutschland, da die Kirchen sehr stark mobilisiert haben. In der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ist der Humanismus in die Verfassung aufgenommen worden, aber die „Freidenker“ wurden nicht wieder zugelassen. Nach der Wendezeit wurde überlegt, was man mit den vielen Splittergruppen der „Freidenker“-Bewegung macht. 1993 wurde eine Organisation gegründet, eine humanistische Interessenvertretung. So entstand der Humanistische Verband Deutschlands. Er wurde bundesweit gegründet. Es gab Förderungen vom Land Berlin, im Haushalt ist der Verband gleichgestellt mit den Kirchen. Er versteht sich als Weltanschauungsgemeinschaft, andererseits als Unternehmen, der für alle Generationen Angebote betreibt.

Der HVD beruft sich sehr stark auf die Verfassung. Er praktiziert weltlichen Humanismus, d.h., ein wichtiges Kriterium ist, dass wir im Diesseits leben und nicht daran glauben, dass wir unser Leben so ausrichten müssen, dass wir im Jenseits ein schöneres Leben haben als jetzt. Die Grundgedanken sind Solidarität, Toleranz, Mitmenschlichkeit, Selbstbestimmung, die sexuelle Selbstbestimmung.

Linkliste:

HVD im Netz: Humanistische Verband Berlin-Brandenburg
HVD auf Facebook: www.facebook.com/hvd.bb

Mehr dazu:

ENOUGH is ENOUGH! OPEN YOUR MOUTH!

Autor: Serkan Wels

Serkan arbeitet seit 6 Jahren beim HVD BB e.V. und engagiert sich außerdem ehrenamtlich bei ENOUGH is ENOUGH! OPEN YOUR MOUTH! Als Promoter und ehrenamtlicher Mitarbeiter “on tour” bereichert er unser Team seit über 3 Jahren.

 

Foto: © Maurice Weiss/OSTKREUZ
© Maurice Weiss/OSTKREUZ

 

Mehr dazu:

ENOUGH is ENOUGH! OPEN YOUR MOUTH!

Autor: Serkan Wels

Serkan arbeitet seit 6 Jahren beim HVD BB e.V. und engagiert sich außerdem ehrenamtlich bei ENOUGH is ENOUGH! OPEN YOUR MOUTH! Als Promoter und ehrenamtlicher Mitarbeiter “on tour” bereichert er unser Team seit über 3 Jahren.

 

Foto: © Maurice Weiss/OSTKREUZ
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