07
Mai
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“Wann hast Du entschieden hetero zu sein? ” oder Der Kampf mit sich selbst

Homosexualität ist ein Thema über das niemand etwas wissen und mit dem auch niemand etwas zu tun haben möchte, besonders in ländlichen Gebieten. Doch Schätzungen zufolge leben in Deutschland rund 4 Millionen Lesben und Schwule. Eine von Ihnen, ist die heute 18 jährige Mia, welche in einem beschaulichen Örtchen in der Nähe von Stuttgart groß geworden ist.

Es ist schon einige Zeit her, dennoch hat sie Tränen in den Augen, wenn sie von dem Weg berichtet, den sie in ihrem Leben gegangen ist. In ihr kocht es so vor Emotionen…Wut, Hass, Trauer und Enttäuschung werden gefolgt von unendlichem Stolz, Freude und Kampfgeist. Mia sitzt zusammengekauert auf der Bank, ihr Blick gesenkt, dennoch wirkt sie durch ihr äußeres Erscheinungsbild selbstbewusst und ehrgeizig. Ihre Aufmerksamkeit ist jetzt zwar auf den Boden gerichtet, doch wenn sie etwas erzählt, hält sie konstant Blickkontakt. Ihre tiefblauen, großen Augen fesseln…ihr Blick ist tiefgründig und beeindruckend. Mia wirkt wie eine starke Persönlichkeit.

Die ersten Gedanken daran, dass sie anders ist, kamen ihr im Alter von 14 Jahren, erzählt Mia. Sie bemerkte, dass ihr Interesse an Jungs nicht so war, wie beispielsweise bei anderen Mädchen in ihrem Alter. Während für ihre Freundinnen nichts wichtiger war, als mit Jungs in Kontakt zu treten und mit ihnen zu „flirten“, kam in Mia eher eine Art Desinteresse gegen all das hervor, wenn nicht sogar eine Abneigung.

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„Früher war mir das alles nicht so bewusst, ich habe es zwar registriert, aber eher ignoriert, weil es für mich einfach nicht von Bedeutung war. Doch wenn ich heute zurückblicke, merke ich, wie früh meine Homosexualität zum Vorschein kam“, berichtet Mia. Ich konnte nichts dafür und dennoch war ich Schuld, warf sie ohne Erklärung in den Raum. Sie schildert ihren Kampf gegen sich selbst. „Ich habe mich geschämt und gleichzeitig gegen meine eigenen Gefühle und Gedanken gewehrt“, offenbart Mia. In den letzten 3 Jahren, in denen sie mit sich selbst gekämpft hat, hatte sie viel Ärger zuhause und mit Freunden und auch in der Schule lief alles drunter und drüber…aber wie soll man auch normal weiterleben, wenn man anfängt sich selbst zu hassen und nicht mehr weiß wer man ist? Täglich hatte sie mit sich selbst zu kämpfen, mit ihren Gedanken und Gefühlen. Fühle ich mich wirklich zu Frauen hingezogen oder sind das nur sinnlose Hirngespinste, fragte sie sich öfter. Sie berichtet, dass sie anfing im Internet nach Antworten zu suchen und sich regelmäßig Erfahrungsberichte anderer Mädchen durchlas, denen es genauso ging wie ihr. Mia berichtet, wie sie sich gefühlt hat, während dieser Zeit, dabei sagte sie, dass sie mit niemandem drüber gesprochen habe und dennoch dauernd das Gefühl hatte, dass sobald sie einen Raum betritt, alle sehen konnten, was sie wirklich ist. „Ich hatte das Gefühl, dass auf meiner Stirn dick und fett mit schwarzem Edding ‘Lesbe’ geschrieben stand“, sagt Mia. Im Unterricht saß sie unkonzentriert, mit den Gedanken völlig woanders. „Man bezeichnete mich in dieser Zeit oft als eine Tagträumerin, weil ich ständig abwesend war und irgendwo in die Gegend blickte. Ich selbst sah das nie so, als abwesend hätte ich mich nicht bezeichnet, in solchem Momenten war ich halt nur da wo meine Gedanken mich hinbrachten.“, erzählt Mia. Aber in ihrem Leben hat sie sich noch nie mit einem Thema so intensiv auseinander gesetzt wie mit diesem, denn Hass und Ausgrenzung scheinen vorprogrammiert.

Auch wenn man meinen könnte, dass Homosexuelle heutzutage in Deutschland im Vergleich zu Zeiten des Nationalsozialismus, ein angenehmes Leben haben, da sie vom Staat akzeptiert werden, frei und offen leben dürfen, kann man sich leicht täuschen, denn viele Homosexuelle leiden unter homophoben Mitmenschen, die ihnen das Leben schwer machen. Mit Aussagen wie: „Lass dich therapieren, du bist doch krank!“ oder „Bei dir ist doch was in der Erziehung schief gelaufen!“, trifft man einen Menschen sehr. Doch Studien belegen, dass Homosexualität weder eine Krankheit ist, noch eine Verhaltensweise, die auf eine schlechte Erziehung hinweist. Ganz im Gegenteil, Forscher haben herausgefunden, dass Homosexualität angeboren ist, sie gilt als Veranlagung in den biologischen Wurzeln, deshalb ist sie weder heilbar noch zu verhindern, da sie genetisch bedingt ist. Trotzdem sind Homosexuelle in ihrem Leben ständig mit Ausgrenzung, Hass und Vorurteilen konfrontiert.

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Die Angst vor Ausgrenzung oder erniedrigenden Reaktionen, überwiegt bei den meisten, die sich mit der Frage ihrer Sexualität auseinandersetzen. Nachdem sich Mia lange mit dem Thema auseinander gesetzt hatte, wehrte sie sich, aus Angst vor Konsequenzen strikt dagegen. Sie erzählt, dass sie regelmäßig versucht hat, sich vom Gegenteil zu überzeugen, indem sie Jungs auf Partys geküsst hat und irgendwann sogar soweit ging, dass sie eine Beziehung mit einem Jungen eingegangen ist. „Ich habe mir die wahren Gefühle vorgespielt. Meine Mama sagte immer zu mir, die wahre Liebe erkennt man an dem Bauchkribbeln. Es wäre ein positives Gefühl der Ohnmacht. Doch genau dieses Gefühl vermisste ich bei Jungs immer“ sagt Mia. Nach einigen Wochen trennte sich Mia wieder von ihrem damaligen Freund, weil sie das Gefühl vermisste und immer deutlicher merkte, dass es nicht richtig war. Sie brach an der Last, die ihr auf den Schultern lag zusammen und merkte, dass es so nicht weiter ging. Mia erzählt genau von dem Tag der Trennung: „Wenn ich zurückdenke, sehe ich den Tag, als wäre es erst gestern gewesen, obwohl es vor mehr als 16 Jahren passierte. Dieser Tag hat damals mein Leben komplett verändert und auf den Kopf gestellt.“ Im weiteren Gespräch mit Mia kommt heraus, dass sie, nachdem sie sich von ihrem damaligen Freund getrennt hatte, sofort zu ihrer besten Freundin gefahren ist und ihr alles berichtet hat. Mia erzählte ihr von dem Gedanken, dass sie möglicherweise auf Frauen stehe und dies der Grund ist, warum sie nie richtig glücklich wird. „Angst es ihr zu erzählen hatte ich schon, doch was hätte passieren sollen? Mehr verlieren als sich selbst kann man in seinem Leben nicht und an dem Punkt war ich bereits“, nuschelt Mia fast unverständlich vor sich her.

Sie schaut nachdenklich von einem Punkt zum anderen. Ihr Blick ist leer und ihre Körperhaltung ist weiter zusammengesunken. Mia ist den Tränen nahe, doch bewahrt die Fassung.

Angst ist auf dem Weg von Homosexuellen ein ständiger Begleiter, dies hat auch drastische Auswirkungen auf die Statistiken über Suizid bei Jugendlichen. Jeder fünfte Homosexuelle, vor dem 20. Lebensjahr, hat schon einmal einen Suizidversuch begangen. Bei den 16- bis 20-jährigen Homosexuellen, ist das Risiko 2-5-mal so hoch wie bei heterosexuellen Jugendlichen. Noch deutlicher wird der Unterschied bei der tatsächlichen Umsetzung der Suizidgedanken. 33% der Homosexuellen tätigen tatsächlich den Versuch sich das Leben zu nehmen, bei heterosexuellen Jugendlichen sind es “nur” 3%.

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Ab dem eben erwähnten Tag, änderte sich Mias Leben ständig. Sie begann immer offener mit dem Thema umzugehen. Sie erzählte es dem ein oder anderen Freund oder der ein oder anderen Freundin und vergrößerte somit das Feld der Menschen, die von ihrer sexuellen Orientierung wussten. Mia sagt: „Mit jeder Person in meinem Leben, die es mehr wusste, wurde ich selbstbewusster und habe mein eigenes Ich auf eine gewisse Art und Weise wieder gefunden. Dennoch fehlten die wichtigsten Menschen in meinem Leben,meine Familie, denn der Gedanke diesen Schritt zu gehen, löste in mir eine unbeschreibliche Angst aus.“ Mia meldete sich in Foren an, in denen homosexuelle Mädchen sich kennenlernen konnten. Ab und an ging sie auch mit ein paar Freunden in Diskotheken für Lesben und Schwule, doch das schlechte Gewissen wuchs. „Ich habe mein Leben offen gelebt und alle wussten es, nur meine eigenen Eltern und meine Familie nicht. Ständig musste ich lügen und mich selbst verleugnen, was mir mit der Zeit immer schwerer gefallen ist“, berichtet Mia. Als Mia nun wusste, wer sie war und offen sagen konnte, dass sie auf Frauen steht, begann das nächste Problem. Wie sagt man so etwas seinen Eltern am besten und muss man es überhaupt sagen? Müssen Homosexuelle sich wirklich „outen“ in der heutigen Zeit? Darf man vielleicht auch einfach mit der Freundin nach Hause kommen und sie vorstellen wie ein heterosexueller Jugendliche es auch machen würde? Woher wissen denn die Eltern, dass ihr Kind heterosexuell ist? Man könnte meinen, dass die Gesellschaft soweit fortgeschritten ist, dass es vollkommen egal ist, wen man nun mit nach Hause bringt und den Eltern vorstellt, aber das ist wohl nur eine Hoffnung, denn die Realität sieht ganz anders aus. „Auf die sexuelle Orientierung hat man keinen Einfluss. Oder haben Sie sich ausgesucht mit welcher Hand Sie schreiben? Ob Sie Links- oder Rechtshänder werden?“, wirft Mia in den Raum. In der Schule und auch im Dorf macht Mia sowohl positive, als auch negative Erfahrungen im Bezug auf ihre sexuelle Orientierung. Einige sprachen ihr ihren größten Respekt aus und bewunderten sie für ihre Offenheit. Andere wiederum mieden sie oder beleidigten Mia aufs Schlimmste. „Respekt für mein Outing, wollte ich nie. Ich habe den Leuten immer gesagt, dass ich dafür keinen Respekt haben möchte, denn es sollte zu etwas Normalen werden, zu sich selbst und seiner Sexualität zu stehen. Die Menschen, die mich beleidigten, konnte ich einfach nicht Ernst nehmen und ignorierte sie, obwohl es einen innerlich schon ab und an traf“, erzählt Mia.

In Deutschland und überall auf der Welt haben Homosexuelle mit Vorurteilen zu kämpfen. Ausdrücke wie „Kampflesbe“ oder „Du Schwuchtel“ gehören fast schon in den normalen Sprachgebrauch mancher Menschen. Klischees wie „Lesben hassen Männer“ oder „Homosexualität ist unnatürlich“ gibt es heutzutage noch überall auf der Welt. Sogar kirchliche Institutionen richten sich gegen Homosexuelle. Sie sehen Homosexualität ebenfalls als unnatürlich an und bezeichnen es als Sünde, da es nicht von Gott gewollt sei. Die katholische Kirche bietet sogenannte „Homo-Heiler“ an. Dies sollen Ärzte sein, die einem den schlechten Geist, der in einem steckt, austreibt, damit man sich anschließend besser fühlt und wieder sündenfrei ist, so wie die Kirche es beschreibt.

Mia lernte nach einiger Zeit ihre erste Freundin kennen, doch bevor das passierte, erzählte sie es ihren Eltern. Homosexuelle Jugendliche leiden unter einer enormen Angst vor ihrem Outing, sie rechnen damit verprügelt zu werden oder sogar damit ihre Familie zu verlieren. Mias Outing bei ihren Eltern verlief gut. „Meine Mutter war anfangs nicht begeistert, aber mein Papa hat es super aufgenommen. Er war nur ein wenig traurig, dass ich nicht früher zu ihm gekommen bin und all das mit mir alleine ausgemacht habe. Nach ein paar Wochen kam auch meine Mutter besser damit zu Recht und heute ist es auch gar kein Problem mehr für sie“, erklärt Mia. Die Eltern behandelten Mias Freundin genauso wie sie einen Jungen behandelt hätten und machten keinerlei merklichen Unterschied. Homosexuelle Menschen outen sich ihr Leben lang, sie sind nie fertig damit sich dafür zu rechtfertigen, wie sie lieben. Immer wieder sind sie in ihrer Welt Anfeindungen ausgesetzt und müssen mit „negativen Äußerungen“ zurecht kommen.

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Homosexuelle erfahren Gewalt und Mobbing fast überall in ihrem Umfeld, ob in der Schule, der Familie oder in der Öffentlichkeit. Eine Studie hat gezeigt, dass in der Schule zwar 18% der Lehrer Homosexuelle verteidigen aber über 27% aller Lehrer mit ihren Schülern über homophobe Witze lachen, obwohl sie nicht wissen, ob möglicherweise ein Schüler in dieser Klasse gerade den Kampf mit sich selbst und gegen seine Sexualität kämpft.

Mia ist heute, 4 Jahre später, eine starke, selbstbewusste Frau, die durch ihr Leben und ihre Erfahrungen geprägt ist. „Ich habe mich in einen Menschen verliebt und es war zufällig eine Frau! Liebe ist Liebe und kennt kein Geschlecht. Toleranz hat etwas mit Bildung zu tun. Und seine Intoleranz kann man weder auf seine Religion noch auf andere Dinge schieben. Mir kann jeder sagen, dass er ein Problem damit hat, so lange er mich so leben lässt, wie ich ihn leben lasse. Für Intoleranz braucht man keine Toleranz aufzubringen. Ich kann nur an alle Menschen appellieren, dass sie endlich ihre Augen aufmachen sollen, denn was Menschen angetan wird, nur weil sie lieben, ist nicht nur in Deutschland ein Problem.“

In Deutschland können Homosexuelle laut dem Gesetz offen leben, doch die Realität sieht anders aus. Es werden auf deutschen Straßen immer noch Homosexuelle besonders junge Männer, auf Grund ihrer Neigung verprügelt oder sogar ermordet. Dennoch sollte man die Augen in diesem Sinne auf die ganze Welt richten, denn es gibt heutzutage – und wir leben im 21. Jahrhundert – immer noch 70 Länder, in denen Homosexuelle strafrechtlich verfolgt werden. Und in 7 Ländern bezahlen sie dafür mit ihrem Leben!

ENOUGH is ENOUGH! OPEN YOUR MOUTH!

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(Der Aufsatz von Vanessa Schäfer ist eine Sozialreportage im Rahmen des Deutschunterricht in der Schule.)

#IDAHOT2015 • Wir. Alle. Gemeinsam.

Am 17. Mai jährt sich der 11. Internationale Tag gegen Homophobie und Transphobie (IDAHOT). ENOUGH is ENOUGH – OPEN YOUR MOUTH veranstaltet unter dem Motto #WirAlleGemeinsam an diesem Tag in Berlin eine Kundgebung am Brandenburger Tor, um auf die weltweite Homophobie und Transphobie aufmerksam zu machen, denn in über 70 Länder der Welt werden Lesben, Schwule und Trans*Menschen heute immer noch strafrechtlich verfolgt, in 7 dieser Länder kann es ihnen durch die Todesstrafe das Leben kosten. 

Das gesamte Organisationsteam arbeitet weiterhin ehrenamtlich – es ist uns sehr wichtig, das hier noch einmal klar zu sagen!Bitte folgt dem Link und benutzt am besten gleich einen unserer Spendenbuttons auf unserer Website! Vielen Dank.

Solltet ihr eine Spendenquittung benötigen, freuen wir uns Euch mitteilen zu können, dass dies auch möglich ist. Wir haben dazu ein Spendenkonto vom Aktionsbündnis gegen Homophobie e.V. zur Verfügung gestellt bekommen. Für alle Spenden, die auf dem unten genannten Spendenkonto eingehen, können Euch Spendenbescheinigungen ausgestellt werden!

Spendenzweck: ENOUGH is ENOUGH! OPEN YOUR MOUTH! + Adresse
Spendenkonto: Aktionsbündnis gegen Homophobie e.V.
IBAN: DE09585501300001065663
BIC: TRISDE55XXX
Sparkasse Trier

Aktivist und Pressesprecher der Initiative, Alfonso Pantisano, sagt dazu “Das Leben der Lesben, Schwulen, Bi- und Intersexuellen, sowie der Trans*-Menschen in aller Welt wird nur eines Menschen würdig werden, wenn wir uns wie Schutzschilde aufstellen. Wenn wir sie begleiten. Wenn wir unsere Stimme dann nutzen, wenn sie zum Schweigen gezwungen werden. Wir alle haben die große Verantwortung ihnen all unsere Unterstützung zu bieten, damit ihre Stimme überall gehört wird”.

Die Kundgebung zum diesjährigen IDAHOT findet am 17. Mai am Brandenburger Tor (Pariser Platz) um 14 Uhr statt. Hier gehts zur Veranstaltungsseite.
Wir. Alle. Gemeinsam.

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