06
Sep
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“Meine Eltern mit Migrationshintergrund” oder “Über die Hoffnung der anderen 80 Prozent”

Der Aktivist Alfonso Pantisano arbeitet gemeinsam mit seinen Freunden seit über drei Jahren für die Menschenrechtsinitiative ENOUGH is ENOUGH! OPEN YOUR MOUTH!. Kurz vor der Wahl am 18. September in Berlin mahnt er die Menschen zur Wahl zu gehen – und berichtet von seinen eigenen Eltern. Ein Plädoyer an alle Wähler*innen in der Hauptstadt!

“Als meine Eltern vor über 50 Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, kamen sie hierher mit einem Ziel: Nach ein zwei drei Jahren wieder nach Italien zurückzugehen. Hier die eigene Arbeitskraft anbieten, Doppelschichten arbeiten, Geld verdienen und Geld sparen und wieder zurück in die Heimat gehen. So fühlten irgendwie die meisten Gastarbeiter.

Die deutschen Gastgeber hatten sogenannte Baracken gebaut, in denen die Gastarbeiter unterkommen sollten. Die Italiener kamen mit den Italienern unter, die Griechen mit den Griechen, die Türken mit den Türken.

Das hatte man bestimmt gut gemeint. Ein Vermischen mit den neuen Kollegen aus dem Ausland war recht schwer, denn man verstand die Sprache des Anderen nicht und während der Akkordarbeit am Fließband war Sprechen sowieso fast unmöglich. Deutschlernen stand für die Gastarbeiter nicht wirklich auf dem Plan. Deutsch beibringen auch nicht. Wofür auch?

Die Gastarbeiter waren Gäste, die eh nicht lange bleiben wollten und sollten. Meine Mutter hatte zudem in der Heimat die Schule nach der dritten Grundschulklasse abgebrochen und nach vielen Jahren ohne Schulbildung hätte sie hier wahrscheinlich große Schwierigkeiten gehabt, erneut ein Schulbuch in der Hand zu halten.

Wir können es besser machen. Wir müssen es besser machen.

Nach 50 Jahren in Deutschland sprechen meine Eltern immer noch nicht perfekt deutsch. Ihr gelernter Wortschatz aus dem sogenannten “Ausländerdeutsch” hat sich hartnäckig in ihr Gehirn gebrannt und ist leider nie perfektioniert worden. Da sie seit 50 Jahren in Stuttgart leben, ist an Hochdeutsch eh nicht wirklich zu denken. Aber Schwäbisch! Schwäbisch haben sie gelernt. Und zwar richtig gut. Nur versteht sie kaum einer außerhalb des Ländles.

Wer sich heute über meine Eltern beschwert, weil sie nach 50 Jahren noch nicht perfekt Deutsch sprechen – kritisiert sie zu Recht. Aber, wer sie kritisiert, muss auch wissen, dass es von Seiten der Gastgeber nie einen echten Integrationsgedanken gab. Weder beim Sprache beibringen noch beim interkulturellem und gemeinsamem Wohnen unter einem Hausdach.

Heute, über 50 Jahre nach Ankunft unserer sogenannten „Eltern mit Migrationshintergrund“ in Deutschland, können wir es besser machen. Müssen wir es besser machen.

Ich bin aus vielen Gründen kein Freund von Angela Merkel – als schwuler Mann fällt mir das extrem schwer. Und dennoch glaube ich, gerade nach dem letzten Wochenende und den 20plus Prozent der AfD in Mecklenburg-Vorpommern, dass Angela Merkel irgendwann in den Geschichtsbüchern dafür gefeiert werden wird, weil sie vielen Menschen eine neue, sichere Heimat ermöglicht hat.

Gerade laufen im Hintergrund die Nachrichten im Fernsehen. Überall wird der Satz „Wir schaffen das“ kritisiert. Überall wird darüber geredet, dass die Menschen in Deutschland, dass die Deutschen, einen Kurswechsel wollen. Aber diese 20 Prozent, die gerade die Politik der AfD unterstützen, sind nicht die Deutschen. Es sind nur 20 Prozent der Deutschen. Die anderen 80 Prozent, über die kaum einer spricht, glauben an keine Krise sondern an Chancen. Die anderen 80 Prozent sehen keine Schmarotzer, denen man hier sogar den „Arsch abputzt“, wie gerade eine AfD-Frau in den Tagesthemen gesagt hat, nein, diese 80 Prozent sehen Menschen, die vor Krieg und Terror geflohen sind und hier Schutz suchen. Das sind die anderen 80 Prozent!

In zwei Wochen wird in Berlin gewählt. Ich habe Hoffnung, dass sich in meiner Stadt diesen 80 Prozent noch einige mehr anschließen werden.

Wenn ihr dürft, dann geht bitte wählen! Und so pathetisch wie es auch klingen mag, meine ich es auch: Tut es für Eure eigenen Kinder. Und für die Kinder dieser Flüchtlinge, die eines Tages in perfektem Deutsch die Geschichte ihrer Eltern erzählen werden.”

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