Ich muss gestehen, als trockener Burn-Outler ist Zeit ein wahres Phänomen für mich, welches mich an den Rande meiner Existenz brachte und welches mich immer noch stark beschäftigt. Da kommst du als Mensch mit der Neigung zum Perfektionismus und zum Idealen nicht dran vorbei. Ein Phänomen, weil mir absolut bewusst ist, dass wir es selbst in der Hand haben, ob wir Sklave der Zeit sind oder im Einklang mit den Zeiten leben und dennoch macht mich die gefühlt rasende Zeit so oft rasend. Dabei habe ich beschlossen, dass Zeit zu haben definitiv eins meiner Lebensziele ist und praktizierte Achtsamkeit ist mein Weg dahin. Zeit haben ist mein Luxus geworden. Ein Luxus, für den ich bereit bin, auf so manches zu verzichten.

Wie viele Stunden ich in meiner über zweijährigen Krankheitsstrecke, vollkommen ausgeknockt durch ein anderes Phänomen, welches sich eben Burn-Out nennt, mit dem Phänomen Zeit verbracht habe – Wahnsinn. Irrsinniger Wahnsinn, der meinen Therapeuten beinahe an den Rande seines Wahnsinns brachte. Ich sage euch, wenn ein hochgeduldiger, weiser, alter Therapeut irgendwann zu dir sagt und das mit erhobener Stimme: „Frau B., jetzt hören Sie aber echt mal auf!“, dann ist deine Zeit gekommen, ihm und somit dir selbst zuzuhören.

„Ich habe beschlossen, dass Zeit zu haben definitiv eins meiner Lebensziele ist und praktizierte Achtsamkeit ist mein Weg dahin. Zeit haben ist mein Luxus geworden. Ein Luxus, für den ich bereit bin, auf so manches zu verzichten.“ 

Heute kann ich darüber lachen und bin froh, dass er mich auf diese Weise geweckt hat. Tja, wie verrückt man ist, wenn man sich dem gesellschaftlichen Zeitdiktat der Beschleunigung unterstellt… Welche zeitlichen Einheiten allein im obigen Satz stehen: viele Stunden, zwei Jahre, Strecke… Da sitzt du plötzlich da als junger Mensch und du kannst wirklich nur dasitzen und es vergehen über zwei Jahre, ohne dass du etwas „tust“.

Das hat mich eine lange Zeit verrückt gemacht und die Heilung verhindert. Ich war es doch gewohnt zu arbeiten, zu leisten, zu (er)schaffen, mich zu amüsieren, Party zu machen, zuzuhören, zu helfen, zu supporten, mich abzumühen ein „perfektes“ Leben zu führen und dann wird dir deine „Unperfektheit“ mitten ins Gesicht geknallt! Peng, Aus, Ende. Als „unperfektes“ Häufchen Elend saß ich plötzlich da und ich hatte nichts mehr. Nichts mehr außer Zeit.

Natürlich hatte ich nur gefühlt nichts mehr, da war noch eine ganze Menge übrig bzw. wollte eben auch mal gesehen werden, aber das siehst du in dem Moment nicht, kannst du auch nicht. Da tut sich plötzlich ein Raum auf, ein Raum voller Zeit, in dem du nichts tun, machen, schaffen kannst und ich war vollkommen überfordert. Mein Körper war mehr als am Ende, meine Seele heulte sich die Seele aus dem Leib und mein Geist versuchte aus den Therapien To-Do-Listen zu machen, damit ich abends das Gefühl hatte, heute etwas geschafft zu haben.

„Natürlich hatte ich nur gefühlt nichts mehr, da war noch eine ganze Menge übrig bzw. wollte eben auch mal gesehen werden, aber das siehst du in dem Moment nicht, kannst du auch nicht.“ 

Ich schaffte nichts, gefühlt nichts. Du brauchst auch nichts an sich zu schaffen, schreit mir meine Seele ins Gesicht, du musst erst mal wieder auf die Beine kommen! Und wie lange es gedauert hat, mir selbst diese Zeit der Genesung zuzugestehen, obwohl ganz offensichtlich war, dass ich nicht mehr konnte, ebenfalls kompletter Wahnsinn.

Aber jeder menschliche Wahnsinn hat irgendwann ein Ende, das habe ich gelernt. Ein Glück! Irgendwann kommt die Zeit, da kannst du deine Seele, die kristallklare, weite Stimme in dir (wieder) hören. Nicht immer, aber immer öfter. Und die weiß, was zu tun ist. Darauf kannst du dich verlassen. Die ist ein echter Checker, im Gegensatz zu unserem vollkommen geblendeten Ego-Verstand (*Hinweis: Den Begriff und die Theorie dessen entnehme ich aus dem Buch „Jetzt“ von Eckhart Tolle und verwende sie entsprechend.).

„Irgendwann kommt die Zeit, da kannst du deine Seele, die kristallklare, weite Stimme in dir (wieder) hören. Nicht immer, aber immer öfter.“

Dieser Ego-Verstand versucht permanent dem Jetzt, dem, was gerade nun mal ist, zu entfliehen, indem er über die Vergangenheit grübelt, Dramen und Mindfuck spinnt und sich um die Zukunft sorgt. Das ist ein Teil unseres Verstandes, der den Illusionen der Beschleunigung unterworfen ist und der der „man-Gesellschaft“ („Man macht das eben so!“) hinterherrennt und dessen Stimme laut und immer eng und unruhig ist.

Wie könnte sie es auch nicht sein!? – In einer Welt, die wiederum so laut und unruhig ist, dass sie das Individuum fortwährend zudröhnt mit ihren Stimmen des Mehr-und-Anders-Haben-Wollens. Hinterher-rennt, weil es immer noch etwas geben wird, was angeblich noch zu tun ist, was angeblich noch fehlt zum Glück und weil wir deswegen dort nie ankommen werden, weil es dort nie genug gibt. In diesem vermeintlichen „dort“ lebt der abgestumpfte, unsensible, enge Mensch, der irgendein „man“-Leben lebt, aber nicht sein eigenes. Und dort wollte ich noch nie sein, Danke Burn-Out für diese Erinnerung!

In Frankreich wird in manchen psychologischen Theorien und Praxen das Burn-Out als natürliche Maßnahme des Körpers angesehen, um dem krankhaften Beschleunigungstempo unserer Gesellschaft ein Ende zu setzen. Ein individuelles Ende, aber immerhin das. Irgendwo muss ja angefangen werden. Das erklärte mir mein Therapeut. Wie ich später lernte, sprechen die Spezialisten in der Soziologie und Philosophie sogar von der sozialen Pathologie der Beschleunigung.

„In Frankreich wird in manchen psychologischen Theorien und Praxen das Burn-Out als natürliche Maßnahme des Körpers angesehen, um dem krankhaften Beschleunigungstempo unserer Gesellschaft ein Ende zu setzen. Ein individuelles Ende, aber immerhin das.“

Das heißt nun mal, und hier muss das Individuum der Wahrheit in die Augen blicken, dass wir uns gesellschaftlich in einem kranken Zustand der Beschleunigung befinden, geprägt z. B. durch den Kapitalismus, den Konsum, die scheinbar unendlichen Möglichkeiten und den Wunsch nach immer mehr oder anders und der dadurch verursachten permanenten Unzufriedenheit mit dem, was ist.

Ein weiterer, wichtiger Punkt im Zusammenhang mit dieser Beschleunigung ist, dass wir dauerhaft mit Input und Reizen in der Außenwelt überflutet werden und diese Fluten überschlagen sich ja förmlich. Was diese Ausprägung der Beschleunigung mit uns macht? All das, was der Geist so wahr-nimmt, auf-nimmt, nimmt er damit rein in den Körper. Wir nehmen es zu uns und genauso wie physische Nahrung, so möchte auch die geistige Nahrung verdaut werden. Und richtig, das dauert Zeit. Und je mehr ich wahrnehme, desto länger dauert die Verarbeitung nun mal. Das ist einfach nur logisch. Nur für die einfachen Logiken dieser Welt haben wir so selten Zeit.

Ein Widerspruch der besonderen Art, wie ich finde. Ein komplett menschlicher Widerspruch, der dennoch so vehemente Auswirkungen hat. Zu dieser geistigen Nahrung, dem Input an sich, kommen dann noch die typisch menschlichen geistigen Komponenten dazu: unsere Begierden, unser Wille, unsere Gefühle, unsere Vergangenheit, unsere Zukunft, das Vergleichen mit anderen Momenten, Erlebnissen, Erfahrungen und anderen Menschen. Das Vergleichen der Zeiten.

„Das heißt nun mal, und hier muss das Individuum der Wahrheit in die Augen blicken, dass wir uns gesellschaftlich in einem kranken Zustand der Beschleunigung befinden, geprägt z. B. durch den Kapitalismus, den Konsum und die scheinbar unendlichen Möglichkeiten.“

Und hier liegt meiner Ansicht nach der Hund begraben: Indem wir zwischen den Zeiten vergleichen, fliehen wir vor unserer Jetzt-Zeit. Eine Zeit lang habe ich gerne verglichen, was ich vor meinem Burn-Out alles konnte und was ich jetzt noch kann. Ich meine damit nicht das Vergleichen meiner Leistungen oder ihrer Qualitäten, die sind wieder auf dem gleichen Level, das Burn-Out hat mich ja schließlich nicht dümmer gemacht, im Gegenteil. Ich meine, das reine Vergleichen meiner Kapazitäten, also das, was ich mal wieder morgens im wahnhaften Energierausch alles auf meine To-Do-Liste geschrieben habe und was ich dann abends von meiner To-Do-Liste als geschafft abhaken kann.

Wie diese Rechnung so oft ausgefallen ist, ist nicht schwer zu erraten. Doch was bringt mir dieses Vergleichen? Nichts, außer Selbst-Unfrieden. Und damit sind wir wieder im Feld des Wahnsinns angekommen. Und wohin dieser mich geführt hat, das möchte ich wirklich nicht noch mal durchmachen müssen. Daher reiße ich mich zusammen und setze meine ausgeprägte Disziplin mal für mich statt immer nur für die Arbeit ein und gestehe mir a) meine „Unperfektheit“ zum 1000. Mal ein und gestehe mir b) zu, dass ich, seitdem ich eben neben meinem Geist auch auf Körper und Seele Acht gebe, ich nun mal nicht mehr Dauergast auf der Überholspur sein kann und auch nicht sein will.

Ja, früher da konnte ich ackern und Input konsumieren ohne nur einmal mit der Wimper zu zucken, doch ich musste den Preis dafür vollkommen zu Recht bezahlen und erkennen, dass ich keine menschliche „man-Maschine“ bin, die unermüdlich und grenzenlos on sein kann. Ich möchte stattdessen ich sein mit all meinen Ecken, Kanten, Farben und Gefühlen. Und wer Ecken hat, bei dem kann es nun mal nicht immer rund laufen. Vielmehr kommt es darauf an, im Einklang mit den eigenen Zeiten zu leben und diese anzunehmen, wie sie gerade sind. So wurde meine Zeit wieder zu meiner Zeit und ich schaffte es raus aus der gesellschaftlich geprägten Zeit-Sklaven-Maschinerie und meiner Burn-Out-Spirale.

So wie der Frühling dem Winter und der Herbst dem Sommer folgt und das Rad der natürlichen Zeiten sich fortwährend weiterdreht – so möchte ich meine Zeit als das Werden von meinen Zeiten sehen. Immer wenn mir das gelingt, bin ich innerlich friedlich. Immer wenn ich mich dagegen stelle, wird der innere Unfrieden laut. Das habe ich gelernt. Und ja „Zeit als das Werden von meinen Zeiten“, das heißt, dass ich an einem Tag den passenden Dominostein finde, am anderen Tag nicht, dass ich auch mal aussetzen muss und nicht mitspielen kann oder dass zwei, drei Steine passen und ich mich entscheiden muss, welchen Weg ich nehme.

„So wie der Frühling dem Winter und der Herbst dem Sommer folgt und das Rad der natürlichen Zeiten sich fortwährend weiterdreht – so möchte ich meine Zeit als das Werden von meinen Zeiten sehen. Immer wenn mir das gelingt, bin ich innerlich friedlich.“

Und ja, wir können raus aus den kranken gesellschaftlichen Systemen, raus aus der Zeit-Druck-Beschleunigungs-Gesellschaft, wenn wir unsere Zeit als eine Abfolge von werdenden Prozessen ansehen und die Verantwortung für unsere Zeit und unsere Zeiten übernehmen. Und wenn wir gerade nicht raus aus den Systemen können, dann ist bewusst mitspielen immer noch erleichternder als blind mitzulaufen. Indem wir uns bewusst machen, dass es gesellschaftlich geprägte Zeitdiktate gibt und indem wir uns bewusst machen, in welcher Weise diese auf uns wirken und wann wir getrost davon auch mal Abstand nehmen dürfen, so kommen wir letztendlich auf unserer Lebensreise viel weiter.

Wie das individuell geht, wann Schaffen und Tun angesagt ist und wann Auszeit und Sein dran ist, das weiß die eigene Seele als Einzige und am allerbesten. Sie kennt meine Zeiten, meine Grenzen und Schwächen, meine Potenzialausdehnungen und Stärken. Diese leise, klare, ruhige, Stärke und Mut verströmende Stimme in uns, wir können sie auch Intuition oder Herzensstimme nennen, sie weiß, was wann und wie geht. Alles, was ich als Mensch tun sollte, ist mir Zeit zu nehmen, mir selbst zuzuhören. Zeit der Besinnung, der Innenschau, des In-meinen-Körper-Reinfühlens. Zeit zur Ausbildung meiner klaren Stimme, Zeit zur spirituellen Bildung, um meinen Platz in dieser chaotischen, lauten Welt zu finden und um ein Verständnis für die Zeit zu bekommen, in der wir gerade leben, damit ich dann mit meinen Zeiten in Frieden umgehen und leben kann. Dafür darf ich ein fettes rotes Kreuz in meinem straff getakteten Zeitplan machen. Und wenn ich das regelmäßig mache, weil ich mir das regelmäßig wert bin, dann erkenne ich inmitten meiner ganzen „Unperfektheit“, dass ich jederzeit schon „perfekt“ bin, so wie ich gerade bin!

#lebenkunst4null
#lebenskunst4null ist eine fortlaufende Kolumne auf i-ref.de, in der euch vier Philosophen mit auf die Reise durch ihre Gedanken-und Gefühlswelt zum Thema Leben im 21. Jahrhundert nehmen.