Während des Lesens dieser Zeilen vergeht Zeit! Vergeht während des Lesens dieser Zeilen Zeit? Im Sinne eines funktionell messbaren Abschnitts, sicherlich. Auf eine andere Weise bin ich mir nicht sicher. Der Zweifel rührt daher: Mir ist klar, dass ich mich daran erinnere, wie ich diese Zeilen soeben geschrieben habe und dann gelesen. Im Augenblick des Erinnerns folge ich einem Muster: Ich tue so, als ob ich mich in der Gegenwart einer gerade erst Vergangenheit gewordenen Zeit erinnere.

Mein Problem: Für die Erfahrung gibt es entweder keine Gegenwart oder nur Gegenwart. Entweder ist ein Augenblick ein ständiges Gleiten von vergehenden Momenten, die Vergangenheit werden, wo Zukunft immer gerade so beginnt; oder das, was ich Augenblick nenne, ist eine einzige Gegenwart, deren ich mir nur nicht habhaft werden kann. Angenommen das Letztere trifft zu, dann sind Vergangenheit und Zukunft auf irreale Weise inexistent.

„Mein Problem: Für die Erfahrung gibt es entweder keine Gegenwart oder nur Gegenwart.“

Nicht für ein Spiel, das ich mit mir und anderen spiele, in dem ich mich auf Erinnerungen beziehe und Wünsche und Absichten für eine Zukunft formuliere. Aber sie sind es, wenn ich hinsehe und sehe, dass es bloß Gedanken sind, diese Erinnerungen, möglicherweise verquickt mit Stimmungen und Gefühlen, auftauchend in Form von Bildern, möglicherweise auch aufwallend im Körper; und in die andere Richtung, die Wünsche und Absichten, auch dort Gedanken, verbunden vielleicht mit Vorfreude oder Befürchtung, aber dennoch Projektionen in eine Zeit, die nicht ist.

Wozu das Ganze? Das Ganze ist keine Spielerei, eher eine spielerische Investigation ins eigene Erleben. Ich will nicht wissen, ob Zeit für sich existiert oder nur für mich, ich möchte wissen, mehr: mir klar sein, was ich erlebe, wenn ich davon spreche, dass Zeit vergeht. Warum? Weil Konzepte von Zeit Alltag sind, Teil einer alltäglichen Praxis. Mit der Einteilung und Zerstückelung, mit dem Zerschneiden und Verkleinern von Tag in Stunde in Minute in Sekunde beginnt Alltag, beginnt Planung, beginnt Stress, Hektik, Hast.

Termine werden getaktet, es wird erledigt, gemacht, getan, gearbeitet, gekauft. Aber das ist, wie wir strukturieren, wie funktional vorgegangen wird, um mit dieser Linie von Zeit, dem Zeitlauf, dem Ablauf, umzugehen. Bewegung scheint unausweichlich: Zeit läuft, vergeht, rennt, fließt, flieht, schreitet. Das aber ist nicht, was ich meine. Ich meine etwas, das vielleicht nicht jenseits, aber abseits dieser Taktung geschieht.

„Mit der Einteilung und Zerstückelung, mit dem Zerschneiden und Verkleinern von Tag in Stunde in Minute in Sekunde beginnt Alltag, beginnt Planung, beginnt Stress, Hektik, Hast.“

Denn innerhalb dieses Laufs überwiegt die Planung, das Erledigen, Vorhaben, Vorausschauen. Abseits, und das kann gleichzeitig geschehen, ist kein Stillstand. Den scheint es nirgends zu geben. Selbst wenn ich es nicht Zeit nenne, nicht mit dem Konzept hantiere und es irgendwie hin- und herwerfe, selbst dann geschieht etwas: Veränderung, Wandlung, Transformation.

Es gibt diese beiden Momente: Einmal merke ich, die sogenannte Zeit ist kaum vergangen, weil ich warte, die Uhr betrachte, eine Weile recht lange dauert, ich mir wegwünsche damit zu sein; ein andermal bin ich verwundert und verblüfft, wohin all diese Zeit ist, denn es hat doch kaum begonnen, da ist es schon vorbei: ein Film, ein Gespräch, eine Party, ein Jahr, ein Leben.

Möglich, dass dieses Ablehnen einer Erfahrung einerseits und dieses Festhalten-Wollen von Erlebnissen andererseits mein Zeitempfinden maßgeblich prägen und figurieren – Langsamkeit wie Schnelligkeit: somit die empfundene Dauer –, und dass dies viel entscheidender ist für meine Wahrnehmung in und mit der Welt als die Zeit auf der Uhr. Was nun, wenn diese Priesterin (man nehme wahlweise eine andere geschlechtliche Form), wenn diese Priesterin der Vergänglichkeit, die wir Zeit rufen, wenn sie lediglich Zeichen ist für das, was ich abseits der Zeit genannt habe.

Ein rasendes Zeichen ungemein, ja, denn rasen tut die Zeit ja auch noch. Ein Zeichen von Geschwindigkeit und Beschleunigung, wie ein übergroßer Schatten eines Gespensts von großer Unheimlichkeit, das wir eigens heraufbeschwören und dessen Umriss wir selbst an die Wand werfen. Dagegen ist das Abseits der Zeit subtil und fein und ich brauche ein Brennglas zu meiner Lupe, um zu erkennen, was da in der Erfahrung geschieht. Löst sie sich auf?

Wenn das der Fokus der Linse ist, vergeht Zeit nicht. Dann ist vergangene Zeit eine Metapher, ein Bild, ein Abklang und ein Echo meiner Erfahrung, der Erfahrung, die sich unablässig transformiert, die keine Identität kennt, die als Künstlerin der Verwandlung und Metamorphose auftritt. Und nochmal: wozu? Es ist eine Weise, Alltag ohne Immergleiches, ohne Wiederholung, ohne Abnutzung zu betrachten. Wo Interesse und Neugier auf’s Erlebte blicken, keimt Zuversicht.

„Bloß wie kann es sein, ohne Zeit zu sein? Eben weil es sein könnte, dass Zeit weder Eigenschaft der Welt, noch Eigenschaft von uns ist, oder beides zugleich“

Einmal zurück zum Problem von Zeit: Im Grunde ist Zeit unfasslich, unbegreiflich. Sie ist als Konzept zur Einteilung, zur Messung, zum Verständnis von Prozessen abstrakt greifbar, ist dann, im Fluss der Erfahrungsströme, als Vorstellung zuweilen hinderlich, weil unsere Erfahrung von uns selbst und der Welt zwar kognitive Trennwände kennt, wie den diskreten (im Sinne einer Begrenzung) Beginn und das Ende einer Stunde, selbst jedoch keine Limitierung hat, ein unablässiges Fortgehen, ein Schreiten von Zuständen ist, ein Kontinuum, dem zwar eben darin Zeitlichkeit eingeschrieben ist, doch das zeitlos ist, einfach ohne Zeit ist.

Bloß wie kann es sein, ohne Zeit zu sein? Eben weil es sein könnte, dass Zeit weder Eigenschaft der Welt, noch Eigenschaft von uns ist, oder beides zugleich, und dass es stattdessen beziehungsweise zusätzlich einen Ort in der Erfahrung gibt, wo Zeit aufhört, weil dort weder Vergehen noch Entstehen herrschen. Wenn es einen solchen Ort geben mag, existiert er allein in einer Abgewandtheit von einem herkömmlichen Ablauf, was eben als Zeit empfunden wird: eins geschieht nach dem anderen.

Aber weil dies so undenkbar ist – selbst wenn wir uns darüber Gedanken machen können –, kann es lediglich erfahrbar sein und wiederum umso schwerer beschreibbar, weil nur darauf gezeigt oder gedeutet werden kann – eine direkte Beschreibung ist also aufgrund der Undenkbarkeit von Zeitlosigkeit unmöglich.

Damit ist keine simple Polemik gegen Konzepte verfasst, noch eine einfache Verabsolutierung von Erfahrung, noch eine Eindeutigkeit vorgelegt, als Ausrichtung und Sehrichtung – möglich, dass der Blick erst dann fündig wird, wenn er schweifen kann, gleiten und ab und an abrutschen darf, wenn das Maß einmal fehlt und Zeit in Abwesenheit empfunden wird.

#lebenkunst4null
#lebenskunst4null ist eine fortlaufende Kolumne auf i-ref.de, in der euch vier Philosophen mit auf die Reise durch ihre Gedanken-und Gefühlswelt zum Thema Leben im 21. Jahrhundert nehmen.