Ich muss gestehen, bei unserem neuen Thema „Weltschmerz & trotzdem klarkommen“ fällt es mir nicht leicht, in den Schreibflow rein zu kommen, weil mir direkt diese Frage in den Kopf schießt: Wo anfangen, wo aufhören? Wer selber schreibt, der weiß, so kommt der Flow erst recht nicht. Mit diesem Thema könnte man ja locker ein, vielleicht auch direkt mehrere Bücher füllen und wir haben uns das Thema für unsere Online-Kolumne ausgesucht.

Und auch an diesem Punkt hier im ganz Kleinen meldet sich schon wieder diese Frage: Wo anfangen, wo aufhören? Augen zu machen, Kopf in den Sand stecken, Thema und Gefühl verdrängen und hoffen, dass die Anderen eben die Bücher über dieses Thema schreiben werden? Oder anfangen, anpacken, das Thema dort angehen, wo mein, unser kleiner Wirkungsrahmen eben ist?

Ich versuche die zweite Herangehensweise im meinem Leben so gut zu leben, wie ich es eben gerade kann. Und das muss reichen. Wenn es nicht reicht bzw. besser und wahrheitsgemäß gesagt, der Gedanke sich einschleicht, dass es nicht reicht, dann bin ich genauso im Immer-Mehr-Haben-Und-Mehr-Machen-Und-Mehr-Wollen-Modus, der das ganze menschliche Schlamassel mit all den verschiedenen Facetten der Ungerechtigkeit ausgelöst hat, in dem wir uns gerade als Menschheit befinden. Also nein, ich tue mein Bestes, das Beste, was ich gerade eben (geben) kann. Und das reicht.

Was ist mein Bestes?

Dazu ist erforderlich erst mal zu wissen, wer dieses Ich überhaupt ist und was dieses Ich dann eben am besten kann. Das setzt Selbst und Bewusstsein voraus. Als ich noch nicht so bewusst war wie heute, da hat das Gefühl des Weltschmerzes mich regelrecht eiskalt überrannt und dann schockgefrostet. Eingefroren und damit gelähmt sah ich mich dem Weltschmerz, also dem ganzen (kollektiven) Leid der Menschheit auf Erden, hilflos, ohnmächtig ausgeliefert.

Es gab Tage, da konnte ich nur weinen und einfach nicht mehr aufhören angesichts dessen, was wir Menschen uns Menschen und der Erde antun. Im wieder aufgetauten Kopf fragte ich mich dann, was ich hier und jetzt tun konnte, um meinen Beitrag für eine bessere Welt zu leisten. Ich erkannte, ganz logisch betrachtet, dass mein Schmerz über den Schmerz der Welt den Schmerz an sich ja nur noch vergrößert, weil es kommt ja jetzt auch noch mein Schmerz dazu. Und ebenfalls ganz logisch gesehen bringt der meine Weltschmerz weder einem armen Menschen noch einem Opfer von Gewalt irgendetwas.

Ich erkannte auch, dass viele Menschen diese Schockfrostwelle zur Mauer um ihr Herz erstarren lassen. Das bedeutet aber gleichzeitig auch, dass sie nicht den Weg ihres Herzens gehen können, nicht in ihrem Bewusstsein sind, da das Herz ja hinter der Mauer eingefroren und der Erstarrungszustand aktiv ist. Klar, da empfindet man weniger Schmerz, aber auch ganz logisch betrachtet weniger Freude, Fülle und Frieden. Und den wollte ich ja! Also nein, diesen Weg schloss ich für mich aus. Und so landete ich wieder einmal wie schon so oft auf meiner Lösungsreise bei der buddhistischen Philosophie und Psychologie.

Mitgefühl statt Mitleid – Kann ein Wort den Unterschied ausmachen? Reicht das?

Der Dalai Lama sowie viele, viele andere buddhistische Meister wie etwa Jack Kornfield, Master Han Shan, Thich Nhat Hanh und Dzogchen Ponlop Rinpoche lehren die Weisheit des Mitgefühls. Ich habe von all diesen weisen Menschen Texte und Bücher gelesen, um mich in meiner tiefen Empfindung des Weltschmerzes zurecht zu finden, um verstehen zu können, was bei mir und was in der Welt abgeht und um dann auch eine für mich lebbare Lösung zu finden.

Und da macht es wirklich einen großen Unterschied, ob ich eben mitleide oder ob ich mitfühle. Die Energie des Wortes „Leid“ schwingt dunkel, unbeweglich, ohnmächtig, schwer, beschwerend. Eine Last. Die Energie des Wortes „Gefühl“ schwingt von gelb, grün, blau zu rot, auch mal schwarz, weiß oder grau, wandelbar, beweglich, lebendig, bereichernd, menschlich. Eine Entwicklungschance. All diese buddhistischen Meister lehren, dass der Ausweg aus dem Leid über das Erkennen, Durchfühlen und Annehmen meines eigenen, inneren Leids, meines Schmerzes läuft. Sie lehren auch, dass menschliches Leben nun mal auch leiden bedeutet.

Die Lebenskunst besteht darin sich mit diesem Leid nicht zu identifizieren. Weil ich gerade leide, heißt das nicht, dass ich das Leid bin. Ich bin gleichzeitig so viel mehr und nichts zugleich. Das Anhaften an das Leid, das führt zum Leiden. Wenn wir hingegen mitfühlen, dann begegnen wir dem anderen Menschen oder uns selbst auf Herzebene. Einer Ebene, die wir alle gemeinsam haben und auf der wir uns auch ohne große Worte verstehen. Hier auf dieser Ebene da ist ein kleines Bisschen ganz viel. Und das reicht.

Kleine Taten sagen mehr als tausend Worte

Selbst wenn es reicht, erklingt schon wieder: Wo fange ich denn jetzt an und wo höre ich verdammt noch mal auf? Der Mensch an sich ist so voller Mindfuck, hach ich liebe dieses Wort! Der Mindfuck ist wie ein Virus, mit dem wir uns immer und immer wieder infizieren, solange wir auf diese Stimme in unserem Kopf hören, die immer unruhig ist, die immer zweifelt, die immer mehr will, der es nie reicht, für die wir selbst nie genug sein werden und die so tut, als wären wir unsere Gedanken. Stop. Bullshit! Teufelskreis anhalten und aussteigen. Das geht und Training macht den Meister.

Angewendet auf das Weltschmerz-Thema kommt mir eine kleine Story von mir selbst in den Kopf: Wie ihr wisst, bin ich noch mal Studentin, zudem arbeite ich als Freelancerin und außerdem wohnt noch eine Weltverbesserungs-Sara in mir, die will dann auch noch mitspielen. Angesichts der vielen Menschen, die aus Krisengebieten zu uns kommen, hat diese Sara natürlich lautstark angefangen zu überlegen, wie ich denn diesen Menschen helfen könnte. Ein sehr guter Freund von mir gibt ehrenamtlich Deutschunterricht für Flüchtlinge.

So dachte ich mir dann, dass ich meine Semesterferien doch nutzen könnte, um mich hier zu beteiligen. Wer mich wirklich kennt, der lacht wahrscheinlich jetzt schon über diese Idee von mir. Nun gut, Humor, Selbsthumor, Lebenshumor sind trotz der schweren weltlichen Themen wichtige Lebenszutaten. So stand ich eines Morgens am Gleis und wartete auf meine Bahn zur Uni, da kamen zwei junge Männer auf mich zu und fragten in gebrochenem Deutsch, ob sie mir drei Fragen stellen können, denn sie würden gerade am Deutschunterricht teilnehmen und sollten diese Fragen mit Menschen auf der Straße in Deutsch klären und die Antworten aufschreiben.

Da ich noch Zeit hatte, stand ich gerne Rede und Antwort. Die Fragen waren ganz simpel und beide sprachen nur ganz ganz wenig Deutsch, der eine ein bißchen Englisch, der andere auch das nicht, so dass es rein über einfaches Deutsch gehen musste. So versuchte ich die Fragen so einfach wie nur möglich zu beantworten. Mein erster Satz wurde nicht verstanden. Ich versuchte es erneut, auch nichts. Wir lachten alle Drei. Wir versuchten es erneut und erneut und erneut. Bis wir alle Drei einfach nur noch losprusten konnten vor Lachen. Auf der Wortebene war kein Verständnis möglich.

Ich mit meinen komplexen Gedankengängen in meinem Was-ist-der-Sinn-des-Lebens-Gehirn war nicht in der Lage die einfachsten Wörter einfach zu erklären. So gar nicht. Jetzt hätte ich mich darüber aufregen können, habe ich aber nicht, denn wem hätte das was bringen sollen? Stattdessen sah ich das Geschenk, was wir uns gegenseitig machten: Wir haben uns auf der Herzebene verstanden und sind uns auf dieser begegnet.

Wir haben nämlich diese Momente der gemeinsamen Zeit voll und ganz miteinander geteilt, wir haben uns auf einander eingelassen, wir haben uns wahrhaft zugehört, das ist Mitgefühl! Und obwohl die Wörter nicht die Antworten waren, bin ich mir sicher, dass wir alle Drei unsere Antworten auf einer viel tieferen Ebene erhalten haben.
Das innige Lachen jedenfalls hat mich den ganzen Tag noch begleitet.

Jeden Tag fange ich an und jeden Tag höre ich auf

Jeden Tag fange ich an, ich stehe auf, ich werde mir selbst bewusst, ich versuche meinem Herzen zu folgen und stets mein Bestes zu geben und zu helfen, wo ich in dem Moment eben helfen kann, ich bin da, wo ich bin, und dann hört er auf – dieser Tag. Und dann fängt ein neuer Tag an und ich fange auch wieder neu an. Im bewussten Sein ist ein Tag eben ein Weltschmerztag, wenn es ein Weltschmerztag ist und auch wenn es sich echt Scheiße anfühlt, nehme ich auch diesen Tag an.

Denn gleichzeitig bedeutet das für mich, dass ich fühle, dass ich lebe, dass ich eben nicht isoliert in meiner kleinen Blase von Welt sitze, sondern ein mitfühlendes Wesen bin. Und dann lenke ich meinen Fokus bewusst wieder auf das Gute, denn, ganz gewiss, beginnt morgen wieder ein neuer Tag. Jeder Tag ist neu, jeder Tag ist ein Anfang.

„Keine Revolution und kein Krieg kann uns retten, sondern nur ein neues Bewusstsein.“ – Xokonoschtletl Gomora

#lebenkunst4null
#lebenskunst4null ist eine fortlaufende Kolumne auf i-ref.de, in der euch vier Philosophen mit auf die Reise durch ihre Gedanken-und Gefühlswelt zum Thema Leben im 21. Jahrhundert nehmen.