Der zweite Streich meines Reiseberichts von der phil.cologne 2016 beschreibt, wie es sich verhält, wenn der Lebenskunst-philosophische Blick auf Religion, Sozialismus und die Frage nach der „Geschwindigkeit des guten Lebens“ fällt. Bei der „Streiten über Gott“ Veranstaltung traf Philosophie, in Form von Philosoph Michael Schmid-Salomon, auf Religion und Schauspiel! Die Kombination war echt toll, in einer wunderbaren Atmosphäre, denn das Ganze fand im Schauspiel Köln statt und der Text von David Hume „Dialoge über die natürliche Religion“, auf dessen Grundlage das Streitgespräch dann stattfand, wurde zu Beginn von drei Schauspielern dargestellt in neuinszenierter Fassung.

Danach wurde das Wortgefecht eröffnet: Schmid-Salomon diskutierte mit dem katholischen Theologen H.-J. Höhn und dem islamischen Theologen M. Khorchide. „Gestritten“ wurde über die Naturheit Gottes, wozu wir überhaupt Gott und die Religion brauchen und woher die Sehnsucht danach in uns kommt. Ihr seht, das sind Fragen über die ewig philosophiert werden könnte, was ich privat liebend gern auch tue, ich hoffe nun, ich kann dem gerecht werden, dass ich mit euch hier das Wesentliche dieses zweistündigen Talks teile.

Philosoph Schmid-Salomon kam mit Fragen dieser Art: Wenn die Liebe Gott ist, dann muss es ihn geben. Aber warum ist Liebe nicht Liebe? Warum brauchen wir den Umweg über Gott, der an den Menschen glaubt und damit die Liebe möglich macht? Einig waren sich alle Drei, auch der Philosoph, dass das Problem nicht der unvorstellbare Gott ist, sondern die Vorstellungen der Menschen von ihm. Also welche Attribute können wir Gott zuschreiben? Oder fängt da schon das Problem an?

Natürlich kam auch die Frage, warum es Fundamentalisten (nun vermehrt) gibt? Der katholische Theologe erklärte das so: Die Moderne konnte ihre Versprechungen nicht halten, der Fortschritt bringt weder Aufstieg noch Wohlfahrt noch Freiheit für alle Menschen. Die Zeiten sind hingegen geprägt von einer größer werdenden Unsicherheit, Ohnmacht und Angst. Fundamentalisten setzen genau da an, sie wollen Gewissheit, sie rennen dieser förmlich hinterher, auf der Suche nach Sicherheit setzen sie Beschränkungen. Und wozu diese führen, sehen wir mittlerweile beinahe täglich.

Hervorzuheben hier ist die Position des islamischen Theologen Khorchide: Er tritt ein und auf für einen aufgeklärten Islam. Ein bemerkenswertes Vorhaben, ein bemerkenswerter Vor-Denker. Für ihn ist der Koran ein spirituelles Buch, für ihn geht es um die dialogisierte Kommunikation mit Gott, um die Mündigkeit der Gläubigen und darum dass der Mensch von Gott inspiriert wird und in einem kooperierenden Verhältnis zu ihm steht. Doch genauso wie im Christentum gibt es Menschen, die ihre Interpretationen auf etwas begründen, was im Koran so nicht steht. Auch hier ist die Vorstellung, die Interpretation dieser Menschen das Problem.

Khorchide hat immer wieder gefragt, wo bleibt die Spiritualität? Wo das Ausbrechen aus den geistigen Strukturen? Das ist für ihn ein spiritueller und so wichtiger Akt. Schmidt-Salomon hingegen fragte immer wieder: Was ist an der Religion vernunftsgerecht? Er vertritt das Konzept der rationalen Mystik: Hier lässt man den rationalen Filter über religiöse Fragen laufen und hat die kosmologische Geschichte im Blick. Er plädierte abschließend: „Humanisten aller Konfessionen vereint euch!“ Das der Kurzabriss von phil meets religion bei der phil.cologne 2016.

Ist der Sozialismus eine gute Idee?

Die Frage, ob der Sozialismus eine gute Idee ist, brachte eine schöne Diskussion mit zwei tollen Wissenschaftlern hervor. Der bekannteste deutsche Sozialphilosoph Axel Honneth trat in Dialog mit Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz. Bolz war sehr proaktiv dabei und gab Statements von sich wie „Überall wo sozial drin steckt, hört das Denken auf!“ oder „Sozialismus lebt nur noch auf dem Campus!“. Bolz Sichtweise kurz umrissen: Für ihn ist der Sozialismus an sich eine gute Idee, in dem aber nun mal in der Vergangenheit die Freiheit zur Gleichheit gekippt ist und der knallend gescheitert ist. Die hyperkomplexe Welt der Moderne führt zur Unmündigkeit der Bürger und der Konsumenten, weil wir als Individuum eben nicht mehr alles überblicken oder gar verstehen können.

Für ihn ist Deutschland das beste kapitalistische System, was derzeit wirtschaftlich und realistisch möglich ist mit dem Blick auf die Historie des Ganzen. Bolz schreibt dem Internet eine entscheidende Rolle zu, die das gesellschaftliche Zusammenleben nun maßgeblich prägt und auch formt. Wir müssen uns hier bewusst machen, dass wir solch eine digitale Grundlage bis dato noch nie hatten. Er fordert, dass wir eine neue Betrachtungsweise auf die Gesellschaft auf Basis dessen brauchen. Er ist positiv gestimmt, sowohl wirtschaftlich als auch politisch gesehen und prognostiziert, dass die Bürger durch das Internet auch in der Politik zum Prosumer werden und dadurch Veränderungen möglich werden.

Philosoph Honneth war auf einer ganz anderen Ebene unterwegs: Er beschrieb mehr die vorherrschenden Gefühle in unserer Gesellschaft, so wie das immer größer werdenden Ohnmachtsgefühl, was zu einem Gefühl der Unveränderbarkeit führt. Denn wir merken im kapitalistischen Wirtschaftssystem, dass einerseits hier nicht die Leistungen darüber entscheiden wie es um unseren (finanziellen) Wohlstand beschaffen ist. Denn keiner würde sagen, dass eine Krankenschwester weniger leistet als ein Manager. Zudem betonte er die Reichtumsunterschiede, dass diese eben nicht aufgrund von Einkommens- sondern aufgrund von Vermögensverhältnissen, die immer weiter vererbt wurden, bestehen. Hier ist gar keine Gleichheit formal möglich. Es gab keine Uneinigkeit darüber, dass der Sozialismus scheitern musste, so wie er damals angelegt war.

Doch Honneth möchte an dem Kerngedanken festhalten, die Wurzeln des Scheiterns aufdecken und dann über andere Formen des Marktes nachdenken. Wenn wir einen sozialen Markt denken, in dem die individuelle Freiheit des Einzelnen eben auf dem Markt nicht gegen einander sondern für einander zu realisieren ist, wie könnte dieser Markt realistisch aussehen? Honneth möchte eben am Gefühl ansetzen, dass wir das Gefühl in der Gesellschaft stärken müssen, dass es eine Veränderbarkeit gibt. Und dann kann ein neu gedachter Sozialismus motivieren und genau das soll er tun. Mögen Honneths Worte fruchten.

Was ist das richtige Tempo? Individuell und vor allem kollektiv

Die Frage nach der „Geschwindigkeit des guten Lebens“ scheint so akut wie nie zuvor. Kein Wunder, denn unser Kommunikationsverhalten hat sich seit dem 19. Jahrhundert um das 10 Millionen-fache beschleunigt und Büroangestellte verweilen 11 Minuten bei einer Aufgabe bis sie von einem Anruf o.Ä. gestört werden. Allein das sollte man sich schon immer mal wieder bewusst machen, wenn das Hamsterrad dreht… Diskussionsteilnehmer Soziologe Hartmut Rosa widmet sich in seiner Forschung genau der Beschleunigung und der negativen Folgen dessen.

Das Problem ist aber nicht die Beschleunigung, die gab es nämlich schon immer – auch wenn in nicht so rasanter Form. Das Problem ist das menschliche Verhalten darauf. So könnten wir uns freuen, dass eine Email direkt beim Adressaten ohne weiteren Aufwand ankommt und wir nicht die Zeilen erst per Briefpost losschicken müssen usw. Viel Zeit gespart durch den Fortschritt. Ebenso mit dem Betrieb der Wasch- oder Spülmaschine, dem Reisen per Flugzeug usw.. Aber wir Menschen packen dann in das gewonnene Zeitfenster einfach mehr Aufgaben, mehr Emails, mehr To Dos, mehr Erlebnisse, die wir auch noch spüren wollen – anstatt uns einfach an der freien Zeit zu erfreuen.

Natürlich entscheiden wir all das nicht so wirklich bewusst individuell, zumindest nicht zu 100%, sondern das System ist der Katalysator dessen. Moderne Gesellschaften erhalten sich strukturell durch dynamische Steigerung. Das Symptom ist die Zeitknappheit, die Realität ist eine nicht enden wollende To-Do-Liste. Sie wird nie aufhören, da die Möglichkeiten unbegrenzt erscheinen und die Erwartungen steigen. Wir wollen bzw. sollen wollen, dass wir die Welt verfügbar machen, dass wir die „Welt-Reichweite stets vergrößern“. Der menschliche Größenwahn, wozu dieser eingesetzt wird und was er vertuschen soll, darüber sollte man sich auch mal Gedanken machen. Nun gut, Rosas Diskussionspartner war Akzelerations-Philosoph Armen Avanessian.

Auch wenn er „Beschleunigungs-Forscher“ ist, ist er kein Befürworter der Beschleunigung an sich, so wie wir sie spüren. Er sieht die Vorteile und möchte diese nutzbar machen und dadurch Veränderung erreichen. Er sagt ganz klar, dass nicht die Entschleunigung die Lösung ist, sondern dass wir die Gleichung „Moderne gleich kapitalistisch, fortschrittlich und beschleunigt“ aufbrechen müssen. Wenn wir die Gleichung beibehalten, dann muss die Entschleunigung der Ausweg sein, weil wir Menschen diesem Tempo nicht mehr standhalten können.

Doch Fakt ist, wir können die Digitalisierung nicht mehr stoppen. Hier gab ́s auch einige wirklich witzige Anekdoten von Yogareisen und Retreats, die auch bei Wissenschaftlern Anklang finden und dem in Berlin wohl nun so häufig zu hörenden Wunsch nach dem Häuschen in der Uckermark. Mir ist auch aufgefallen, dass trotz der komplexen Themen an jedem Abend echt viel gelacht wurde und die gesunde Portion Humor komplett mit geliefert wurde. Zurück. Aber wenn wir die Gleichung „Moderne gleich kapitalistisch, fortschrittlich und beschleunigt“ aufbrechen, dann könnten wir ganz realistisch schon anders leben, weniger arbeiten, Grundeinkommen beziehen, so Avanessian.

Für ihn ist glasklar, dass wir die Möglichkeiten dafür schon haben, aber nicht nutzen. Warum? Kapitalismus geht nur im Wachstumszwang. Und solange die Politik auf veraltete Strukturen greift, werden Zukunftsaussichten vermieden und bessere Visionen nicht gespielt. Er erklärte, wenn ich als einzelnes Subjekt achtsam bin, hat das einfach keine Auswirkungen auf die Gesellschaft, auf das System. Ich persönlich erlebe genau das so so oft in der Woche, vor allem im Arbeitskontext und wie hier Stress und eben dieser Druck das Arbeitsleben regieren, selbst wenn es keinen objektiven Grund für Stress gibt. Wenn ich als Individuum dann gelassen reagiere, dann ist das natürlich schon mal was, aber ich persönlich erleben eben auch, dass das nur die halbe Miete ist. Denn da eben das System der Fehler ist, müssen wir auch im System tätig werden, rütteln und schütteln.

Hier konnte auch Rosa nur zustimmen, dass „die Bedingungen für Achtsamkeit strukturell und systemisch nicht gegeben sind“. Auch hier kam das Thema der Hyperkomplexität der Welt zur Sprache, dass wir Menschen vor lauter Überforderung auf Technologien setzen (müssen). Hier betonte auch Rosa, wie zuvor Lebenskunstphil Schmid im ersten Teil meines Nachberichts, den eigenen Körper als Bezug zur Welt und vor allem als Bezug zu uns selbst. Der nur in dem ganzen Stress vernachlässigt wird und da eben zum Beispiel ein Punkt ist, in dem die Katze sich in den Schwanz beißt.

Es herrschte zudem Einstimmigkeit darüber, dass wir völlig falsch mit der völlig neuen Zeit umgehen. Wir bräuchten hier eine rationale Imagination der Zukunft auf kollektiver Ebene, auf der wir dann auch Zeit neu denken würden. „Wir müssen lernen, dass die Zeit aus der Zukunft kommt,“ so Avanessian. Er stellte auch heraus: „Wir haben einfach nicht die passenden, humanistischen Antworten auf die Digitalisierung“. Rosa ergänzte, dass wir zudem einfach nicht gegenwartsfixiert sind, sondern zukunftserwartungsfixiert. Hier könnte man natürlich auch noch die Schleife zur Religion ziehen, doch das mache ich mal an anderer Stelle.

Wir brauchen jedenfalls die Resonanz zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Nur Zukunft funktioniert eben nicht. Und ein Resonanzpunkt ist eben zum Beispiel der eigene Körper, so Rosa. Dass Rosas neues Buch „Resonanz“ heißt, spricht für sich. So, wenn wir jetzt in dieser Resonanz bleiben, wie sieht dann die ideale Zukunft aus? Die Digitalisierung ist nicht mehr zurückzudrehen, auf wohl keiner Ebene.

Die Entschleunigung selbst ist größtenteils zum Geschäft geworden und unterliegt damit auch und vor allem den gleichen kapitalistischen Wirtschaftsverhältnissen. Der einzelne, entschleunigte Mensch hat zu wenig bis vielleicht keine Auswirkung auf das System, wie kann also die Geschwindigkeit des guten Lebens definiert werden? Wie der neue Maßstab, das gesunde Maß für das gelungene Leben kreiert werden? Avanessian wagte einen Versuch: Wir hätten die Technologien um anders, stressfreier zu leben. Die alten kapitalistischen Strukturen haben sich schon in den letzten 10 Jahren (auf-) gelöst.

Wir könnten die Beschleunigung allgemein gesellschaftlich positiv zur Transformation nutzen. Warum tun wir das nicht? Laut Avanessian befinden wir uns derzeit zwischen diesen Welten: Immer mehr Arbeitslose und immer weniger Sinn auf der einen Weltseite. In der anderen Weltseite arbeiten alle weniger, verzichten wohlmöglich auf einen gewissen materiellen Reichtum oder anderes und wir führen im Kollektiv ein besseres Leben. „Es liegt an uns, welche Welt wir stärken wollen“ so Beschleunigungsforscher Avanessian.

Mit diesen Abschlussworten dieses philosophischen Denkers möchte auch ich meinen Reisebericht von der phil.cologne 2016 schließen. Es liegt an uns. Namaste.

#lebenkunst4null
#lebenskunst4null ist eine fortlaufende Kolumne auf i-ref.de, in der euch vier Philosophen mit auf die Reise durch ihre Gedanken-und Gefühlswelt zum Thema Leben im 21. Jahrhundert nehmen.