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Apr
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“Homosexualität ist eine Art Störung in der Kindheit.“ oder “Die einsame Dame mit der Bibel”

Heute morgen war kein besonderer Morgen. Ich trinke meinen Kaffee und durchstöbere das Netz nach aktuellen News. Der Kaffeegeruch macht mich wacher, als das, was ich da zu lesen bekomme. Im Moment wird man das Gefühl nicht los, dass die Kirche und ihre Vertreter das Nachrichtenbild bestimmen. Ein Blick auf die Facebook-Seite von ENOUGH is ENOUGH! OPEN YOUR MOUTH!: Wir erhalten hier täglich Nachrichten von Menschen, die etwas zu sagen haben. Heute morgen war es Oscar*. Und diese Geschichte ist so alltagstauglich, dass ich, würde ich mir mehr Zeit für derartige Begegnungen nehmen, sie auch selbst hätte erleben können…

Aus dem kleinen, streng katholischen Dörfchen in Niedersachsen verschlug es ihn in die Großstadt. Das Outing gegenüber den Eltern verlief nicht unbedingt bilderbuchmäßig, mittlerweile wandelte sich die anfängliche Skepsis der Offenbarung ihres Sohnes, in absolute Akzeptanz. Im Dorf indes, weiß kaum jemand um das Coming Out des 24-jährigen jungen Mannes.

Oscar* wohnt mittlerweile in Hamburg. Hier empfindet er zum ersten Mal eine tolerante, offene Art – und ist glücklich. „Wer fragt, bekommt eine ehrliche Antwort“, schreibt er uns. „Negative Erfahrungen habe ich bisher kaum gemacht… bis heute!“ Mit der NDR-Dokumentation „Die Schwulenheiler Teil 1 und 2“ im Hinterkopf, blieb ihm der Zweifel, ob es wirklich Menschen gibt, die ihn von seinem „Laster der Homosexualität“ reinwaschen wollten. Und heute wurde er nun eines besseren belehrt.

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Die einsame Dame mit der Bibel

Ich ging über die Straße. Der Griff eines 6er-Trägers Mineralwasser schnürte meine Finger ab. Jetzt schnell nach Hause, etwas kochen und den freien Tag genießen. Da sprach mich eine ältere Dame an: „Guten Tag. Darf ich mich kurz mit Ihnen über Gott und das Christentum unterhalten?“

Ich bemerkte die Bibel in ihren Händen. Der Ledereinband mit Reißverschluss bedeutete wohl, dass sie es ernst meinte. „Klar. Warum nicht?“, antwortete ich, weil ich ahnte, dass es interessant werden würde. Sie lächelte mich an: „Mich würde interessieren, was sie als junger Mann über das Christentum denken.“

Ich musste nicht lange überlegen: „Christliche Werte wie Gerechtigkeit und Nächstenliebe halte ich für sehr wichtig, allerdings nicht in so einem biblisch-religiösen Sinne.“ Den Nebensatz ignorierte sie gekonnt. Und scheinbar überhaupt alles, was ich sagte. „Ja, leider ist Religion häufig Auslöser für Kriege. Das liegt daran, dass kaum einer die Worte der Bibel richtig versteht.“

Da wurde ich neugierig: „Wie verstehen Sie denn die Bibel? Wörtlich oder metaphorisch?“ Sie hatte es nicht so mit geradlinigen Antworten: „Die Bibel ist voller Metaphern, aber vieles muss man auch so nehmen, wie es geschrieben steht.“ Das war für mich an guter Ansatzpunkt: „Wenn in der Bibel nun also steht, Homosexualität sei widernatürlich, muss man das dann auch so nehmen, wie es geschrieben steht?“

„Homosexualität ist widernatürlich! Gott hat Mann und Frau als Gegenstücke zueinander geschaffen. Sie sollen sich fortpflanzen, damit die Menschheit weiter existieren kann. Würden alle homosexuell werden, gäbe es ja keine Menschen mehr.“

Über diese unaufgeklärte Engstirnigkeit musste ich kurz lachen. „Sind Sie homosexuell?“ „Ja.“ Sie musterte mich: „Das hatte ich mir schon gedacht. Wissen Sie, früher gab es das nicht.“ „Früher hatten die Menschen Angst. Es gab Paragraphen, die Homosexualität unter Strafe stellten. Heute ist die Gesellschaft toleranter geworden. Viele Menschen trauen sich endlich, sie selbst zu sein. Man muss keine Scheinehen mehr führen.“ Wieder taube Ohren.

„Ich möchte Ihnen etwas vorlesen, aus der Bibel.“ Ich war gespannt. Die Dame durchforstete ihre Bibel, blätterte und blätterte aufgeregt. Sie hatte wohl schon länger keinem Schwulen mehr eine Predigt gehalten. Entschlossen deutete sie mit dem Finger auf einen Absatz (1. Korinther 6: 9-11): „Lasst euch nicht irreführen. Weder Hurer noch Götzendiener, noch Ehebrecher, noch Männer, die für unnatürliche Zwecke gehalten werden, noch Männer, die bei männlichen Personen liegen, noch Diebe, noch Habgierige, noch Trunkenbolde, noch Schmäher, noch Erpresser werden Gottes Königreich ererben.“ Sie hielt kurz inne und las dann: „Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.“

Voller Überzeugung zu dem, was sie gerade vorgelesen hatte, schaute sie mir in die Augen: „Sehen Sie? Hier steht eindeutig, dass einige es ‘gewesen’ sind und sie nun ‘reingewaschen’ sind.“ Ich konnte es nicht glauben.

„Sie wollen mir damit also sagen, dass ich mich von meiner Homosexualität ‘reinwaschen’ kann?“

„Um zu Gott zu finden, muss der Mensch so werden, dass Gott ihn akzeptieren kann. Homosexualität akzeptiert er nicht. Aber er gibt allen die Möglichkeit, umzukehren und zu ihm zu finden.“

„Sie meinen also, dass ich aufhören muss, ich selbst zu sein, damit Gott mich akzeptieren kann?“

„Sie haben zwei Möglichkeiten: Entweder leben Sie Ihr Leben so weiter wie bisher, ohne dass Sie jemals Gottes Liebe spüren können. Oder Sie kehren um und wählen den richtigen Weg, damit Gott Sie empfangen kann.“

Die freundliche Art, mit der mir die Dame diesen Vorschlag unterbreitete, schürte meine aufkommende Wut. Aber ich beherrschte mich: „Glauben Sie, dass ich homosexuell geboren wurde?“

„Nein, das ist eine Art Störung in der Kindheit.“

„Wenn ich Ihnen sage, dass ich ein tolle Kindheit auf dem Land hatte, jedes Wochenende in der Kirche und sogar Messdiener war, als Kind nie einen homosexuellen Menschen gesehen hatte und trotzdem schon immer wusste, dass ich auf Jungs stehe, was denken Sie dann?“ Sie fand zwar recht schnell ein paar Worte, aber eigentlich wusste sie nicht, was sie sagen sollte: „Das ist ja bei jedem anders. Irgendetwas löst es aus. Früher gab es ja auch echte Männerfreundschaften. Vielleicht ist es auch nur eine Verwirrung.“

Ich fragte mich, wer von uns beiden nun verwirrt war. Da keiner mehr etwas zu sagen wusste, beendete ich die Szene: „Ich danke Ihnen für das Gespräch. Mir ist vieles klar geworden. Alles Gute.“ Auch sie wünschte mir alles Gute. Und so trennten sich unsere Wege.

Erst jetzt bemerkte ich, wie stark der Tragegriff des Mineralwassers in meine Hand eingeschnitten hatte. Meine Finger waren taub. Fast so wie die Ohren der einsamen Dame mit der Bibel.

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*) Name von der Redaktion geändert

#IDAHOT2015 • WIR. ALLE. GEMEINSAM.

#IDAHOT2015 • WIR. ALLE. GEMEINSAM.Am 17. Mai jährt sich der 11. Internationale Tag gegen Homophobie und Transphobie (IDAHOT). ENOUGH is ENOUGH – OPEN YOUR MOUTH veranstaltet unter dem Motto #WirAlleGemeinsam an diesem Tag in Berlin eine Kundgebung am Brandenburger Tor, um auf die weltweite Homophobie und Transphobie aufmerksam zu machen, denn in über 70 Länder der Welt werden Lesben, Schwule und Trans*Menschen heute immer noch strafrechtlich verfolgt, in 7 dieser Länder kann es ihnen durch die Todesstrafe das Leben kosten. 

Das gesamte Organisationsteam arbeitet weiterhin ehrenamtlich – es ist uns sehr wichtig, das hier noch einmal klar zu sagen!Bitte folgt dem Link und benutzt am besten gleich einen unserer Spendenbuttons auf unserer Website! Vielen Dank.

☞ http://www.enough-is-enough.eu/#!donate/c1ghi

Solltet ihr eine Spendenquittung benötigen, freuen wir uns Euch mitteilen zu können, dass auch möglich ist. Wir haben dazu ein Spendenkonto vom Aktionsbündnis gegen Homophobie e.V. zur Verfügung gestellt bekommen. Für alle Spenden, die auf dem unten genannten Spendenkonto eingehen, können Euch Spendenbescheinigungen ausgestellt werden!

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Aktivist und Pressesprecher der Initiative, Alfonso Pantisano, sagt dazu “Das Leben der Lesben, Schwulen, Bi- und Intersexuellen, sowie der Trans*-Menschen in aller Welt wird nur eines Menschen würdig werden, wenn wir uns wie Schutzschilde aufstellen. Wenn wir sie begleiten. Wenn wir unsere Stimme dann nutzen, wenn sie zum Schweigen gezwungen werden. Wir alle haben die große Verantwortung ihnen all unsere Unterstützung zu bieten, damit ihre Stimme überall gehört wird”.

Die Kundgebung zum diesjährigen IDAHOT findet am 17. Mai am Brandenburger Tor (Pariser Platz) um 14 Uhr statt. Hier gehts zur Veranstaltungsseite.
WIR. ALLE. GEMEINSAM.

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