17
Jun
Partner
Partner
#BerlinForOrlando • Wie zwei Menschen Berlin bewegen.

Es war nicht nur das Attentat mit den bisher meisten Todesopfern in den USA – ein Ereignis, das wie immer eine Diskussion über privaten Waffenbesitz entfacht hat. Es war ebenso ein Angriff auf die weltweite LGBTI-Community. 49 Menschen mussten in Orlando in einem queeren Nachtclub sterben, weil sogenannte Homophobie nach wie vor tief in vielen unserer Gesellschaften verwurzelt ist. Auch in Deutschland ist es gleichgeschlechtlichen Paaren noch immer nicht möglich, zu heiraten – wegen eines Bauchgefühls der Bundeskanzlerin dieser Republik.

Um der Toten des Attentats von Orlando zu gedenken, werden an diesem Samstag (18.06.2016) um 21 Uhr tausende Menschen am Brandenburger Tor zusammenkommen, welches, dank des Einsatzes der Community, in Regenbogenfarben erstrahlen wird –  trotz der ausbleibenden Initiative von staatlichen Stellen.

Der Sprecher der Berliner Initiative ENOUGH is ENOUGH! OPEN YOUR MOUTH!, Alfonso Pantisano, hat für diesen Umstand drastische Worte gefunden: „Weltweit haben sich in vielen Ländern die Regierungen eingesetzt und Landmarks beleuchtet – in Berlin müssen wir für die Beleuchtung des Brandenburger Tors während der großen Mahnwache am Samstag betteln gehen. Deutschland versagt gerade auf höchster Ebene, und das ist etwas, wofür wir uns noch lange schämen werden“, betont er in einem Gespräch mit der Frankfurter Rundschau.

Auch Ryan Stecken und Margot Schlönzke, integrale Bestandteile der Berliner queeren Community, haben sich dafür eingesetzt, dass auch in Berlin der Toten von Orlando gedacht wird. Nie haben sie mit dieser breiten Zustimmung gerechnet – und doch sind sie beide froh, dass es so ist. Bisher gibt es mehr als 4.000 Zusagen auf ihre Facebook-Veranstaltung. In einem Gespräch haben sie uns von ihren Beweggründen erzählt.

EiE: Margot und Ryan, wie habt ihr von dem Attentat erfahren und was habt ihr in diesem Moment gedacht? 

Margot: Die ersten Informationen habe ich bei Facebook gesehen und mir lief ein kalter Schauer den Rücken runter, als ich las, dass es in einem Club der LGBT-Community war. Das ging mir sehr nahe, weil ich auch sofort daran dachte, dass das auch hier in Berlin in einem unserer Clubs, Bars oder Partys hätte passieren können.

Ryan: Ich lag morgens nach einer Nacht, in der ich selber in einem LGBTQ Club gearbeitet hatte im Bett, als ein Freund mich darauf aufmerksam machte. Ich fühlte mich irgendwie taub. Anders kann ich es nicht beschreiben. Ich habe dann den ganzen Tag und die ganze Nacht die Liveübertragung von WESH2 (einem Orlando News Channel) verfolgt und mir wurde immer übler dabei. Aber ich dachte, ich muss mir das jetzt angucken und mich damit beschäftigen.

Entstand daraus sofort die Idee zur Mahnwache am Samstag? 

Ryan: Auf gar keinen Fall. Ich wusste, dass auf der ganzen Welt Mahnwachen veranstaltet würden und hatte erwartet, dass auch in Berlin etwas stattfinden würde. Ich hatte abends schon einmal bei Facebook geschaut ob vielleicht schon eine Veranstaltung erstellt wurde aber fand nichts. Als ich am nächsten Morgen im Büro saß, hörte ich dann von der Mahnwache die um 12 Uhr stattfinden sollte. Verpasst. Das hat mich geärgert und noch trauriger hat es mich gestimmt als ich von den dürftigen Teilnehmerzahlen hörte (um die Uhrzeit verständlich). Ich entschied nach der Arbeit alleine zur US Botschaft zu fahren, fand auch noch ein paar Leute die mich begleiteten. Außer uns war fast niemand da. Danach zum Gottesdienst auch nicht mehr als 30 Leute. Alles so unbefriedigend. Am nächsten Tag entlud ich meinen Frust und Ärger bei Margot die dann irgendwann sagte „Dann machen wir doch einfach was eigenes.“ Niemals hätten wir gedacht, dass es solche Wellen schlagen würde.

Margot: Der Montag nach dem Attentat war für mich der Tag der verpassten Gelegenheiten. Ich erhielt kurzfristig die Info, dass in diesem Augenblick eine Gedenkveranstaltung vor der US-Botschaft stattfindet. Am Abend bekam ich dann mit, dass ich auch um 18 Uhr hätte irgendwo sein können, um gemeinschaftlich mit anderen der Opfer zu gedenken und sich auszutauschen. Und als Ryan am nächsten Tag sagte, er fühle sich um die Gelegenheit gebracht, mit Freunden und der Community gemeinsam zu gedenken, meinte ich nur, dass wir ja etwas eigenes auf die Beine stellen könnten. Also haben wir das beschlossen und eine Kundgebung mit 250-500 Leuten angemeldet.

Mittlerweile könnt ihr eine Null dranhängen! Warum glaubt ihr, hat Berlin die Chance eigentlich nicht sofort genutzt, das Wahrzeichen der Hauptstadt aus Solidarität in Regenbogenfarben anzustrahlen? 

Margot: Das habe ich mich auch gefragt und erfahren: Berlin macht das bei Partnerstädten. Alles darüber hinaus muss beantragt/angefragt und geprüft werden. In diesem Falle hat es außer uns niemand angefragt! Ich fand es persönlich sehr enttäuschend, dass einige pressewirksam danach riefen, aber keiner mal nachfragte. Ist halt doch schon Wahlkampf.

Welche Unterstützung habt ihr für die Gedenkfeier bisher erhalten?

Margot: Viele haben uns für unseren Einsatz gelobt. Sehr viele Mitglieder aus der Community haben ihre Hilfe angeboten. Einige davon sind sehr tatkräftig mit dabei und ohne all diese Hilfe hätten wir das in dieser Größe niemals auf die Beine stellen können. Zeitweise war ich nur noch Telefonzentrale zwischen engagierten tollen Leuten, die das Gedenken erst zu dem gemacht haben, was wir nun erleben dürfen. Aus der Politik hielt sich die Unterstützung in Grenzen. Hier haben sich auch einzelne Vertreter aus den Reihen der SPD angeboten und uns unterstützt. Allesamt halfen sie im Hintergrund, ohne dass sie ihren Namen dafür als Unterstützer oder Helfer veröffentlicht wissen wollten. Sie haben uns unterstützt, weil es wichtig, richtig und gut sei. Zwei Personen möchte ich dennoch hervorheben: Ralph Ehrlich und Tom Schreiber, die uns jederzeit und rund um die Uhr geholfen und zur Seite gestanden haben.

Ryan: Ehrlich gesagt finde ich die Unterstützung, die wir von der Community erhalten haben viel erwähnenswerter. So viele Menschen haben sich, ohne dass wir danach gefragt haben, bereiterklärt irgendwie mitzuhelfen. Als wir posteten, dass jede*r doch bitte eine eigene Kerze mitbringt weil wir nicht genug haben, fanden sich sofort Menschen, die Kerzen spenden wollten oder mehrere Kerzen mitbringen wollen um sie mit den anderen zu teilen. Alle helfen einander und das ist so wunderschön. Ich hoffe nur, dass die Bewegung danach nicht an Momentum verliert. Es ist an der Zeit, dass wir verstehen, dass wir als Community zusammenhalten müssen. Wir müssen uns nicht immer mögen aber wenn es drauf ankommt sind wir füreinander da. Das ist Familie.

Das erinnert uns an unsere erste EiE-Demo 2013! Warum ist euch diese Aktion eine Herzensangelegenheit? 

Margot: Wir hatten das Gefühl, Berlin hat noch nichts “Echtes” zum Gedenken für die Opfer in Orlando auf die Beine gestellt bekommen. Es gab Pressewirksame Termine für die Gesichter, die bei solchen Veranstaltungen halt immer zu sehen sind, aber wir von der Community hatten halt noch nicht unseren Moment.

Ryan: Es war uns so wichtig, dass die Community die Gelegenheit bekommt, gemeinsam um unsere Brüder und Schwestern zu trauern. Ich hatte das Gefühl, dass mir diese Gelegenheit genommen wurde. Und offensichtlich war ich nicht die einzige. Dies wird keine Veranstaltung für Presse oder Politiker. Diese Veranstaltung ist von der Community für die Community.

Was meint ihr, muss die Politik und besonders Angela Merkel jetzt verstehen? 

Margot: Ich möchte Angela Merkel nicht vorschreiben, was sie zu verstehen hat und was nicht. Vielmehr muss die Bevölkerung verstehen, welche Parteien und Vertreter es in welche Ämter wählt. Frau Merkel hat sich ja nicht selber ins Kanzleramt gesetzt, sie wurde gewählt.

Ryan: Ich schon! Sie muss verstehen, dass jedes Gesetz, dass LGBTQ Menschen davon abhält gleichberechtigt zu sein, sei es Adoptionsrecht, gleichgeschlechtliche Ehe, etc, uns in den Augen anderer, zu Menschen zweiter Klasse macht. Menschen bei denen es nur halb so schlimm ist, wenn man sie auslöscht. Ich zitiere nur einen Post den ich online fand (aus dem Englischen übersetzt): „Zum Glück hat es diesmal die Perversen getroffen und keine unschuldigen Menschen.“

Was erwartet die Besucher*innen am Samstag ab 21 Uhr?

Samstag wird eine Veranstaltung in der die Berliner Community Solidarität für unsere Familie in Orlando zeigen wird. Wir werden gemeinsam zusammenstehen, singen und auch trauern. Es wird Redebeiträge vom US Botschafter, sowie aalucarD Holidai – einem resident Performer des Pulse und der amtierenden Miss CSD Stella de Story geben – als auch Songbeiträge von Katharine Mehrling, Gabi Decker, Stella de Stroy, und uns – Margot Schlönzke und Ryan Stecken. Und natürlich ganz wichtig – das Brandenburger Tor wird in Regenbogenfarben leuchten!

Wir von EiE sind stolz auf die queere Community und hoffen, dass alle Menschen in der Hauptstadt am Samstag zahlreich erscheinen werden, um den Opfern des homophoben Angriffs zu gedenken und ein weltweites Zeichen zu setzen.

Mahnwache “Berlin for Orlando”, Samstag, 18. Juni 2016, 21:00 Uhr
ENOUGH is ENOUGH! OPEN YOUR MOUTH! hat am Samstag LIVE auf Facebook vom Brandenburger Tor übertragen.

map loading...
KOMMENTAR SCHREIBEN
#irefPanorama
SHOW MORE