Das schöne an der Wohnungssuche im Internet ist, dass man innerhalb kurzer Zeit in Dutzende Wohnungen schauen kann, die man nie zuvor betreten hat und wahrscheinlich auch nie betreten wird. Klickt man sich auf diesen WG-Vermittlungsportalen durch die Wohnungsbilder, ergibt sich bald ein ziemlich einheitliches Bild studentischer Wohnkultur.

Im Zentrum steht die heilige Trias aus der Fabrik demokratisierten Designs Made in Sweden: Bett, Kleiderschrank und Billy-Regal. Sollte noch Platz oder Bedarf vorhanden sein, wird gerne mit Vintage-Chic vom Flohmarkt oder aus Omis Keller aufgefüllt, um dem Raum die nötige vergeistigte Atmosphäre angedeihen zu lassen. Die einzigen Spuren persönlicher Färbung erkennt man in den Foto-Collagen an den Wänden oder der Auswahl an Büchern im Regal.

Wo da die Individualität bleibt? Nun ja, man richtet sich für ein Leben auf Zeit ein, immer bereit für den nächsten Sprung. Da ist nicht viel mit Besitztümern, die für die Ewigkeit bestimmt sind, wenn man die nächste Frist schon vor Augen hat. Weil wir uns die Freiheit bewahren wollen, Wohnort und Arbeitsplatz ständig wechseln zu können, werden auch die Dinge, die wir besitzen, austauschbar und flexibel. Was nicht länger gebraucht wird, wird entweder ersetzt oder landet in der Tonne. Hierin unterscheiden wir uns auch von der Generation unserer Eltern.

Während Muttern regelmäßig davon schwärmt, dass die Wohnzimmerschrankwand aus Edelholz schon mehr Jahre auf dem Buckel hat als ich und sich dabei sogar noch besser gehalten hat, plage ich mich Jahr für Jahr mit der Montage von Möbelstücken mit seltsamen Namen herum, deren lausiges Material den Belastungsproben des Alltags wieder einmal nicht standhalten konnte. Do-it-yourself-Handwerk kann auch den ausgeglichendsten Yogi in einen tobenden Psychopathen verwandeln.

Und trotzdem nimmt man auch beim nächsten Mal die strapaziöse Odysee durch das Labyrinth der Ausstellungsfläche dieses schwedischen Einrichtungshauses auf sich, um am Ende einen riesenhaften Karton und einen Haufen unnützes Zeug, das irgendwie im Vorbeigehen im Einkaufswagen gelandet ist, in den Kofferraum des geliehenen Autos zu zwängen. Schließlich hat man ja weder Geld noch Zeit.

Sesshaftigkeit, Familiengründung und materieller Wohlstand, der sich in der Anhäufung von Besitztümern ausdrückt, sind für die meisten noch keine Maßstäbe, an denen sie ihren Lebensstil ausrichten. Ganz im Gegenteil: Zu viel Besitz wäre sogar ein Klotz am Bein derer, die nach Selbstentfaltung und Planungsfreiheit streben. Weniger haben gleich weniger Bindung gleich größere Freiheit.

Die schwedische Fotografin Sannah Kvist macht anschaulich, worüber ich hier schwadroniere. Ihre Serie “All I own” ist eine fotografische Bestandsaufnahme der Wohnverhältnisse ihrer Altersgenossen. Sie bat Freunde und Bekannte, all ihre Besitztümer zu Möbelbergen anzuhäufen und anschließend daneben zu posieren. Keiner der Abgebildeten ist über 30, alle studieren oder haben studiert und alle leben in befristeten Mietverhältnissen. Damit wäre das demographische Tableau abgesteckt.

Die Bilder indes decken die selbe mobiliare Grundstruktur auf, die schon bei meiner Wohnungssuche auffällig wurde: Ein Bett, Kleidung, eine Handvoll Möbel und eben jene Dinge, die eine Ahnung von der Persönlichkeit der Porträtierten geben- das ist alles.

Trotzdem muss man anfügen, dass dieser unfreiwillige oder selbstverordnete Minimalismus für die meisten Studenten ein temporärer Zustand ist, der spätestens dann endet, wenn der erste gut bezahlte Job Geld in die leere Haushaltskasse spült. Dann darf es auch schon mal ein Vitra-Stuhl sein. Bis dahin schmachten wir einfach weiter für jedes Feature von FreundevonFreunden.