Poesie. So schön der Klang des Wortes ist, so schön ist auch die Bedeutung des Wortes, mit dem wir romantische, nicht-alltägliche Dinge gerne ausschmücken.

Und um dem grauen Berliner Alltag ein Stück Romantik wiederzugeben, haben die Galeristin Anahita Sadighi und die Schauspielerin und Dichterin Susana AbdulMajid die „Poetry Nights“ ins Leben gerufen. In regelmäßigen Abständen erwecken sie altertümliche aber auch moderne Zeilen von Poeten aus dem Orient zum Leben. Auch privat setzen sich die beiden mit Dichtkunst auseinander. Ob im rauen Berlin, in der weiten Welt oder im trauten Kreis der Familie – Poesie umgibt uns überall, man muss nur nach ihr greifen. Und wie Anahita und Susana das machen, erfahrt ihr im Interview.

 

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Wo habt ihr euer schönstes Gedicht gehört?

Anahita: Bei meiner Familie in Teheran während des persischen Neujahrsfestes Norouz. Traditionell liest man in diesen Tagen einander Gedichte vor und speist ausgiebig. Eine gute Kombo.

Susana: Auf dem mit Zeitung ausgelegten Boden unseres Wohnzimmers. Es ist Sommer und wir essen Wassermelone, die längliche mit den vielen Kernen, weil sie besser schmeckt. Meine Geschwister spielen laut, wir bewerfen uns mit Kernen und mein Vater rezitiert Gedichte für meine Mutter. (Lachen) Das ist kein Witz! Ach ja, und natürlich bei meinem Arabisch-Professor an der Freien Universität Berlin, Herrn Mohammad Wannous. Er brachte mich auf Mahmoud Darwish. Doch von den wirklich schönen Momenten, kann ich Ihnen leider nicht erzählen, dass sind die Geheimnisse, die den fantastischen Nährboden bilden. (Schmunzel)

An welchem Ort wird mich die persische oder arabische Muse küssen?

Anahita: Tatsächlich wird Dich die Muse während unserer „Poetry Nights“ küssen, wenn wir improvisieren, und Susu ihre eigenen Gedichte vorträgt. Magische Momente. Ich hoffe dass wir unsere Lesungen auch eines Tages in anderen Städten und Ländern veranstalten können!

 

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Gibt es Schauplätze im Iran wo man viel mit Poesie, Gedichten in Verbindung kommt? 

Anahita: Einer meiner Lieblingsorte im Iran ist das Hafis-Grabmal in Shiraz und seine anliegenden Gärten. Dieser Ort wird traditionell von frisch verliebten Pärchen Irans besucht, die Reise dorthin soll ihrer Liebe Glück bringen. Die Besucher – ob jung oder alt, verliebt oder nicht verliebt – rezitieren Gedichte, und erfragen Hafis’ „Diwan“ wie ein Orakel nach ihren intimsten Fragen und Sehnsüchten. Schiraz erscheint als einer der wichtigsten Schauplätze der persischen Dichtkunst, es gilt als das literarische Herzstück Persiens und zog Menschen aus aller Welt an. Neben Hafis wurde auch Saadi hier geboren. Ihre zahlreich besuchten Denkmäler veranschaulichen noch heute die Bedeutung von Literatur und Poesie für Iraner. „Der Morgenwind und die Erde von Schiras ist Feuer; wen dieses ergreift, der hat keine Ruhe mehr“, schrieb Saadi.

Wo finde ich poetische Orte in Berlin? 

Anahita: Vergleichbare Orte gibt es meiner Meinung nach hier nicht. (Schmunzel) Es ist vielmehr der Spirit der Stadt, den ich als poetisch empfinde – die Freiheit und das Berliner Lebensgefühl, welches Menschen aus aller Welt anzieht. Ein für mich melancholischer und poetischer Ort ist das Kleist Grab am kleinen Wannsee. Ich liebe die Dramen von Kleist, und dieser Ort ist für mich besonderes poetisch, vielleicht auch weil er in einer malerischen Landschaft direkt am Wannsee gelegen ist.

Susana: Oh, da gibt es einige. Meine erste Wohnung in der Droysenstraße, war so ein Ort. 50 qm2, Altbau, Stuck und Ofenheizung. Der Balkon zum Hinterhof, behangen mit Hortensien plus viel Ruhe. Wirklich ein poetischer Ort. Die Sonnenallee besitzt auch sehr viel feine Lyrik, wenn auch grober und lauter. Ich bin so dankbar, dass es nun endlich gutes Baklawa in Berlin gibt, der Duft aus syrischen Konditoreien strömend ist Magie. Und dann läuft man über die Straßen in Begleitung eines Traube-Minze Shisha Nebels. Ziemlich verwegen und romantisch, ich bin mir sicher, Caspar David Friedrich gefiele das auch. Und Rilke sowieso.

Falls ihr selber mal Gedichte schreibt oder allgemein nach Inspiration sucht: Wo findet ihr Inspiration? 

Anahita: Für mich sind es weniger die Orte, sondern vielmehr mein „state of mind“ und die Begegnungen mit bestimmten Menschen, welche mich nachhaltig inspirieren und bewegen. Wenn ich jedoch an besondere Orte denke, dann zählen dazu auf jeden Fall die Berliner Philharmonie, die Museumsinsel und der Grunewald. Spannend finde ich auch manche Berliner Nachtclubs und den Ausblick von meinem Balkon!

Susana: Tatsächlich trage ich immer ein Notizbuch mit mir oder spreche auch schnell mal was ins Handy, ich „mache“ Sprache gerne direkt. Das heißt, ich forme sie um, zerknete und durchpiekse sie. Für mich sind es körperliche Prozesse, ich finde sie durch ein Gespräch, durch Zuhören oder eine flüchtige Begegnung. Vorgänge beobachten, die Umgebung, also Natur, Menschen, Müll – alles wirkt. Alles kreiert sprachliche Geometrie. Fähig es immer zu fassen und aufzuschreiben, bin ich nicht, das können vielleicht nur Genies.