Ich schreibe gerne gefühlig. Weil ich mit Vorliebe übersprudele vor Gefühlen. Lachen, weinen, schwelgen, genießen, staunen, durchdrehen. Kenne ich alles. Gut sogar. Aber so viel von all dem in so kurzer Zeit, das ist – gelinde gesagt – selten. Und wer oder was ist schuld? Neuseeland mit allem drum und dran.

Nach mehr als zwei Tagen in der Luft (vier Mal hoch und vier Mal wieder runter) mit Zwischenstopp in Singapur haben wir sie durchflogen, die lange weiße Wolke über der Südinsel von Neuseeland. Ein Landeanflug vorbei an schneebedeckten Bergen: Endstation Queenstown, Endstation Sehnsucht. Und zum Greifen nah: ein Bett. Denn ihr müsst wissen: 4 Stunden Schlaf in 55 Reisestunden, vom Schmuddelsommer in Berlin über 35 Grad im Singapurer Schatten bis runter zum Gefrierpunkt des neuseeländischen Winters – das haut den stärksten Kiwi um. Und mich erst recht. Aber bevor ich mich in die weichen Daunen meines schmucken Zimmers im Park Boutique Hotel fallen lassen durfte, musste der Beginn unseres großen Neuseeland-Abenteuers begossen werden – bei Minus 5 Grad und Britney Spears, umgeben von Disneyland-artigen Eisskulpturen. Kind of skurril, aber irgendwie auch clever: Danach wurde uns doppelt warm ums Herz beim Anblick des Glühweins im gemütlichen Boiler Room.

Bildschirmfoto 2014-12-23 um 15.09.11

Und schließlich: schlafen. Endlich. Pustekuchen. Ganze 2 Stunden Schlaf hab‘ ich in meiner ersten Nacht in Neuseeland auf die Uhr bekommen. An dieser Stelle möchte ich nicht versäumen, Euch die herzlichsten Grüße von meinem Freund, dem Jetlag, auszurichten. 10 Stunden Zeitverschiebung und eine Dame – ich – mit einem gespaltenen Verhältnis zur Nachtruhe: Da mussten ja die ersten Tränen fließen. Aber hey, Nadin, hoch mit dem Köpfchen, WIR SIND IN NEUSEELAND! Also hoch mit dem Köpfchen und auf auf ins alpine Umland von Queenstown, dorthin wo die schneebedeckten Berge wachsen. Die Anhöhe unserer Wahl: der Coronet Peak, genauer: der kleinste Hügel auf diesem wunderschönen Berg, geschätzte 5 Grad Steigungswinkel. Genau richtig also für zwei blutige Anfänger wie Matze von Mit Vergnügen und mich. Und was soll ich sagen: Ich habe meine Heimat nicht enttäuscht und bin beim Einsteigerskikürschen nicht auf den Arsch gefallen. Fazit: Wintersport-Thüringen wurde würdig vertreten vom Haßlebener Mädel in Neuseeland. Und Südbrandenburg sollte gleichfalls in Erwägung ziehen, einen Athleten mehr zu den nächsten olympischen Winterspielen zu schicken…

Bildschirmfoto 2014-12-23 um 15.09.11

Ihr stimmt mir sicherlich allemann zu, wenn ich Euch sage: Wer hart arbeitet, der darf sich’s auch gerne mal so richtig gutgehen lassen. Danke. Also rein mit den müden Knochen in den Hot Pool – mit Blick auf eine Landschaft zum Niederknien und in den neuseeländischen Himmel, denn ich habe mir erlaubt, die Wände zurückfahren zu lassen. Umgeben von winterlicher Kälte im dampfenden Wasser zu sitzen – das entschädigt für jeden Jetlag der Welt.

Ich bräuchte an dieser Stelle noch einmal Eure Zustimmung: Nach einer Runde Wintersport und einer Stunde Hot Pool ist es an der Zeit, dem Körper Nahrung zuzuführen, oder? Und weil das so ist, habe ich mir den größten, den dicksten, den schmackhaftesten Burger der Welt (ich neige zur Übertreibung, aber an dieser Stelle ist nichts übertrieben) gegönnt. Die Spezies der Fergburger ist über die Grenzen Neuseelands hinaus berühmt. Nicht zuletzt aufgrund ihrer einschläfernden Wirkung. Ja, so ist es, danach habe ich geschlafen. Ganze 6 Stunden. Das Leben kehrte in meinen Körper zurück. Und die Tränen in meine Augen.

Bildschirmfoto 2014-12-23 um 15.09.11

Tränen des Glücks. Denn am nächsten Tag – ich nenne ihn den Tag der 3Buchstabenmänner – habe ich das Paradies gesehen. Mit Nomad Safaris sind wir bis zum Rees Valley gefahren. Und an dieser Stelle muss ich leider passen. Mein Wortschatz ist soweit ganz annehmbar, verhältnismäßig umfänglich würde ich sagen, aber hier fehlen sie mir, die Worte. Ok, ok, ok, ich versuch’s. Aaaalso: Wir befinden uns in „Brokeback Mountain“ – na na na, weg mit den Bildern in Euren Köpfen. Ich spiele auf die Landschaft an, die Kulisse des kleinen Orts, in dem Heath Ledger und Michelle Williams versuchen zu leben. So ähnlich ist es in Glenorchy – einem 350-Seelen-Örtchen am Fuß der Berge, in dem wir unterwegs Rast machen. Mit einer winzigen Kirche, in der eine große, alte Bibel auf dem Altar liegt. Daneben steht die vermutlich kleinste Bibliothek der Welt, in der man sich genau eine Stunde in der Woche, nämlich freitags zwischen 2 und 3, den „Hobbit“ und andere Schmöker ausleihen kann. Die Straßen sind leer und die Berge hoch. I feel like a struggeling girl in an independent movie.

Bildschirmfoto 2014-12-23 um 15.09.11

Schnitt. Das Wasser des Lake Wakatipu: Türkis in allen Schattierungen. An seiner tiefsten Stelle ist er 420 m tief. Und trotzdem so strahlend. Der Grund seien Minerale und Kristalle, erklärt uns Tim, unser Fahrer. Tim erinnert mich an einen englischen Jane-Austen-Landlord, aber einen von der warmherzigen, sympathischen Sorte, einer, der seinen Garten selbst pflegt. In seinem Jeep fühlt man sich aufgehoben, das Banana Bread und den selbst zusammengerührten Milo (australischer Kakao) serviert er im Rees Valley mit einer bescheidenen Herzlichkeit, dass man ihn drücken möchte. Und wenn wir schon mal beim Umarmen sind.

Hier, an dieser Stelle, möchte ich die ganze große weite Welt umarmen. Denn die Natur, die wir paar Hanseln dort allein genießen dürfen, haut mich um. Und Tim, der alte Ganove, hat noch ein Ass im Ärmel: Aus seinem Jeep-Versteck zaubert er bisher unsichtbare Hobbit-Umhänge und Schwerter. Möglicherweise könnt ihr 1 und 1 zusammenzählen: Was machen vier übermüdete Blogger in Neuseeland, wenn ihnen durch Zufall Filmkostüme in die Hände fallen? Richtig. Sie drehen ’ne Runde durch. Unterm Strich: Erst hat die Landschaft uns verzaubert und dann wir die Landschaft.

Bildschirmfoto 2014-12-23 um 15.09.11

Unser nächster 3Buchstabenmann war auch ein Zauberer. John (das H ist stumm, deswegen zählt es nicht) hat uns in der Kinloch Lodge allerlei Leckereien auf den Tisch gezaubert: Schweinebauch mit selbstgemachtem Chutney, überbackene Muscheln, Pumpkin-Gemüse, Rote-Beete-Törtchen und noch viel mehr. Dazu flackert das Feuer im Ofen und Carole King singt mir ins Ohr, dass ich nur anzurufen brauche, wenn ich einen Freund brauche, dann kommt sie gerannt. Ich bin gerührt von dieser filmreifen Mischung und – richtig – den Tränen wieder einmal sehr sehr nahe. Kinloch, der Ort, liegt direkt am türkisfarbenen Wasser. Er ist die Heimat von genau 8 offensichtlich sehr herzlichen Menschen – einer davon ist Jo(h)n – und einem alten Retriever, der uns zum Speedboat begleitet, mit dem wir nun den Dart River entlangpesen.

Unser Steuermann ist Ben oder wie der Neuseeländer sagt: Bien. Er hat genau eine Aufgabe: Die deutschen Menschen mit den vielen Kameras direkt ins Paradies zu befördern. Nur wir, B(i)en und der Dart River, die ein oder andere Drehung verbunden mit dem ein oder anderen Spritzer Wasser und schon sind wir da, an einem Fleckchen Erde, den Paradise zu nennen nicht die schlechteste aller Alternativen gewesen sein muss. Das hat vermutlich auch Peter Jackson gedacht, der unter anderem exactemente hier „Der Herr der Ringe“ gedreht hat.

Bildschirmfoto 2014-12-23 um 15.09.11

Was der kann, das können wir schon lange, müssen sich danach gefühlt alle Regisseure gedacht haben, die eine Landschaft mit Wumms gesucht haben. Denn die Reise geht weiter durch Japan, Indien, Narnia bis hinein in die schneebedeckten Berge der schönen Schweiz. Denn, das erzählt und zeigt uns unser Fahrer Rod, der Tim nach der Speedboat-Tour abgeklatscht hat, hier wurde auch ein Milka-Werbespot gedreht. Das Geheimnis der geheimnisvollen lila Kuh ist damit gelüftet. Sie kommt aus Neuseeland. Ebenso wie meine neuen Lieblinge: die Paradise Ducks.

Rod erzählt von ihrer Liebe bis in den Tod und ich muss… nun ja, lassen wir das. Stirbt das Paradise-Duck-Männchen, verweigert die zugehörige Dame – die Kameraden sind ihr Leben lang zu zweit unterwegs – das Essen. So lange, bis sie stirbt. Und vice versa. Bitte verzeiht, liebe Leser, ich habe heute leider kein Foto für Euch. Jedenfalls nicht von den verliebten Paradiesenten – aus unserem Bus heraus ließen sie sich so furchtbar schlecht fotografieren und auf unserem Zwischenstopp blieb keine Zeit, schließlich musste der Hobbit-Stuhl im Wald neben Isengard erklommen werden.

Bildschirmfoto 2014-12-23 um 15.09.11

Auch wenn ich zugegebenermaßen heute recht viel Bestätigung brauche, aber: Es ist doch sicher mehr als verständlich, dass nach einer Weltreise der Magen knurrt? Sagen wir es so: Er hatte nicht viel zu knurren. Denn unser 3. Tag in Neuseeland endete mit einem Merinoschaf, so butterweich, dass wir die uns gereichte Lammschulter in der Amisfield Winery mit einem Löffel zerteilen konnten. Nach einem geschmackstiefen Pilzfond, einer cremigen Kichererbsensuppe und einem zarten Lachsfilet. Als im Anschluss die Schokolade aus dem Dessert-Törtchen läuft, überlege ich, den Küchenchef zu küssen. Das hat dann aber meine Reisefreundin Gigi stellvertretend für uns alle übernommen.

Jetzt, da ich hier sitze und schreibe, sollte ich eigentlich durch die Lüfte schweben – aber Ach, das Wetter hat es nicht erlaubt, Paragliden zu gehen. So schade das ist, macht diese Planänderung meinen Aufenthalt in Queenstown und Umgebung keinen Deut weniger zauberhaft. Wir werden sehen, ob es mit dem Skydive klappt. Please keep your fingers crossed. Aber das ist erst in ein paar Tagen. Davor warten Glühwürmchen, ein Miniaturpferd und noch viel viel mehr Landschaft im Fiordland National Park auf mich. Da fällt mir ein, ich muss noch Taschentücher einpacken.

#nzmustdo