Wenn im August auf dem Gelände eines stillgelegten Kraftwerk im Herzen Helsinkis der Startschuss zum FLOW Festival 2015 fällt, wird Tuomas Kallio eine beeindruckende Rolle zuteil: er wird dann Gastgeber für etwa 60 000 Menschen sein.

Tuomas und seine Frau Suvi gehören zu den Hauptorganisatoren hinter dem größten finnischen Musikfestival und einem der spannendsten Projekte des Festivaljahrs. Während bei Suvi alle Fäden zusammenlaufen, übernimmt Tuomas die künstlerische Direktion des FLOW. Über 11 Jahre hinweg konnten die beiden ihre Vorstellung von einem perfekten Festival immer weiter verfeinern.

Im unserem Interview spricht Tuomas Kallio über Geschichte und Gegenwart des Flow Festival, finnische Musik und die Kunst, ein gutes Festival zu organisieren.

i-ref: Wie bist du dazu gekommen, das FLOW Festival zu veranstalten?

Tuomas Kallio: Das allererste FLOW Festival fand 2004 als Nebenprojekt für die Musiker, DJs usw. aus unserem Künstlerkollektiv statt.

Gab es irgendwelche Festivals, die euch als Inspiration dienten oder habt ihr euch nur darauf konzentriert, alles anders zu machen als die anderen?

Ich denke, wir haben versucht, nicht das zu tun, was all die anderen tun, weil wir nicht das Gefühl hatten, dass es ein Festival gab, das wir auch selbst besuchen wollten.

“Du musst ein Festival immer für dich selbst machen. Wenn du es selbst nicht liebst- und stell dir dich als Besucher vor- dann wird es hart werden.”

 

Nehmen wir mal an, ich wollte ein anständiges Festival auf die Beine stellen. Welchen Tipp würdest du mir geben, wenn du aus deiner Erfahrung schöpfst?

Du musst ein Festival immer für dich selbst machen. Wenn du es selbst nicht liebst- und stell dir dich als Besucher vor- dann wird es hart werden.

Das kommende FLOW wird schon die 11. Ausgabe des Festivals sein. Was ist nötig, ein Festival über mehrere Jahre hinweg attraktiv zu machen, ohne die eigene Identität aufzugeben?

Ja, absolut richtig, man muss so ein Festival auf verschiedenen Wegen frisch halten. Ein Teil dieses Prozesses ist für uns, den Weg ins Ausland anzutreten.

Womit wir beim Thema wären, denn 2015 ist ein besonderes Jahr für FLOW: Vom 26.- 28. Juni wird die slowenische Hauptstadt Ljublijana den ersten internationalen Ableger des Festivals zu Gast haben. Plant ihr, das Konzept FLOW auch in andere europäische Länder zu bringen?

Mal sehen. FLOW war ja schon immer recht international, was das Programm betrifft, darum fühlt es sich irgendwie selbstverständlich an, an einem gewissen Punkt verschiedene Locations, Städte und Länder auszuprobieren. Der Mittelmeerraum und Südeuropa generell erscheinen uns interessant, da viele Dinge dort anders sind als in Finnland. Die Menge von natürlichem Licht im Hochsommer zum Beispiel.

Ich bezweifle stark, dass im Organisationsprozess eines großen Festivals alles glatt läuft. Was hast du aus der Geschichte des Festivals gelernt? Welche Fehler wirst du nie wieder machen?

Eigentlich gab es in Helsinki tatsächlich noch nie großes Drama. Aber klar, wenn Festivals anfangen, größer zu werden, muss man sich auf eine Menge einstellen. Das FLOW ist mit einer Besucherzahl von 20 000 pro Tag allerdings noch verhältnismäßig klein, weshalb wir die Servicequalität im Gegensatz zu diesen riesigen Festivals so hoch halten können.

Gehst du eigentlich noch zu anderen Musikfestivals?

Um ganz ehrlich zu sein, nein. Wirklich nicht. Vielleicht sollte ich das, aber Musikfestivals reizen mich eher selten. Das letzte Mal, das ich mich wirklich für ein Festival begeistern konnte, war im Frühjahr auf der Design Week in Mailand. Die hatten dort eine tolle Atmosphäre.

Hat sich denn dann die Perspektive auf Musikfestivals verändert, seitdem du selbst eines veranstaltest?

Oh ja. Natürlich verfolge ich, was bei anderen Festivals passiert- gerade in Sachen Booking- schließlich agieren diese ja in derselben Branche wie wir, wenngleich wir die Dinge lieber anders angehen.

“Wenn du im Begriff bist, 8-10 Stunden auf einem Festivalgelände zu verbringen, sollte alles, was du dort erlebst erste Sahne sein.”

 

Bei vielen Musikfestivals bekommt man das Gefühl, dass deren Hauptaugenmerk darauf liegt, das Line-Up mit populären Namen zu füllen und der Rest außen vor bleibt. Warum habt ihr euch für einen anderen Ansatz entschieden?

Weil uns der Ansatz, den du eben beschrieben hast, ziemlich langweilig erscheint. Wenn du im Begriff bist, 8-10 Stunden auf einem Festivalgelände zu verbringen, sollte alles, was du dort erlebst erste Sahne sein.

In Finnland gibt es genug Platz. Ich hättet euch für einen abgelegenen See in den finnischen Wäldern entscheiden können, wähltet aber ein stillgelegtes Kraftwerk mitten in Helsinki. Was sind die Vorteile eines urbanen Festivals?

Die Identität unseres Festivals ist urban und wir haben eine Vorliebe für postindustrielle Räume. Die finnische Natur ist zwar schön, aber nicht so unser Ding, was den Ort für unser Festival angeht.

Man sagt, das FLOW sei ein Hotspot, der reflektiert, was in Finnland gerade hip und stylish ist. Würdest du da zustimmen?

Nun ja, ich würde sagen, das FLOW bringt eine gewisse Art von Leuten zusammen, die gerne zusammen abhängen. Ähnliche Werte und so weiter. Das ist auch der größte Unterschied zwischen unserem Festival und jenen „Für alle was dabei“-Festivals, die allen Geschmäckern zu gefallen versuchen.

Innerhalb des Line-Ups bemerkt man eine große Vielfalt an Stilen. Da sind Indie-Bands, Singer-Songwriter und sogar Jazz-Bands neben Rappern und DJs. Ist ein sorgsam ausbalanciertes Line-Up immer noch der Schlüssel zu einem erfolgreichen Festival?

Ich denke, dass die Leute- leider- den Preis eines Tickets immer noch mit dem Musikprogramm rechtfertigen. Wir würden furchtbar gerne darüber hinaus gehen und dieses vielfältige Musikkonzept als Teil eines kompletten Festivalerlebnisses verkaufen, aber wir brauchen noch einige dieser großen Namen auf den Plakaten, um diese Tickets zu verkaufen. Es ist nun mal so. Aber ehrlich gesagt, finde ich das Line-Up des FLOW 2015 großartig. Ich würde sagen, es ist eines der besten, die man diesen Sommer finden kann.

Auf wen freust du dich am meisten im Line-Up? Hast du überhaupt Zeit, dir ein paar Acts anzusehen?

Ich versuche, so viel wie möglich zu sehen. Ich hänge überhaupt nicht im Backstage rum, viel lieber bin ich Teil des Publikums. Wir haben für die 360°-Ballonbühne einige exklusive Dinge zusammengestellt, dazu kommt das experimentelle Konzept „The Other Sound“. Und ich liebe Beck.

Ich muss zugeben, dass ich nicht allzu vertraut mit der zeitgenössischen finnischen Musikszene bin. Welchen finnischen Act würdest du mir als guten Beginn empfehlen, diese Lücke zu füllen?

Mirel Wagner, Vladislav Delay, Mika Vainio, Lännen Jukka, Timo Lassy Band

Zum Schluß: Welcher Song steht gerade an der Spitze deiner Playlist?

Das „Music in Exile“-Album von Songhoy Blues. Man muss heutzutage an Alben erinnern, weil ich aus dieser Ecke- der Albenproduktion- komme und es langsam beginnt zu verschwinden.

 

NA, LUST AUF'S FLOW BEKOMMEN?

Dann haben wir eine gute Nachricht für euch, denn noch gibt es Tickets in allen Kategorien. Also Kreuzchen im Kalender machen, Freunde mobilisieren und ran an die Tickets! Wir sehen uns dann in Helsinki.