Istanbul ist rappelvoll, dopdolu: Pluralismus live und in Farbe, ein reges Kommen und Gehen, tiefblaue Wellenschläge von arabesker Leidenschaft und stolzer Willkür, hier am Dreh- und wortwörtlichen Angelpunkt des Bosporus. „They call it chaos, we call it home“, versicherte mir neulich ein T-Shirt. Denn unweit des täglichen Tohuwabohus sowie der überwältigenden Kompromisslosigkeit dieses städtischen Ur-getüms liegt das Zuhause von Millionen, Drahtseilakt und Fadenspiel zugleich.

Doch wer hält hier die sprichwörtlichen Fäden in der Hand, beziehungsweise in den Tatzen? Was in Istanbul beeindruckt ist auch und vor allen Dingen das Leben auf den Straßen, dort wo die gegensätzlichen Strömungen sich stetig ihren Weg bahnen und aufeinander prallen, irgendwo zwischen Ideal und Sein. Zu jeder Stunde ist in dieser Stadt jemand unterwegs auf den Spuren des Glücks oder schlicht auf der Suche nach der nächsten warmen Motorhaube.



Die Straßen und Gassen Istanbuls wimmeln tierisch. Zu den über 17 Millionen Einwohnern dieser Stadt gesellen sich nämlich ebenso unzählige Straßenhunde und -Katzen, die mit stiller, fast indifferenter aber stets fotogener Miene (zur Freude der vielen Besucher) über das tägliche und nächtliche Treiben hier walten. Tatsächlich sind sie die Protagonisten in diesem urbanen Streifen, in dem Natur meist nur die Rolle des Statisten zuteil wird. Die Geschichten und Anekdoten unserer Begegnungen mit ihnen sind endlos. Gefühlte Hundertschaften hatten wir schon für einen kurzen Moment in unser Herz geschlossen, um sie dann wieder ziehen zu lassen.

Als ich im Herbst letzten Jahres an meinem Geburtstagssonntag, nach einem Frühstücksdöner beim Karadeniz Pide Salonu in Beşiktaş, die Fähre zur asiatischen Seite bestieg und drüben in Kadıköy anlegte, ahnte ich noch nicht, wem ich dort in einer Seitengasse begegnen würde. Aus einem steinernen Vorgarten miaute es auf einmal zu uns herüber. Miyav miyav machte das Kätzchen, torkelte uns auf krummen Beinen entgegen und setze einen Schwall an Muttergefühlen in mir frei. Ich begrüßte meinen neuen türkischen Interimsfreund und nahm ihn mir zur Brust. Wärme. Ein kurzer Glücksmoment gefolgt von einer schweren Trennung.



Zweifellos sind die unzähligen Hunde (köpek) und Katzen (kedi) die heimlichen Herrscher Istanbuls, und zudem frei von politischer Gesinnung. Selbst der Prophet Mohammed entschloss sich einer Legende nach dazu, den Teil seines Mantels abzuschneiden, auf dem sich eine Katze kurz zuvor zur Ruhe gelegt hatte, um sie ja nicht zu wecken. Auch heutzutage wird sich liebevoll um die herrenlosen Geschöpfe gekümmert, wobei die Katzen hier klarer Favorit sind. Den Hunden wird eher misstraut. Im Auge des Köters wechseln selbst gestandene Mannsbilder mit Oberlippenbart und haarigen Schultern sicherheitshalber die Straßenseite. Trotzdem sind die Straßenzüge Istanbuls das Jahr über gesäumt von Wasserschalen, Essensresten, Knochen und Trockenfutter, wobei in den kälteren Monaten sogar selbstgebaute Hunde- und Katzenhütten aus Pappe, Styropor, Kunststoff oder Holz vor die Tür gestellt werden. Es ist schließlich eine Frage des Überlebens.




Auch unsere Straße, die Baysungur Sokak, wird von einem treuen, dunkelblonden Hundepärchen bewacht. Tagsüber besetzen sie in aller Regelmäßigkeit ihren auserkorenen Hauseingang. Nachts bellen sie vorbeugend mit lautem hav hav vor allem fremde Männergruppen an. Sie sind überall und fast schon familiär. Jeder Straßenzug ist in Besitz seiner eigenen haarigen Gang von Vierbeinern, manche sichtbar gut in Schuss, andere wiederum frisch vom Battle heimgekehrt mit abgerissenem Ohr oder blutigem Schwanzstummel. Stolz wie Osman. Und während man dann mit offenem Fenster zum Hof im Dunkeln liegt und versucht zu schlafen, beginnt im Frühjahr und in den Sommermonaten von draußen das Geheule: Baby im Garten liegen lassen? Zugvögel? Ein Akkordeon? Wieder und immer wieder. Die Kediquetsche zur Balz./>


Nebenan im Maçka Parkı, dem Kedi Parkı wie wir ihn nennen, liegt der von uns so benannte Therapiepark Istanbuls. Hunde und Katzen, zwei Hühner vom Teegarten und noch mehr Katzen sehen den Park als ihr Revier. Angrenzend liegt das Militärmuseum, nebenan noch ein Spielplatz und rundherum lauter Bänke. Morgens beim vorbejoggen, sehen wir dort jedes Mal unterschiedliche Männer und Frauen verweilen, neben oder auf ihnen sitzend ihre maßgeschneiderte Seelenkatze, die ihnen glücklich schnurrend ihre volle Aufmerksamkeit schenkt. Inzwischen sind wir zu dem Fazit gekommen, dass das Seelenheil (ruh sağlığı) Istanbuls in seiner Wildnis ruht. Und was die Möwen und Delfine so angeht, darauf kommen wir sicherlich noch ein anderes Mal zu sprechen. Istanbul du Katzenwiege der Überlebenskünstler.