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Mit dem einen Fuß in Berlin, mit dem anderen in Istanbul. Und wo haben wir jetzt unser Herz gelassen? Valentinstag – der Tag, an dem vor 2 Jahren die One-Way-Tickets nach Istanbul am günstigsten waren, kommt uns heute teuer zu stehen. Keine Chance auf ein Istanbul-Jubiläum ohne gepfefferte Liebes-Menüs, fragwürdig-romantische Musikeinlagen und klebrig-süße Kadayıf-Fäden, die uns, wie Ursula schon Arielle, umgarnen und betören wollen. Seit Tagen laufen in der Türkei Spots und Banner zum Valentinstag in Dauerschleife. Das ganze Land ist auf der Suche nach dem perfektem Outfit, dem perfekten Geschenk, dem perfekten Moment. Die türkischen bayanlar (Damen) nutzen die Gunst der Stunde sich ein weiteres Accessoire am Finger oder Handgelenk zu sichern. Glaubt man aktuellen Umfragen, bevorzugen es die beyler (Herren) hingegen, an diesem Tag Single zu sein. Bekarlık sultanlıktır. – Das Leben eines Singles, ist das Leben eines Sultans.

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Wie viele Herzen darf man einem Menschen pro Woche eigentlich zutrauen? Und wie beteuert man sich überhaupt die ganze große Liebe, wenn der gemeine Türke sein Gegenüber bereits im Alltag mit Koseworten zu überschütten pflegt? Vor allem Letzteres bleibt ein Rätsel. Denn streng genommen ist hier jeder Tag sevgililer günü (Tag der Geliebten). Canım, hayatım, aşkım! – Meine Seele, mein Leben, meine Liebe! Was jemandem, der der türkischen Sprache nicht mächtig ist, als überschwängliche Gastfreundschaft erscheint, ist bei genauerem Hinsehen eine Ansammlung hunderter, kleiner, alltäglicher Liebeserklärungen. Die Köchin aus dem ev yemekleri (Imbiss für Hausmannskost) nennt all ihre Gäste canım. Telefonate mit Arbeitskollegen beendet man mit Görüşürüz, öptüm seni, bye bye! – Wie sehen uns, ich küsse dich, bye bye. Und den neuen, heißen Flirt kettet man sich raffiniert mit einem seni seviyorum ans Bein. Ich liebe Dich!

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Istanbul-Kolumne-Levislev-Fructopia-loveme

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Damit sich jedoch kraftvoll Liebesblitze entladen können, bedarf es schwarzer Wolken und dicker Luft. Sowieso lauert der Ärger in Istanbul an jeder Ecke und an jeder Ampel, ob grün oder rot oder gar nicht erst vorhanden: Die Teyze (Tante) auf dem Wochenmarkt, die einem unbeeindruckt ihren Hackenporsche in die Wade rammt. Der Amca (Onkel) aus der U-Bahn, der sich einem, kaum öffnen sich die Türen, mit vollem Gewicht entgegenwirft, in der Hoffnung, den letzten freien Platz zu ergattern. Oder die sich verspätende Freundin, die pünktlich zur Verabredung folgende SMS schickt: „Stecke im Stau. Bin in ‘ner halben Stunde da.” Und dann wird aus einer halben Stunde eine Ganze, aus halbgarem Frust ein ausgewachsener Wutbürger. Bevor es jedoch zum Eklat kommt, sprudelt zuckersüß aus ihr heraus: Canim, kusuruma bakma, kızma bana, seni çoook özledim! – Meine Seele, schau nicht auf meine Fehler, sei mir nicht böse! Ich hab dich sooo vermisst! Es wird gedrückt, geküsst und wieder gedrückt. Jedes Wort, jede Geste, wie ein kleiner, feiner Nadelstich in den inneren, prall gefüllten Ballon voller Gram und Ärger. Canım, puff, hayatım, puffpuff … Entwaffnet und fast schon beschämt, winkt man ab. War irgendwas?

Istanbul zieht immer alle Register, ob in Form eines warmen Tees, einer niedlichen Straßenkatze oder dem zahnlosen Lächeln eines bis dahin Unbekannten. Selbst die Teelöffel schreien es einem entgegen. Marmor, Stein und Eisen bricht, doch Hakans Liebe rostet nicht.

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Ein Hoch auf diese Stadt also, Istanbul, bi’tanem! Istanbul, mein ein und alles, meine Einzige!

Seni çok, çoook seviyoruz! Öpüyoruz!

Nerde bıraktım kalbimi bilmem.

Ah nerede, vah nerede?

Nerde unuttum kalbimi acaba?

Ah nerede, vah nerede?

Bir bulabilsem, ah nerede?

Ich weiß nicht, wo ich mein Herz gelassen habe.

Wo nur, ach wo?

Wo hab ich wohl mein Herz vergessen?

Wo nur, ach wo?

Ob ich es wohl wiederfinde, ach wo nur?

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Füsun Önal -Ah nerede 1975 von metin67

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Photos: „Love Me“ by Lev Nordstrom / „Istanbul“ by Zuhal Kocan