Tarzaning im Passeiertal

„Ich kann nicht! Nie und nimmer! Zu hoch! Viel zu hoch!“ Mein Herz schlägt wie verrückt, meine Sinne sind geschärft, meine Beine wackelig. Ich stehe auf einem Felsvorsprung, vor mir die schönste Schlucht, die ich je gesehen haben. Leider auch die tiefste. Auf der gegenüberliegenden Seite winkt mir Erwin zu. Unter mir schnellt das türkisblaues Bergquellwasser. Ein Seil verbindet uns. Jetzt muss ich wohl, es gibt nur mehr einen Weg. Ich nehme all meinen Mut zusammen… und springe….

Partner_Balken_dünn

Tarzaning im Passeiertal

Partner_Balken_dünn

Doch zurück zum Anfang. Erwin Mairginter ist Bergführer aus dem Passeiertal. Vor einigen Jahren hatte er die Idee, einen Hochseilgarten anzulegen.

Eine Stunde von Meran entfernt gibt es eine der schönsten Schluchten im Alpenraum. Nicht weit davon entspringt der Fluss Passer, der durch das Passeiertal bis nach Meran fließt. Die Schlucht ist atemberaubend schön, türkisblaues Wasser schlängelt sich vorbei an abgerundeten Felsen, die mit den Jahrhunderten vom Wasser geglättet wurden. Erwin erzählt mir und einigen Freunden, mit denen ich gleich mehrere Adrenalinkicks erleben werde, dass diese geologische Schönheit in Privatbesitz ist und daher nur mit ihm besichtigt werden kann. Als Pächter hat sich Erwin einen Kindheitstraum erfüllt: er baute mit eigenen Händen einen Hochseilgarten im angrenzenden Wald und über die Schlucht hinweg, spannte meterlange Seile und nannte den ganzen Spaß „Tarzaning“. Dass dieser Name mehr als passend ist, versteht sich beim ersten Anblick.

Hier stehen wir also, ausgerüstet mit Kletterutensilien, Helm und jeder Menge kribbelnder Vorfreude auf das, was uns beim Tarzaning gleich erwarten wird. Erwin klärt uns genau, wie wir vorgehen. Einer nach dem anderen, sich selbst und seinen Partner stets gut gesichert. Bevor wir uns auf die Baumkronen wagen, lernen wir an kleinen Felsen, wie man richtig im Seil hängt. Wir bekommen nach und nach ein Gefühl dafür, wann wir sicher sind. Und dann geht’s los.

Partner_Balken_dünn

Wir spazieren im Entenmarsch auf eine kleine Anhöhe, gute zehn Meter trennen uns vom Boden. Was hoch klingt, ist es auch. Hinunter geht es an einem Baumstamm ohne Äste. „Ihr seilt euch jetzt ab, ich sichere euch und komme dann auch runter!“, so Erwin. Was einfach klingt, kostet die meisten von uns bereits große Überwindung und die Vorfreude weicht einem mulmigen Gefühl in der Magengrube. Doch als wir unten ankommen, stahlen unsere Gesichter vor Erleichterung und wir freuen uns auf das nächste kleine Abenteuer.

Mithilfe einer Leiter erklimmen wir den nächsten Baum und befinden uns mitten im Hochseilgarten. Die Route führt entlang von Seilen und Hölzern (zu) viele Meter über dem Boden, die den wackeligen Untergrund für unsere Füße bilden. Jeder Schritt verlangt Konzentration. Einmal sichern, zweimal sichern, dem Partner dahinter die nächsten Schritte erklären, so wie ich sie eben gesagt bekommen habe. Stille Post für Kletterer sozusagen. Jeder Blick nach unten provoziert ein, sagen wir mal „Stoßgebet“, und ich frage mich, was ich mir dabei bloß gedacht habe. Der atemberaubende Blick in die Schlucht und das Rauschen des Wassers lenken mich Gott sei Dank immer wieder von meiner Angst ab. Meine Fingernägel fest in den Baum krallend muss ich lächeln.

Wieder festen Boden unter den Füßen erwartet uns ein neues Abenteuer. Wir bewegen uns erneut in luftige Höhen, diesmal ist unter uns jedoch kein Boden, sondern der reißende Bach. Zuerst robben wir uns entlang eines Felsen. Millionen kleiner Wassertröpfchen schießen mir ins Gesicht. „Volle Kraft voraus!“ schreit meine innere Stimme. Ich fühle mich wie James Bond, der sich auf der waghalsigen Jagd nach Schurken befindet. Das Rauschen des Wildwassers im Nacken erreiche ich mein Ziel. Wäre ich wirklich James Bond, würde ich jetzt wohl samt Anzug und Krawatte ins Wasser springen, ein Model vor dem Ertrinken retten und dabei auch noch verdammt gut aussehen.

Partner_Balken_dünn

Tarzaning im Passeiertal

Partner_Balken_dünn

Außer Atem und vollgepumpt mit Adrenalin gehen wir zur nächsten und letzten Position waldaufwärts. Und da ist sie: die Schlucht in ihrer vollen Pracht. Und Tiefe.
„Ich kann nicht! Nie und nimmer! Zu hoch! Viel zu hoch!“ Und ich springe.

Die Zeit vergeht wie in Zeitlupe, ich kann nicht atmen, mein Herzschlag setzt aus. Durch die Luft schwebend sterbe ich tausend Tode… und fühle mich so frei und glücklich wie noch nie.

Nach wenigen Sekunden lande ich in den Bärenhänden von Erwin, der als erster gesprungen ist und meinen Flug auf der anderen Seite der Schlucht abbremst. Er strahlt mich an und ich zurück.

Partner_Balken_dünn

Tarzaning im Passeiertal

Partner_Balken_dünn