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Ich erinnere mich zurück an mein Studium. Da saß ich in einer meiner ersten Vorlesungen – einer Pflicht-Veranstaltung über Öffentlichkeitsarbeit. Public Relations wollte ich damals auf keinen Fall machen, sondern taffe Journalistin werden und Geschichten schreiben, die ich selber recherchiert habe. Da stand also eine der renommiertesten Kommunikationswissenschaftlerinnen Deutschlands im Bereich Öffentlichkeitsarbeit vor mir und erklärte, dass unsere Medieninhalte zu 90 Prozent aus Public Relations Quellen stammen. Glauben konnte und wollte ich das damals nicht.

Nach ein paar Jahren als Journalistin habe ich dann doch in die Öffentlichkeitsarbeit gewechselt. Zehn Jahre lang war ich in Kommunikationsabteilungen von Airlines beschäftigt, bis ich vor drei Jahren in die Selbständigkeit wechselte, um wieder eigene Geschichten zu schreiben, als Reisebloggerin.

Heute weiß ich: die Professorin hatte damals recht. Denn die Medien sind gelangweilt – ihre Vertreter sind gelangweilt. Und das bringt sie zur Verzweiflung. Sie müssen ein Biest füttern, das rund um die Uhr Hunger hat. Und mit üblichen Nachrichten ist dieser Hunger einfach nicht zu stillen. Wenn etwas Entsetzliches passiert, stürzt sich das Biest auf alles, was ihm vor die staubige Höhle kommt. Die Gier erwacht. Endlich kann das Biest mal zeigen, was in ihm steckt. Wer als Erstes etwas veröffentlicht gewinnt. Wer als erster einen „O-Ton“ im Kasten hat kommt sich groß vor. Dafür kratzt das Biest an jeder Tür, drängt mit gefletschten Zähnen alle und alles dahinter in die Ecke und übt enormen Druck aus. Und die Konsumenten hinter dem Biest lassen es geschehen und mehr noch – sie feuern es an!


Normalerweise dauert es bei einer Flugunfalluntersuchung lange bis erste Ergebnisse veröffentlicht werden. Und das hat seinen Grund. Zu einer Unfalluntersuchung gehört, dass man alle Informationen sammelt und sie von Experten gewissenhaft auswertet lässt. Die lange Ungewissheit ist schmerzlich für die geschockten und traurigen Hinterbliebenen, denn in erster Linie wollen sie verständlicherweise eine Antwort auf das Warum bekommen.

Was aber in den vergangenen Tagen geschehen ist, zeigt wie verantwortungslos das Biest sein kann. Da wird ein Detail „geleaked“ und zwingt die Ermittlungsbehörden zu einer schnellen und aus meiner Sicht vorschnellen Reaktion. Ich kann mir nicht vorstellen, dass davor Zeit geblieben ist, um die Hinterbliebenen zu informieren. Denn auch ich habe kurz nach Mitternacht zum ersten Mal auf Twitter über die mögliche Absturzursache gelesen. Zeitgleich erfuhr die Staatsanwaltschaft in Frankreich davon – die Hinterbliebenen wurden laut deren Aussage erst am Morgen danach von den Behörden in Kenntnis gesetzt. Das ist verwerflich – und direkt den Medien zuzuschreiben. Und zwar der so oft gelobten New York Times, die die Story veröffentlichte und damit eine Lawine lostrat. Shame on you!

Für das Biest ist die Story ein gefundenes Fressen. Allen voran natürlich die „Bild“ Zeitung, die als allererstes die Namen und Fotos der Cockpit-Crew veröffentlichte. Als ob der schon vorher veröffentlichte Kommentar von Franz Josef Wagner nicht schon genug gewesen wäre. Wagners Worte sind so fürchterlich, dass man sich fragt, warum dieser Mann immer noch öffentlich seine Meinung verbreiten darf. Das Axel Springer Blatt „Die Welt“ setzte dem ganzen ein stinkendes Krönchen auf und erlaubte sich, lediglich aus der zu der Zeit noch öffentlich erreichbaren Facebook Seite des ersten Offiziers ein Persönlichkeitsprofil zu erstellen, das so schlecht geschrieben ist, dass ich nicht mal daraus zitieren mag. Der Journalist wird zum Hobby-Psychologen und Jäger. Hauptsache ballern. In einer der Pressekonferenzen der Airline empört sich ein Journalist allen Ernstes, dass auf seine Nachfrage zu einem verspäteten Abflug eines anderen Fluges noch nicht reagiert wurde. Ich spüre seine Sensationsgeilheit und schäme mich fremd für ihn.


Meine LinkedIn und Xing-Profile erlebten in diesen Stunden etliche Aufrufe von „Anonym“. Bei einigen konnte ich sehen, dass nach dem Namen der Fluggesellschaft gegoogelt wurde. Und Journalisten aus alten Zeiten, mit denen ich noch auf Facebook befreundet war, schrieben mich in der Hoffnung an, ich könnte ihnen irgendwelche Insider-Informationen zukommen lassen. Für Stimmungsberichte. Mir wurde vollkommene Anonymität zugesichert. Und selbst nach dem ich vehement ablehnte, wurde weiter gebohrt. Wie peinlich ihr seid!

So muss es gerade den Nachbarn, den Familien und Freunden oder entfernten Bekannten von Opfern und Crew gehen, die von dem Biest belästigt werden. Und den Behörden, die von ihm unter Druck gesetzt werden. Das kann nicht richtig sein. Denn die Hinterbliebenen brauchen Betreuung und Ruhe, sie müssen trauern können und den Schmerz verarbeiten. Ich selbst habe vor Jahren plötzlich geliebte Menschen verloren. Wer Trauernde nicht respektiert, sollte sich schämen. Und wer keine Empathie empfinden kann sollte sich fragen was mit ihm nicht richtig ist.

Die Ermittlungsbehörden in ihrer wichtigen Arbeit mit Druck zu behindern sollte eine Straftat sein. Die Ermittler brauchen Zeit, den Zugang zu allen Informationen (was hier ja nicht gegeben ist) und Gewissenhaftigkeit. Voreilige Schlüsse zu ziehen kann gefährlich sein. Nicht nur rechtlichen Konsequenzen können sich da im späteren Verlauf ergeben.

Aber wenn das Biest wieder kopflos durch die Welt rennt, dann gibt es Möglichkeiten, ihm ein Bein zu stellen: Wir sollten uns alle fragen, ob wir der Grund sein wollen um die Medien weiter anzustacheln. Ob wir die Arbeit von Journalisten konsumieren wollen, die diese ungeschützte Berufsbezeichnung mit unberechtigtem Stolz tragen. Ob wir uns öffentlich an Spekulationen beteiligen möchten – anstatt abzuwarten, bis alle Fakten vorliegen und ausgewertet sind. Ob wir unseren stetig steigendem Informationsbedarf und der erlernten Lust auf Sensationen nicht hinterfragen sollten. Ob wir dadurch nicht die Macht haben zur Besinnung zu kommen. Ich zumindest habe beschlossen, dass ich warten werde, bis die Untersuchungen abgeschlossen und veröffentlicht sind. Dann kann ich mir meine Meinung bilden. Bis dahin sind meine Gedanken bei den Hinterbliebenen und bei meinen ehemaligen Kollegen. Ihnen wünsche ich viel Kraft.