PANTISANO.001

Es regnet. Ununterbrochen. Und es ist kalt. Nicht so kalt wie vor ein paar Jahren. Aber ich friere trotzdem. Januar. Sechs Uhr neun. Samstag früh. Alle anderen schlafen. Ich sitze am Küchentisch. Über meinem Kopf eine Glühbirne, die ein kühles Licht abgibt. Ich könnte jetzt auch in einem Krimi stattfinden. Eine klassische Verhörsituation.

Genau. Ich werde verhört. Von nem schneeweißen Blatt Papier. Ich soll endlich Antworten liefern. Jetzt erzähl doch mal. Du willst in Zukunft schreiben. Sag schon. Warum?

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Da ist sie wieder. Meine Lieblingsfrage. Meine Finger sind wie eingefroren. Nicht vor Kälte. Sondern vor Ehrfurcht. Ja, ich kann reden. Das konnte ich schon immer. Und wenn ich mal damit anfange, dann meistens ohne Punkt und Komma. Ich spreche selbst im Schlaf. Es liegt mir einfach. Aber schreiben ist was anderes. Das habe ich noch nie so wirklich gemacht.

Obwohl. Meine Mutter hat mir vor ein paar Jahren einen Schuhkarton in die Hand gedrückt. Eine Schatztruhe voller Schulhefte aus meiner Grundschulzeit in Italien. Spannend zu lesen, was mir damals durch den Kopf schoss. Es hat sich nichts geändert. Was mich damals beschäftigt hat, tut es heute auch. Ich habe immer alles hinterfragt. Warum war mein Schlüssel in eine Welt, die von mir entdeckt werden wollte.

Mit sieben, acht, neun wollte ich Kinderarzt werden. In Afrika. Mit neun, zehn, elf wollte ich dann Anwalt werden. Im Land der Mafia. Und mit vierzehn, fünfzehn wollte ich Präsident werden. Wo? Eigentlich egal. Hauptsache Bundespräsident. Heute bin ich Moderator. Und Aktivist. So ist das manchmal im Leben.

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Kennt ihr das? Manchmal gehe ich mir so richtig auf die Nerven. Ich muss immer stehen bleiben. Hinschauen. Einmischen. Mitziehen. Weiterlaufen. Dieser Ruf ist stärker als alles, was ich kenne. Und immer wieder die gleiche Frage. Warum? Warum leben wir, wie wir leben? Warum sind wir so, wie wir sind? Warum gehen wir so miteinander um?

Genau darüber will ich schreiben. Über Gott und die Welt. Vielleicht nicht über Gott. Aber definitiv über die Welt. Und über das, was ich fühle, wenn ich stehen bleibe. Wenn ich hinschaue. Wenn ich der Realität begegne.

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Ich sitze immer noch hier am Küchentisch. Und mir ist jetzt wärmer. Und während ich in meinen Schulheften blättere, bleibe ich an einem sehr kurzen Aufsatz hängen, den ich mit acht Jahren geschrieben habe. Unsere Lehrerin wollte wissen, warum wir später die werden wollen, die wir werden wollen. Ich habe mal ausnahmsweise kurz geantwortet. Weil ich nicht anders kann.