Gesamtkunstwerk? Für Richard Wagner konnte dies nur die Oper sein. Auflösung und Morphose sämtlicher Kunstformen, hin zur Totalsymbiose. Und zurecht: Wo sonst kommen Künste der Musik, des Darstellens, des Tanzes und die der Inszenierung in solch einer Qualität und Vielfalt zusammen als in der Oper? Müsste diese Kunstform nicht berühmt sein für ihre multi-sinnliche Stimulierung?


Oper: G-Punkt der Bühnenkunst? Zentrum kollektiver Ohr-gasmen?


Gut, wegen Cecilia Bartollis neuem Album wurde jetzt noch kein Plattenladen niedergetrampelt, aber unnahbar ist die Musik deshalb noch lange nicht. Tatsächlich reißen Stimmen wie die von Paul Potts mehr junge Leute aus den Sofaritzen, als neue Hymnen von Katy Perry. Es muss also an etwas anderem liegen, warum sich so viele Menschen meines Alters (und jünger) lieber mit Oma zum Rommé spielen treffen, als in die Oper zu wagen. Tatsächlich habe ich gar meine Eltern das erste Mal in die Oper geführt – mein Vater (!), in dessen massiger CD-Sammlung unter „Klassischer Musik“ höchstens klassischer Hardrock zu finden wäre, brachte wenige Tage später, auch zur großen Überraschung meiner Mutter, die Wohnzimmerluft mit Mozarts Zauberflöte zum Vibrieren. Meinen Eltern konnte ich die Angst nehmen. Die Angst davor, nichts von dem zu verstehen, was dort vorne gesungen, getanzt und gestorben (es wird SEHR viel gestorben) wird. Die Angst, der Einzige in den Reihen des Publikums zu sein, der noch volles Deckhaar hat. Die Angst, nur im Kostümverleih eine geeignete Garderobe zu finden. Die Angst, schlicht zu Tode gelangweilt zu werden.

Mir ging es nicht anders. Ein bisschen klassische Musik zum Lernen, Entspannen, Einschlafen – klar, da findet sich bei jedem irgendwo was in der „Chill & Relax- Playlist“. Dass aber blutige Psychothriller auch in der Oper stattfinden und mitreißen können, musste ich lernen. Deshalb, Trommelwirbel, hier mein Antiknigge, mein Guide für alle Verprellten, für Operninteressierte und jene, die es noch werden wollen.

1. Oper nur für Opa? Das Haus.

Verstaubt, langweilig, Seniorenprogramm. So zumeist der breite Kanon, konfrontiere ich meine Altersgenossen mit dem Spektakel Oper. Zugegeben, viele große Opernhäuser machen von innen erstmal einen, naja sagen wir, antiken Eindruck. Da kann man schon mal ein bisschen versteifen. Muss man aber nicht. In den über 30 Opern, die ich in den letzten Jahren gesehen habe, schweifte mein Blick durchaus über viele Halbglatzen, jedoch standen diesen dann doch oft auch ziemlich schnell die letzten drei Haare zu Berge, wenn Bass Jens Larsen von der Komischen Oper in Monteverdis Poppea, nackt auf einem Stapel Bücher, tiefste Noten zum Brummen bringt. Oder in der Don Giovanni Inszenierung der Staatsoper Berlin fünf, ebenfalls splitterfasernackte, gefesselte Menschen von der Theaterdecke baumeln.

© Staatsoper im Schillertheater Berlin, Don Giovanni

Die Opernhäuser können es sich heute gar nicht mehr erlauben, nicht mit der Zeit zu gehen. Berlin ist Opernhauptstadt, mit drei großen Opernhäusern, Philharmonie und Konzerthaus versuchen die Intendanten alles, um die jahrhundertealten Geschichten für uns zugänglich und entertainend zu machen. Deshalb mein Tipp: nicht vom Museumscharakter des Interieurs abschrecken lassen. Die Sitze sind in allen Berliner Stätten übrigens sehr komfortabel, zurücklehnen also, und gespannt sein, was hinter dem Vorhang wartet. Wer sich unsicher ist, womit er überhaupt anfangen soll: die Komische Oper hat einen auf ihren Spielplan abgestimmten Oper-O-Mat gebastelt.

2. Inszenierung: Schlösser und Sagen

Nein. Die wenigsten Handlungen spielen tatsächlich in alten Gemäuern und noch weniger von denen, die tatsächlich dort handeln, werden heute auch noch so inszeniert. Von Meerjungfrauen bis zu bühnengroßen, zum Leben erweckten Riesenschlangen oder im multimedialem Wechselspiel gefangenen Sängern ist wirklich alles dabei. An der Komischen Oper gibt es gerade wohl die seither populärste Inszenierung der Zauberflöte zu sehen. In einer Art Live-Action-Cartoon interagieren die Sänger mit großen Videoprojektionen hinter ihnen. Kein Bühnenbild, keine Requisite – Intendant Barrie Kosky bringt mit internationalem Beifall das digitale Zeitalter auf die Opernbühne. Diese Inszenierung macht garantiert jeden zum Mozartfan.

© Zauberflöte, Komische Oper Berlin, Tamina in der Fängen der Königin der Nacht

3. Die Handlung – große Verwirrung in Fremdsprache?

Es gibt Händel, Wagner, Strauss, Mozart, Weber, Beethoven, Henze, Weill.. sei Dank, viele großartige deutsche Opern. Jedoch muss dies nicht unbedingt zum sprachlichen Verständnis beitragen. Leider gibt es immer noch genügend Sänger, die das mit der Artikulation nicht so ernst nehmen. Als Sänger muss man deutsch, italienisch, französisch singen können. Daher findet man auch viele Nicht-Muttersprachler auf den großen Bühnen. Und auch, wenn die meisten großen Häuser mit Übersetzungen auf Bildschirmen über der Bühne arbeiten, rate ich davon ab, zu lange mit den Augen beim Text zu verweilen. Lest euch vorher eine kurze Zusammenfassung durch, schnappt euch das (meistens) kostenlose Programmheft zur Handlung und Personen oder googelt fix vor Beginn den Plot. Ich habe mich auch schon in Opern gesetzt, ohne irgendwas davon vorher gelesen zu haben. Habe mich von Musik und Inszenierung mitnehmen lassen und einfach meine Sinne die Übersetzung machen lassen. Denn das soll Oper letztendlich sein, sinnlich. Studien belegen, dass klassische Musik sich auf Herzfrequenz und Blutdruck positiv auswirkt. Letztendlich ist aber nur von Bedeutung, was du erfährst. Für mich war es ein großartiges Gefühl, das erste Mal mit Gänsehaut in der Oper zu sitzen. Musik kann das. Oper kann das.

4. Dresscode: très chic?

Ich hasse Anzüge. Mein größtes Hindernis, eine Oper zu betreten, war daher die Angst davor, mich verkleiden zu müssen. Gott sei Lob und Dank – ich wurde eines Besseren belehrt. Man meint, ohne Hemd und Schlips würden einen alle nur schräg anschauen. Und wenn du, so wie ich, mit Sneakern und Basecap drinnen sitzt, kann das auch schon mal vorkommen. Aber in all den Jahren hat sich nur einmal eine Dame hinter mir empört. Wie ich denn mit dieser „Kappe“ hier sitzen könnte, unmöglich! Und heute weiß ich: das ist sogar ziemlich wichtig! Die Oper versucht sich seit Jahren von ihrem altbackenem Image zu häuten. Und das gelingt ihr teilweise auch sehr gut. Großartige Inszenierung, Programme für Kinder, Führungen, Festivals, Symbiosen mit anderen Formen der Kunst und Technik. Das ist der Wandel AUF der Bühne. Du und ich sind gefragt, wenn es darum geht, auch dem Zuschauerraum neues, U-30er-Leben einzuhauchen. Die Komische Oper Berlin bringt es auf den Punkt, ich zitiere: „Chic oder Schock – einen Dresscode gibt es nicht. Sie werden immer richtig angezogen sein. Kleiden Sie sich so, dass Sie sich wohlfühlen. Individualität hat eindeutig Vorrang. Fühlen Sie sich nicht overdressed, fühlen Sie sich wohl.“

5. Schön und gut alles – aber verdammt teuerer Spaß!

Für viele der wohl größte Knackpunkt, den ich sogleich wieder entkräften kann. Für die erste Reihe muss man meist schon den Fuffi ausgraben. Sehr gern sage ich euch aber, dass die erste Reihe, meiner Meinung nach, zu meiden ist. Zwischen Bühne und Publikum gibt es noch den Orchestergraben- daher ist die feuchte Aussprache mancher Sänger nicht sonderlich zu fürchten. Jedoch kann der direkte Blick auf Dirigent und Instrumentalisten stören. Die Damen und Herren da unten brauchen nämlich Licht. Außer dass man beste Sicht auf Theaterschminke, Falten und manchmal auch den einen oder andere blanken Hintern bekommt, verpasst man wenig, wenn man sich für günstigere Sitze im Rang oder weiter hinten entscheidet. Ich bevorzuge diese, denn ich möchte das „Gesamtkunstwerk“ auch als Gesamtes wahrnehmen können. Bühnenbild und Choreographien sind nur halb so beeindruckend, wenn man nur einen Ausschnitt davon zu sehen bekommt. Mein Tip für die Berliner U-30-Fraktion: investiert 15 Euro in die Classiccard. Ein Jahr lang könnt ihr in jeder Vorstellung der 3 Opernhäuser, der Philharmonie, des Konzerthauses oder auch zu Vorstellungen des Staatsballets für 10, oder gar 8 Euro. Ausnahmslos. Egal, welcher Platz. Wie funktioniert das? Eine Stunde vor Vorstellungsbeginn gilt dieses unschlagbare Angebot. Warum? Weil es fast immer noch freie Sitzplätze in den großen Sälen gibt, die man natürlich lieber günstig verkauft, als gar nicht.


Wenn ihr jetzt immer noch nicht ganz überzeugt seid: Oper kann und ist auch was für die Lachmuskeln. Nehmt das Ganze also nicht zu ernst, sie tut es auch nicht!

© Beitragsbild: Komische Oper Berlin, Amor, © Gifs: giphy.com