Vergangene Woche ist etwas bemerkenswertes passiert: der Hipster wurde in einem heftig diskutierten Artikel von David Infante auf Mashable ganz öffentlich zu Grabe getragen und durch einen neuen Typus ersetzt- den Yuccie!

Was hat den Hipster getötet? Schuld ist wieder einmal das gefräßige Monster namens Mainstream. Das Verhängnis der Hipster war, dass all die Dinge, die vorher Ausdruck von Individualität und Unangepasstheit waren, in den letzten Jahren ziemlich populär wurden. „Wenn jeder ein Hipster ist, ist niemand ein Hipster“, schreibt Infante und hat damit zweifelsohne recht. Der Begriff ist nurmehr eine aufgeblähte Worthülse, in der schon so viel Bedeutung steckt, dass niemand mehr weiß, was damit eigentlich gemeint ist. Ein Schimpfwort, das fast instinktiv für Menschen verwendet wird, die sich entweder ganz anders verhalten als wir oder eben völlig gleich. Eine Marke, die sich Werber auf die Fahnen schreiben, damit ihre Kampagnen gut aussehen. Der Gedanke, diesen Begriff überwinden zu wollen, ist also nachzuvollziehen.

An dessen Stelle rückt Infante nun also den Young Urban Creative, kurz Yuccie. Aufgewachsen im sorglosen Komfort der Vorstadtidylle, beobachtete der Yuccie Anfang der Nullerjahre, wie nach Selbstverwirklichung strebende Individualisten den geistlosen, allein dem Geld verhafteten Yuppies  in den Großstädten langsam den Rang abliefen und gleichzeitig bleichgesichtige Nerds vom Silicon Valley aus die Welt veränderten. Aus diesen beiden Lebensentwürfen formte der Yuccie sein Ideal.

“80 Dollar für Jogginghosen oder 16 Dollar für einen Sixpack Craft Beer auszugeben, spielt dabei keine Rolle, solange damit die eigene Besonderheit bekräftigt werden kann.”

 

Wenn man so will, ist dieser neue Typus das uneheliche Kind von Hipster und Yuppie, das zu gleichen Teilen gewisse Gene mitbekommen hat, die nun sichtbar durchschlagen. Wie seine Eltern definiert sich auch der Yuccie über das, was er konsumiert. Allerdings dominieren für ihn weder nur der Preis, wie beim Yuppie, noch nur der Geschmack, wie beim Hipster. Preis und Geschmack beeinflussen sein Kaufverhalten. 80 Dollar für Jogginghosen oder 16 Dollar für einen Sixpack Craft Beer auszugeben, spielt dabei keine Rolle, solange damit die eigene Besonderheit bekräftigt werden kann.

Angetrieben vom Drang nach permanenter Bestätigung und der Überzeugung, dass die eigenen Ideen gut genug sind, umgesetzt zu werden, fügt er sich ganz freiwillig in den Kreislauf der New Economy ein oder gründet ein eigenes Start-Up, immer darauf bedacht, dass seine Arbeit ihn zwar ausfüllt, aber auch dem Kontostand gut steht. Zahnersatzversicherung statt Dreieckstattoo. Social-Media-Agentur statt Fahrradmanufaktur.

Auch eine Checkliste zum Selbsttest hat Infante seinem Artikel angehängt: Wenn ihr also mehrere Ausgaben von Jonathans Franzens Roman „Freedom“ im Regal stehen habt, der Karriere zuliebe auf sichtbare Tattoos verzichtet, eine Wochenzeitung abonniert habt, aber nie den Nachrichtenteil lest und euer Instagram-Account viel beliebter ist, als eure Tweets, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass man euch in Zukunft einen Yuccie nennen wird.

“Tut er nicht genau das, was den für tot erklärten Hipstern immer vorgehalten wird?”

 

Trotzdem und das bei allem Verständnis für den Wunsch des Autors, den Hipster endlich loszuwerden: Tut er nicht genau das, was den für tot erklärten Hipstern immer vorgehalten wird? Nämlich ein neues, auf Hochglanz poliertes Etikett mit einer „catchy“, in Wirklichkeit aber ziemlich unoriginellen Wortschöpfung auf eine Sache zu kleben, die es schon längst gibt. Millenials, LOHAS, Generation XYZ, der Etikettierungswahn kennt viele Namen. Ist das kreativ? Oder nicht vielmehr die Fähigkeit, Ideen aufzuwärmen, sie zu recyclen und als die seinen zu verkaufen?

Infante sitzt dem Irrtum auf, dass der verbissene Versuch, dem Kind einen neuen Namen zu geben, die verloren geglaubte Individualität wiederherstellen könnte. In Wahrheit allerdings erzeugen diese erzwungenen Rollenbilder bloß eine andere Art von Mainstream, die mir gewaltig aufstößt- das Denken in Schubladen, das gerade jene, die bei jeder Gelegenheit mit ihrer Toleranz hausieren gehen, längst überwunden zu haben glaubten.

Dabei ist es doch so: alles, was nur im Entferntesten vom Hauch des Klischees umweht wird, wird unbesehen als „typisch“ abgestempelt und attackiert. Einer junge Autorin, die in der WELT ihre zugespitzte Meinung zum Feminismus kundtut, schlägt ein wüster Shitstorm entgegen- nicht nur, weil sie einen wunden Punkt getroffen hat, sondern vor allem, weil da jemand schreibt, der mal gemodelt hat, in Hildesheim studiert und ein „von“ im Namen trägt.

Stereotype und Klischees können auch witzig sein. Aber nur, wenn sie von Leuten verwendet werden, die daraus auch einen Witz machen können. Im Artikel von Infante ist es diese zwar witzig gemeinte, aber völlig willkürliche Check-Liste, die einem vorgaukelt, man müsse nur eine gewisse Zahl von an den Haaren herbeigezogenen Punkten erfüllen, um in den erhabenen Kreis privilegierter Alphatiere der Kreativbranche aufgenommen zu werden.

Auch wenn Infante seinen Yuccie gerne als Ablösung des Hipsters sehen würde, entwickelt er ihn doch nur weiter, ein Update, ein Hipster 2.0, der gelernt hat, aus seinen Fähigkeiten Geld zu machen. Indem er einfach den Bereich dessen erweitert, was als hip angesehen wird, lässt er den Hipster stärker denn je wieder auferstehen. Ich fürchte, wir werden uns noch eine Weile mit dem Hipster herumschlagen müssen, tot zu kriegen ist er nicht.

Titelbild aus der Serie „Hipster in Stone“ von Léo Caillard