Das Leben ist nicht immer sexy. Schon gar nicht, wenn man sich mehr oder minder dauererkältet durch die Arbeitswochen kämpft, um sich schließlich mit Antibiotika, Nieren- und Blasentee und Wärmflasche vormittags um 11 Uhr auf dem Sofa wiederzufinden, krankgeschrieben, mit dem Finger auf der Stopp-Taste. Drei Tage verordnete Ruhe. „Ein Gutes hat das, jetzt kannste mal abschalten, runterkommen, entstressen“, denke ich noch, als mein Kopf bereits den Blinker setzt, um rechts abzubiegen, direkt auf die Autobahn Richtung Mind-Fuck.

Hüte Dich vor Deinen Wünschen, Kind, sie könnten in Erfüllung gehen. Ich wollte Zeit zum Runterkommen und da war sie nun: die Zeit. Was damit anfangen außer abwarten und Teetrinken? ZEIT lesen? Mails beantworten? Die Korrekturen beenden? Game of Thrones schauen? Muss ja was dran sein an dem ganzen Hype. Ganz egal, worauf die Wahl gefallen wäre, es wäre ganz sicher besser gewesen, als sich dummdoof durch die sozialen Netzwerke zu scrollen und dabei zunehmend dem Gedanken zu verfallen, dass in all der Geschäftigkeit, all den „Informationen“, Bildern, Listen mehr Oberflächlichkeit steckt, als mir lieb ist. Ja, ich weiß, Nobrainer. Das wisst Ihr, das weiß ich und das wissen die, die Social Media als Volkssport für die mitlaufende, selbstverliebte Masse verdammen, natürlich immer am allerbesten.


All das wohlwissend wurde mir indes umso deutlicher bewusst: Ich bin mittendrin, statt nur dabei. Als Social Media Managerin im Job, als Teil von i-ref halbprivat, als Nadin ganz privat bewege ich mich täglich, stündlich, scheiße noch mal minütlich durch die Netzwerke und filtere dabei ganz sicher nicht immer nur das heraus, was interessant und relevant ist. Und während ich weiter scrolle und scrolle, überlege ich, ob ich das Scrollen irgendwie einschränken kann, soll, will. Und so geht es immerfort – bis ich bei den Grundsätzlichkeiten lande und mich frage, was ich eigentlich will und ob ich glücklich bin; Um schließlich – äußerlich tiefenentspannt, mit der Wärmflasche auf dem Bauch und der Thermoskanne in Reichweite, innerlich völlig unentspannt – nach einem Abzweig zu suchen, runter von der Autobahn.


Es sollte leider so bald keiner kommen. Also schalte ich einen Gang runter, mache von Zeit zu Zeit Rast und schmore im eigenen Saft. Bis – die verordnete Auszeit ist fast schon vorbei – ein Film mir den (Aus-)Weg weist. La Grande Belleza – die große Schönheit ist ein Meisterwerk in schwelgerischen Bildern, unterlegt mit klassischer Musik voller romantischem Pathos. Ich erinnere mich an mein Wochenende mit Jasmina in Rom und die große Schönheit dieser Stadt. Aber nicht die Reisenostalgie ist es, die mich aussteigen lässt aus meinem Kopfkarussell. Es ist die Erkenntnis, dass die Suche nach Tiefe und Wahrheit eine Grundkonstante saturierter Gesellschaften ist. Großartig, wie Paolo Sorrentino davon erzählt: Er präsentiert uns das römische Bildungsbürgertum, gelangweilt und satt, auf der Suche nach… ja wonach eigentlich. Es wird philosophiert, gefeiert, gestritten, gebumst. Und immer, wenn Du denkst, dass es jetzt, in diesem Moment, kippt, dem Zuschauer ein Einblick gewährt wird in das, was man Seelenleben oder Tiefe nennt, endet die Szene mit einer Feier der Oberflächlichkeit, die fast schon widerlich wäre, wäre der Protagonist, ein 65-jähriger Bohemien, nicht so unverschämt sympathisch und eloquent. Und als wüsste er nicht selbst am besten, wie es um ihn und seine Entourage bestellt ist.


Es ist die uralte Erkenntnis der Sinnfreiheit, die in letzter Konsequenz zwei ungleiche Kinder gebiert: den Nihilismus und den Hedonismus. Und häufig nimmt das Gros derer, denen es „zu“ gut geht, die Autobahn Richtung Hedonismus, weil das schlichtweg mehr Spaß macht und weniger weh tut. Die Leitmedien haben dies zu jeder Zeit zu füttern, zu reflektieren und abzubilden gewusst. Ob im Netz auf Instagram und in Lifestyle-Blogs, im Kino eines Fellini oder eines Sorrentino oder im Theater eines William Shakespeare, der seinem letzten großen Held, Prospero, im „Sturm“ die folgenden Worte in den Mund legt:

„Seid heiter.
Das Fest ist aus. Und unsere Geister
Sind aufgelöst in Luft, in dünne Luft.
Wie die Vision, auf Nichts gebaut,
So werden Wolkenkratzertürme, Prachtpaläste,
Die heiligen Tempel, das ganze Welttheater selbst,
Ja, alle, die darin agieren, sich verflüchtigen
Und, wie das unwirkliche Schauspiel grad verschwand,
Kein Wölkchen hinterlassen.
Wir sind aus solchem Stoff,
Aus dem die Träume sind; und unser kleines Leben
Ist nichts als ein Moment, umringt vom Schlaf.“

Das Leben ist sinnlos. Lasst es uns genießen.