So viel Concealer kann ich gar nicht auftragen, wie ich müsste, damit man mir meine Müdigkeit nicht ansieht. Genauso wenig wie ich den bitteren Nachgeschmack einfach runterschlucken kann, den die Enttäuschungen hinterlassen haben, die das vergangene Jahr mir vor die Füße geknallt hat.

2015 hat mich müde gemacht. Und trotzdem kann ich nicht schlafen. Ich wache mitten in der Nacht auf, meine Gedanken schlagen Purzelbäume und ich möchte früh um 4 zum radikalen Kahlschlag ausholen. Aber radikale Kahlschläge gibt es bei mir nicht. Dafür bin ich schlichtweg zu wenig Fan von Veränderung. Ich halte in der Regel fest an dem, was ich habe, reflektiere und versuche zu optimieren – mit Herzblut, vielen Taten und noch mehr Worten. Kontinuierlich und im Kleinen. Und erst nach einem häufig langen Prozess lasse ich – wenn die Dinge nicht den Lauf nehmen, den ich mir gewünscht hatte – die Hoffnung fahren und trenne mich von Sachen oder Menschen, die mir nicht gut tun. Oder die Dinge oder Menschen trennen sich von mir. Oder ich trenne mich von Wünschen und Vorstellungen, die sich so nicht erfüllen werden, wie mein Kopf sie sich erdacht hatte. 2015 war ein Jahr der Trennungen. Und das macht verdammt müde.


Ich hatte einen Freund, fast vier Jahre lang, den ich sehr geliebt habe. Aber ich war immer zu schnell, wollte immer zu viel – vergleicht man sein Tempo und seine Vorstellung von Partnerschaft mit meinen. Im Juli hat er mich verlassen. Weil meine Vorstellung von unserer gemeinsamen Zukunft ein Kreis war und seine Zukunftsvorstellung ein Dreieck und – das lernt jedes Kind – ein Kreis nicht in ein Dreieck passt. Da kann man sich anstrengen, wie man will. Da kann man reden, lachen, weinen, lieben, hoffen und jedes Wochenende hin und her und her und hin fahren – ein Kreis passt nicht in ein Dreieck. Punkt.

Ich hatte eine Freundin, etwa vier Jahre lang, die ich sehr gemocht habe. Wir konnten wunderbar miteinander reden. Und plötzlich – ganz ohne dass es einen Vertrauensbruch oder einen großen Streit gegeben hatte – sind Wohlwollen und Freundschaft in ihr Gegenteil umgeschlagen. Und auf einmal kann man nicht mehr machen, als fassungslos festzustellen, wie kalt es geworden ist, und den Rückzug antreten, weil Worte es nicht mehr vermögen, die Bitternkeit zu vertreiben. Auch Freundschaften sind manchmal schlicht kleiner als gedacht.


Und noch zwei Erkenntnisse, die mich im letzten Jahr ein bisschen müde gemacht haben:

Erstens: Egal wie kristallklar das Wasser, beeindruckend die Fauna, fein der Sand und atemberaubend die Aussicht ist: Reisen ist erst dann richtig schön, wenn Du Dich mit dem Menschen, der neben Dir im Sand liegt, auch von Herzen gut verstehst.

Zweitens: Selbst wenn die Vorstellungen von der Zukunft bei beiden kreisrund sind und man laut OKCupid phänomenal matcht, heißt das noch lange nicht, dass das Herz die Sache mit durchzieht. (Aber auch wenn das Herz die Sache nicht mit durchzieht, kann man ne echt gute Zeit haben und vielleicht sogar einen Freund finden, obwohl man einen Partner gesucht hat.)


Ich lese noch mal über all das da oben und stelle fest: Diese Kolumne hat keinen Witz, dieser Kolumne fehlt die Hoffnung und vor allem ist diese Kolumne viel zu trauerkloßig, als dass ich sie so stehen lassen möchte. Denn das, was ich Euch grad erzählt habe, ist zwar alles im vergangenen Jahr so passiert, aber natürlich gab es 2015 auch jede Menge Momente, in denen ich gemeinsam mit tollen Menschen laut und herzlich gelacht habe, und vor allem bin ich zuversichtlich, dass ich bald auch wieder ohne ne zweite Schicht Concealer auskomme. Erst am Wochenende war ich mit zwei Freundinnen im Kino. Wir haben uns „Youth“ angeschaut, mit dem es Paolo Sorrentino mal wieder schafft, sich in meine Kolumne zu stehlen. Und so komme ich zu einem versöhnlichen Ende, das ganz gut zu der Zuversicht passt, mit der ich 2016 einen dicken, fetten Knutsch aufdrücken möchte, auf dass es mir den Sand aus den müden Augen wischen möge: „I have to choose, I have to choose what is really worth telling: horror or desire? And I choose desire. You, each one of you, you open my eyes, you made me see that I should not waste my time on the senseless fear…“

Auf die Sehnsucht! Und auf Ihre Erfüllung!