Was kommt Euch in den Sinn, wenn Ihr an Urlaub im Winter denkt? Ich tippe auf schneebedeckte Pisten. Oder ganz weit weg, Sommer, Sonne, Thailand. Klar, schön da. Aber wenn Ihr den Kopf möglichst schnell und effektiv so richtig freigeblasen bekommen wollt, ohne Trubel, lange Reiseplanungen und -wege und mittendrin in wundervoller Natur, dann springt ins Auto und fahrt an die Ostsee.

Oder hüpft in den Zug. So wie wir das gemacht haben. Das zweite Jahr in Folge – weil das erste alle Erwartungen übertroffen hat – sind mein Freund und ich im Februar an die Ostsee gefahren. Möhrchen geschält, Klöpschen eingepackt, Bemmen geschmiert und rein in die Regionalbahn. Und wenn die uckermärkischen Hügel am Zugfenster vorbeiziehen, dann weißt Du, dass alles gut wird. Zumindest für eine kurze Zukunft lang, die jetzt beginnt.

Dass es an der Ostsee schöner ist, als an so manchem Mittelmeerstrand, ist zumindest allen Ostkindern und Berlinern hinlänglich bekannt. Die Ostsee hatte sie alle. Im Fotoalbum von Mama – damals – oder auf Instagram – heute – sieht man sie beim Eisessen auf der Promenade von Zingst, beim Möwenbeobachten am Hafen von Heringsdorf, beim Sandburgenbauen am Strand von Binz oder auf dem Kreidefelsen stehend, gedankenverloren in die Ferne blickend. Hashtag CasparDavidFriedrich. Und drumherum – wenn man es durch die Wahl eines geschickten Bildausschnitts auch bisweilen zu verschleiern vermag – stehen, sitzen, liegen all die anderen mit Ihren Eistüten und Kameras und versuchen, die Stimmung eines romantischen Gemäldes ins Hier und Jetzt zu transferieren. Klappt nicht, ist aber trotzdem schön. In jedem Fall netter als Decke an Decke am Schlachtensee oder in der Pommesbudenschlange im Prinzenbad. Damit gibt man sich gerne zufrieden. Ist doch klar: Schön und nah – da wollen alle hin. Dabei muss man sich das Gemälde „Kreidefelsen auf Rügen“ nur einmal genau anschauen, um den Fehler zu finden. Die Herren in Schwarz und die Dame in Rot, die in Öl auf Leinwand übers Meer schauen, tragen: langärmelig. Herr Friedrich war ein Mann mit Grips.

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Fast 200 Jahre und vier Sommerurlaube an der Ostsee später habe nun also auch ich den Dreh raus: Am allerallerschönsten ist die Ostsee im Winter. Und das bei jedem Wetter. Einfach großartig ist es, am Bodden entlang zu radeln, wenn Dir die Wintersonne ins Gesicht scheint – keine Frage. Aber auch bei Sturm oder Schnee haut es Dir das Serotonin in die Adern, wenn Du dick eingemummelt am menschenleeren Strand entlangläufst und die Wellen aufbrausen hörst. Und an ganz grauen Tagen machst Du’s Dir mit einem Tee und einem guten Buch auf der Couch Deiner mordsmäßig kuscheligen Ferienwohnung gemütlich – denn noch so ein Clou am Winterurlaub an der Ostsee ist: Ferienwohnungen, die im Sommer unerschwinglich sind, kosten in den kalten Monaten nur einen Bruchteil. Kamin, Fußbodenheizung, Meerblick – was kostet die Welt?

Die Katze ist aus dem Sack, der Hering vom Haken. Damit Ihr den nächsten Winterurlaub im hohen Nordosten so richtig genießen und vor allem mal ordentlich runterkommen könnt, folgt an dieser Stelle meine ganz persönliche Tiefenentspannter-Winterurlaub-an-der-Ostsee-Gebrauchsanleitung:

Das Outfit

Die Grundregel lautet: Es wird ausschließlich eingepackt, was die Adjektive kuschelig und bequem verdient. Frottee, zum Beispiel, kommt im Winter an der Ostsee immer gut. In den Koffer gehören: Flauschesocken, Pyjama, gefütterte Schuhe – ohne Absatz –, Wollpullis, Strickjacke, Thermoleggings, Mütze, Schal, Handschuhe, lockere Jeans und natürlich ne gefütterte Wind- und Wetterjacke mit Kapuze und Reißverschluss.

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Die Location

Vor allem für die kalten Monate gilt: nicht zu groß, aber bestenfalls auch kein 5-Häuser-Kaff am Arsch der Heide. Das mag idyllisch klingen, wenn Ihr aber jeden Morgen 20 km zum nächsten Bäcker braucht und abends im Restaurant nix trinken könnt, weil Ihr noch ne halbe Stunde Autofahrt vor Euch habt, gibt das eindeutig Abzüge in der B-Note. Binz oder Prerow wiederum sind selbst im Winter noch ein wenig zu touri, um das volle Ichbindannmalweg-Potential entfalten zu können. Ich habe Glowe auf Rügen und Born auf dem Darß besucht und kann beide empfehlen. Vor allem Born ist ein reetdachbedeckter Himmel auf Erden. Dieser kleine Ort ist so schnuckelig, dass man gerne darüber hinweg sieht, dass der Strand nicht fußläufig zu erreichen ist. Born liegt am Bodden und der ist sowieso meine heimliche Liebe. Warum? Lasst es mich so beschreiben: Während die Ostsee der blondgelockte Quarterback im Footballteam der Highschool ist, ist der Bodden der unscheinbare, dunkelhaarige Typ mit den Chucks und der Gitarre – fällt nicht sofort ins Auge, hast Du ihn aber einmal in den Blick genommen, kannst Du nicht mehr wegsehen und schmachtest leise vor Dich hin. Dunkelblaues, taubenblaues, türkises Wasser, weizengelbes, ockerfarbenes, beiges Schilf und dazwischen ein Schwanenpärchen, das einander nicht von der Seite weicht – lass Dich umarmen, Du wunderschöne, dunkelsüße Melancholie.

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Die Verpflegung

Kein Ostseeurlaub ohne Fischbrötchen – dachte ich. Und zog aus, mir eines zu besorgen. Was war ich naiv. Schilder wiesen mir den Weg, der mich zu einer geschlossenen Imbissbude nach der anderen führte. Wo immer ich glaubte, endlich fündig zu werden: Nichts als Enttäuschung. Und endlich, am letzten Urlaubstag im zweiten Jahr, war ich am Ziel – am Kap Arkona versprach mir eine Kreidetafel „Frische Fischbrötchen“. Zwar hatte ich gerade gegessen, auch war der Imbiss zwischen maritimem Trödel und Räucherstäbchen-Buden ein offensichtlicher Touri-Nap – es half alles nichts, Operation Fischbrötchen musste zu einem erfolgreichen Ende gebracht werden. Frohgemut marschierte ich auf den Verkäufer zu und gab meine Bestellung auf – um wenig später ein Brötchen vom Vortag ohne Butter, aber mit Hering aus der Packung und viel zu viel Zwiebel, aber ohne Salat in Händen zu halten. Yeah. Lange Rede, kurzer Sinn: Am Berliner Hauptbahnhof gibt’s ne Nordsee-Filiale. Holt Euch Euer Fischbrötchen dort zur Einstimmung auf den Winterurlaub am Meet, bevor Ihr in den Zug Richtung Ostsee steigt. Dann wir alles gut.

Und noch ein wichtiger Hinweis: Wenn Ihr Euch aufmacht, den einsamen Ostseestrand zu erwandern, dann seid Euch der Tatsache bewusst, dass dieser in der Tat einsam sein wird – kein Kiosk, kein Edeka, ja nicht mal ein paar zeltende Griller, die Euch auf eine Wurst einladen könnten. Mit Balisto, Bemme und Banane im Rucksack kann aber nichts schief gehen – im Gegenteil, wenn ihr Euch vor dem Winterwind hinter einer Düne versteckt und bei Meeresrauschen picknickt, ohne dass auch nur eine Menschenseele vor der Linse auftaucht, dann schmeckt die selbst geschmierte Leberwurstschnitte besser als die geilsten Spaghetti vongole beim Mitte-Italiener.

Die Stresskiller

Jeder hat seine eigenen Rituale, die ihm oder ihr dabei helfen, dem Stress ein Schnippchen zu schlagen. Ein wenig Inspiration kann dennoch nie schaden. Was mir dabei geholfen hat – abgesehen von der wunderschönen Landschaft, dem Meeresrauschen und der Zweisamkeit in der Einsamkeit – waren: 1. Endlich mal wieder einen dicken Wälzer lesen, denn im Alltag schaffe ich es nie über das Dossier der ZEIT hinaus; 2. Selbstgebackener Kuchen vom Bäcker geraderüber: Mohnkuchen, Sandkuchen, Liebesknochen – je unprätentiöser, desto leckerer; 3. Meerblick – unsere Wohnung lag direkt am Strand, sehr zu empfehlen; 4. Die 5 Tibeter – zuhause krieg ich den Arsch nicht hoch, um so großartiger, die Zeit zu haben, tiefenentspannt mit ein paar Yoga-Übungen in den Tag starten zu können; 5. Gesichtsmasken – zum Abziehen oder Abtupfen, ganz egal, Hauptsache der Stress fällt mit ab; 6. Kuscheldecken; 7. Teelichter; 8. Teelichter; Und 9. Teelichter.