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Ein Paradox ist eine Aussage, der ein scheinbar unauflösbarer Widerspruch innewohnt. Meine heutige Geschichte hält gleich zwei dieser Kopfschüttel-Phänomene für Euch bereit. Paradox 1 lässt sich so beschreiben: Man versucht dem Stress, der seinen Ursprung ja zuvorderst im Zuviel hat, dadurch zu entkommen, dass man noch eine Sache obendrauf packt. Paradox 2: Dieser Sache soll innere Ruhe und Entschleunigung entspringen, wenn das aber nicht zacki, zacki geht, erklärt man sie im Vorbeigehen für gescheitert. Und um vom Abstrakten zum Konkreten zu kommen, ersetze man die folgenden Begriffe: man = ich, Sache = Qigong.

Was kann man tun, um runterzukommen, wenn einem alles zu viel wird? Einfach mal: nichts. Türe zu, Füße hoch, Handy aus, Rübe abschalten. Und schon sind wir wieder an dem Punkt angekommen, an dem sich so schön einfach sagt, dass sich das so schön einfach sagt. Tür zu und Füße hoch mag bisweilen noch ganz leicht von der Hand gehen, wenn man sich das ordentlich vornimmt. Handy aus ist schon schwerer. Dass das so ist, wisst ihr alle, die ihr über Facebook, Twitter, RSS auf diese Kolumne gestoßen seid. Und Abschalten ist eine Fähigkeit, die ich leider nie gelernt habe und deren Ausübung in verhängnisvoller Relation zur Länge meiner To-do-Liste fehlschlägt. Aber es heißt, dass man das lernen kann. Ein möglicher Weg zum Ziel soll Meditation sein.


Nun ist es nicht so, dass ich das nicht glaube. Im Gegenteil, allen, denen es gelingt, über meditative Praktiken zu innerer Ruhe und Gelassenheit zu gelangen, begegne ich mit einer Mischung aus Respekt und Bewunderung. Ich befürchte nur einfach, dass das nichts für mich ist. Allein schon deshalb, weil ich, ob ich nun will oder nicht, eine grundsätzlich leichte Skepsis allem Spirituellen gegenüber habe. Allen Dingen, denen dieses Label anhaftet, bin ich möglicherweise von Vornherein nicht sonderlich aufgeschlossen gegenüber. Und das macht die Sache, vor allem, wenn es eine so ruhige, bewegungsarme ist, ja schon mal nicht leichter. Weil ich es aber nicht mag, Dinge in der Theorie zu verurteilen oder ohne eigene Erfahrungen wegzuargumentieren, habe ich neugierig Ja gesagt, als eine liebe Bekannte mir vorgeschlagen hat, sie doch einmal zum Qigong zu begleiten. Sie sei nach jedem Besuch sehr entspannt. Klingt gut, dachte ich. Tiefenentspannt wäre ich auch gern.


Und wie starte ich meinen neuen Anti-Stress-Versuch? Indem ich wie ne Blöde zum Qigong-Studio hetze, weil ich es natürlich nicht rechtzeitig schaffe, meinen Computer runterzufahren. Und mich schon gar nicht. Die Arbeit im Kopf, den Rucksack auf dem Rücken und die Uhr im Blick, nutze ich den Weg, um mit meinem Freund zu telefonieren. Den will ich ja schließlich heute auch noch hören. Dann werfe ich mich in meine Wohlfühlklamotten und finde, dass ich schon mal verdammt nach Entspannung aussehe: Kuschelsocken, Jogginghose, Baumwollshirt.

Verstecken kann sich in dem kleinen Studio keiner – ich bin also erst mal damit beschäftigt, nicht allzu unsicher zu wirken. Keine gute Voraussetzung, um sich auf die Suche nach dem Qi zu begeben, aber so ist es schließlich immer, wenn man als Neue in eine Gruppe von Menschen kommt, die sich kennen. Alle schauen freundlich, alle sind ruhig. Nadin, mach mal locker. Ist doch nett hier. Und los geht’s. Kommando Runterkommen.

Bevor wir die ersten wirklichen Bewegungen ausführen, stehen wir. Sehr lange. Und hören der dunklen, sanften Stimme unseres Qigong-Lehrers zu. Wir wenden uns nach innen. Durchwandern unseren Körper von oben nach unten. Innerlich lächelnd. So ist jedenfalls der Plan.

Mir ist leider so gar nicht zum Lächeln zumute. Weder äußerlich, noch tief in mir drin. Die Gründe sind mannigfaltig: Mein Ohr juckt, mein Mund will gähnen, meine Haare kitzeln meine Nase und zu allem Überfluss stelle ich fest, dass mein rechter Knöchel schmerzt. Ich erinnere mich, am Ostseestrand umgeknickt zu sein. Seitdem scheine ich erfolgreich vermieden zu haben, das versehrte Stück Nadin zu belasten. Im Qigong-Studio geht das nicht mehr, denn beim bewussten Stehen, Hocken, Gleichgewichthalten brauche ich meine Füße und Knöchel. Ich versuche, den Gedanken an den Schmerz wegzuwischen und lande bei meiner Arbeit. Was mir leider auch kein Lächeln auf die Lippen zaubert. Oder in meinen Ellenbogen. Und als das nicht gefundene Lächeln schließlich beim linken Fuß ankommen soll, läuft mir eine Träne aus dem rechten Auge. Weil ich es einfach nicht finde, dieses blöde Lächeln. Und weil ich nicht mehr weiß, wie ich stehen soll. Und weil ich hoffe, das keiner merkt, dass ich nicht mehr weiß, wie ich stehen soll. Und weil irgendetwas falsch läuft, wenn man sich einfach nicht konzentrieren kann, weil man sich über alles Mögliche Gedanken macht.

Wir gehen in erste Bewegungsabläufe über. Ich bin erleichtert. Nichts Schnelles, Gymnastisches oder Tänzerisches. Aber immerhin: Wir öffnen die Arme. Daran halte ich mich fest. Und es wird besser. Mein Körper bekommt etwas zu tun, dass weniger herausfordernd ist als einfach nur zu stehen. Noch so ein Paradox. Und ich denke: Wie gerne würde ich jetzt ein paar stinknormale Rumpfbeugen oder Dehnübungen machen. Etwas, dass ich kann und dass auf eine einfache Art anstrengt.

Während der Rest der Truppe mit geschlossenen Augen flüssige Bewegungen ausführt, versuche ich mit offenen Augen zu verstehen, was ich machen soll. Ich höre den Beschreibungen unseres Lehrers zu und imitiere die Bewegungen der anderen Teilnehmer. Eine halbe Stunde lang. Entspannend ist das nicht. Aber ich bin froh, nicht völlig daneben zu liegen. Mit weit ausladenden Armbewegungen und tiefen Atemzügen kommen wir zum Ende. Ausatmen.


Es bleibt die Erkenntnis, dass eine Probestunde nicht ausreicht, um abschalten zu können. Eine Wiederholung wird es wohl aber trotzdem nicht geben. Das ging mir mit der Entschleunigung einfach nicht schnell genug. Vor allem aber glaube ich, dass das mit dem Lächeln bei mir so nicht klappt. Ich brauche dafür gute Gründe. Altstadtbäckereiwindbeutel zum Beispiel. Oder Maiglöckchen. Oder die Sonne Italiens…