Heiter wollte ich sein. Und wo bin ich gelandet? In Kleinschirma, am Bahnhof, mitten in der Nacht, aufgelöst in Tränen. Dort, im Wartehäuschen, muss ich meine Muse vergessen haben. Da sitzt sie vermutlich, nach beinahe drei Wochen, noch immer. Und ich sitze hier im Bett und weiß nicht, wie ich anfangen, was ich schreiben soll. Weil die Freude einer seltsamen Form der Lethargie gewichen ist.

Auf meinem Weg von Berlin, wo ich lebe und arbeite, nach Freiberg, wo meine Liebe lebt und arbeitet, ist mir beim Blick aus dem Zugfenster das Herz ganz schwer geworden. Der gesamte Tag und auch der vorherige waren alles andere als prall gewesen. Und jetzt – nach der Arbeit und all dem Funktionierenmüssen – kommt die Traurigkeit und macht, dass mir Tränen aus den Augen kullern, obwohl mir eine weitere Reisende gegenüber sitzt und ein Vater mit seinen Kindern zu meiner Linken schlaue Rechenspiele vollführt. Sechs plusminus zwei Tränen lasse ich frei, bevor ich mich fange. Vor mir liegen 2,5 Zugstunden – eine Dazwischenzeit, die ich eigentlich genieße, Zeitung lese oder ein Buch zur Hand nehme. Aber ich habe keine Lust. Einfach keine Lust. Und während ich noch denke, wie verdammt Kacke das ist, weil ich doch sonst nie dazu komme, mal in ein Buch zu versinken oder mich ins Weltgeschehen reinzudenken, kommt meine Tränendrüse langsam wieder auf Betriebstemperatur. Jetzt ist es schon soweit, dass ich vor lauter Ärger und Stress nicht mehr dazu in der Lage bin, die Zeit außerhalb des Jobs freien Kopfes und guten Gemüts für wohltuende Dinge zu nutzen…

Bevor ich mich weiter selbst beweine, greife ich zum einzigen Mittel, das mir in diesem Zugabteil schnelle und effektive Ablenkung verspricht: „Willkommen zurück, Dinispielt“, begrüßt mich meine Smartphone-App, als ich nach x abstinenten Monaten erneut beschließe, mit Sonnenblumen und Kanonenpflanzen gegen Zombies zu kämpfen. Mein Plan geht auf: Ich töte Zombies und muss nicht heulen. Und plötzlich, ich muss gerade von den Zombies plattgemacht worden sein, fällt mir auf, dass ich vor fünf Minuten verpasst habe auszusteigen. Fuck. Next Exit Kleinschirma. Klingt niedlich, mir war nur leider nicht nach niedlich, mir war – jetzt aber richtig – zum Heulen zumute. Und weil der nächste Zug zurück nach Freiberg 20 Minuten Verspätung hat und Donnerstagnacht um 22:00 Uhr aber auch wirklich niemand am Kleinschirmaer Bahnhof verweilt, darf ich jetzt endlich. Ich schluchze. Laut. Nass. Scheiß drauf.

Am nächsten Morgen wache ich mit Liebeskummeraugen auf. Dick und fett und verquollen. Und auch wenn ich vielleicht ein kleines bisschen weniger verzweifelt bin als am Abend zuvor, hat der Schlaf die trüben Gedanken nicht wegzuwischen vermocht. Ganz so als hätte ich tatsächlich Liebeskummer. Hatte ich aber nicht. Ich hatte eine scheiß Arbeitswoche hinter mir und eine scheiß Arbeitswoche vor mir. Und überhaupt… weiß ich auch nicht, was ich damit jetzt machen soll. Zombies habe ich seitdem keine mehr getötet, mein Selbstmitleid habe ich auf ein vertretbares Maß zurückgefahren und sogar ein paar Artikel und Buchseiten habe ich seitdem gelesen. Aber mir fehlen meine drei Zicklein Sandy, Mandy und Candy. Und meine Muse. Die sitzt vermutlich immer noch am Bahnhof in Kleinschirma.