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Eine Kolumne über die kleinen und großen Dinge, die unser Leben schöner machen. Heute: Zwänge und Neurosen.

Wenn die Wissenschaft in einer fernen Zukunft einst die condition humaine der Jahrtausendwende untersuchen wird, wird sie in einer bestimmten soziodemografischen Gruppe auf einen bestimmten kleinsten gemeinsamen Nenner stoßen: die Filme des größten Großstadtneurotikers aller Zeiten, Woody Allen. Ein brillanter Chronist der menschlichen Existenz; seine Geschichten erzählen vom Leben in ständiger Selbstironisierung, ein Tennis-Match von Macken, Zwängen und skurrilen Eigenarten. Und vom Unglück, man selbst zu sein.

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Nun soll es hier ja eigentlich und ausschließlich um das gute Leben gehen. Dem Streben nach Glück und Zufriedenheit stehen unsere Neurosen aber meist mächtig im Weg. Ein kleines Beispiel aus dem Alltag: Die Woche war mal wieder endstressig, seit Tagen weder eingekauft, noch Klamotten gewaschen. Der Unterwäsche-Vorrat ist aufgebraucht. Also schnell in den Wäschekorb gelangt und die Maschine vollgestopft. Ängstlicher Blick auf die Uhr. 21 Uhr. Kann man noch machen. Beim Aufhängen kommt dann aber der große Schock. Wo ist die zweite türkis-mintgrüne Ringelsocke geblieben? Mein persönlicher Albtraum, mal wieder.

Wäscheständer zeigen mir, dass unser aller Leben im Grunde bedeutungslos ist. Wo Sockenpaare entzweit werden, lauert der tiefschwarze Schlund des Chaos. Das Bild einer einzelnen Socke, für mich der Inbegriff des menschlichen Scheiterns. Es wundert jetzt wohl niemanden, dass mein Zwang, Sockenpaare immer gemeinsam zu waschen und aufzuhängen, schon zu manchem beziehungsgefährdenden Streit geführt hat.

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Macken sind zwischenmenschliche Killer. Und sie werden mit den Jahren schlimmer. Unbeschwertes Abhängen mit anderen Menschen, adieu! Einen synchronisierten Kinofilm anschauen? Nicht mit mir. Und nein, ich kann auch kein Japanisch, aber Untertitel lesen kann ich schon. So führen wir Leben in unseren persönlichen Blasen, gebaute Vorstellungen der Welt, errichtet auf unseren Neurosen. Wirklich schwierig außerhalb dieser Käseglocke noch neue Freunde zu finden. Wie? Du verstehst Böhmermanns Hashtag der Woche nicht? Warum reden wir überhaupt noch miteinander?

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Den ein oder anderen Spleen gönne ich mir dennoch gerne. Am Ende bin ich doch wenig mehr als die Summe meiner Ticks. Und für die Sache mit den Socken hat der unaufhaltsame Fortschritt der Menschheit eine Lösung parat: Sockstar, der Socken-Clip. Ein Leidensgenosse hat mir dieses Wunderding neulich nach dem dritten Bier empfohlen. Ein Mini-Kleiderbügel für Socken. Rein in die Waschmaschine, rauf auf die Wäscheleine. Bei Amazon steht in der Produktbeschreibung übrigens: Sockstar – der Paarungshelfer. Bin wohl nicht der Einzige, dessen Hausfrieden an einer Socke hing. Nur gut, dass es den Socken-Clip nicht schon früher gab. Woody Allen hätte sonst langweilige Filme über glückliche Menschen gedreht.

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