Gabriela (25) und David (41) lieben Techno. Nach dem Ja-Wort brummte der Bass im Standesamt Kreuzberg-Friedrichshain. Einer ihrer Lieblingstracks von CJ Bolland besiegelte die neue Liebe. David (DJ und Kieferorthopäde) war bereits verheiratet. Er hat vor einigen Jahren viele Antworten auf seine Lebensfragen beim Lama Ole Nydahl erhalten. Seitdem ist er Buddhist. Den Buddhisten entdeckte er auch in Raverin Gabriela. Beide teilen eine sehr freie Lebensweise als Paar und raten davon ab, sich überhaupt mit Begriffen wie „ewiger Liebe“ und „Bindung“ zu beschäftigen – das klinge zu sehr nach Fesseln. Und wo lernen sich solche Freigeister kennen? Na klar! – im berühmtesten Technoclub der Welt natürlich, dem Berghain. Paradies hedonistischer Seelen & 24-Stunden-Ravern.


Paul: Ihr wohnt seit Kurzem zusammen, warum habt ihr euch dafür entschieden?

Gabriela: Man könnte jetzt ganz einfach sagen: „…na weil wir in einer Beziehung sind…“. Die Frage ist jedoch in dem Sinne berechtigt, wenn man bedenkt, dass wir absolute Freigeister sind. Gerade aber aufgrund dieser Wertschätzung, sein eigenes Leben kompromisslos weiterleben zu können, wünschen wir auch dem anderen eine solche Freiheit. Wir schränken uns nicht gegenseitig ein, sondern versuchen, den Alltag des anderen zu bereichern – mit den schönen Dingen des eigenen Alltags. Beispiel: ich kann kochen, er super auflegen. Wir lieben beide gutes Essen und Techno. Beides gleichzeitig mit einer tollen Flasche Wein: pures Glück.

Paul: Wann und wo habt ihr euch kennen gelernt?

Gabriela: Am 4.11.2012 im Berghain. Joel Mull, zu dieser Zeit Davids sowie auch mein Lieblings-DJ/ Produzent spielte in der Panoramabar anstatt, wie sonst, auf dem Berghainfloor. Er war der Grund, wieso wir beide ausnahmsweise auf dem Floor tanzten, auf dem wir uns sonst nur selten blicken lassen. Dort herrscht mehr Licht, man erkennt die Menschen um einen herum besser. Unten hätte ich ihn nicht von einer so weiten Entfernung erblickt.

Paul: Wie verlief der erste Augenkontakt, das erste Zusammentreffen?

Gabriela: Ich ließ meinen Blick über den Floor schweifen und sah ihn in der Nähe der Kanzel von hinten. Er trug ein Tanktop und stach zwischen allen anderen hervor, da er vom Hals abwärts beinahe lückenlos bunt tätowiert ist. Da hatte ich sowieso eine Schwäche für. Und seine schönen Schultern. Und seine schwarzen Haare. Ich dachte: „Bitte dreh dich um und sei keine Kackbratze“. In diesem Moment tat er es und strahlte mich mit dem süßesten Zahnfleischlächeln der Erde an. In seinem Blick herrschte pure Freude. Es war ein unglaublich ehrliches Lachen, das er mir schenkte. Er war sofort etwas Besonderes. Ich musste zu ihm, tanzte in seine Richtung. Er zog mich zu sich und ein paar Sekunden später küssten wir uns ohne Worte oder unsere Namen zu kennen. Aber was sind schon Namen…



Paul: War es Liebe auf den ersten Blick?

Gabriela: Ich kann mich nicht daran erinnern, mich durch einen Blick je derart angezogen gefühlt zu haben. Es gab danach kein Zurück mehr. Vielleicht ist es das, von dem alle immer reden.

Paul: Wann habt ihr euch entschieden, zusammen zu kommen?

Beide: Es gab keinen genauen Zeitpunkt. Wir wollten aufgrund unserer Erfahrungen beide keine Beziehung und vermieden es, der Sache, die wir hatten, einen Namen zu geben. Unsere Verbindung war stärker und benötigte keine Schublade. Das Konzept „Beziehung“ mit all seinen Regeln ist eine Erfindung der Gesellschaft und hat nichts mit der Natur des Menschen zu tun. Daran haften unzählige Bewertungen. Wurden wir nach unserer Konstellation gefragt, sagten wir: „Ist doch egal, was es ist, wir sind glücklich.“

Paul: Wann war klar, dass ihr ein Leben miteinander verbringen wollt? Warum war das so klar?

David: Ziemlich früh. Das lag daran, dass wir uns gegenseitig nicht einengten. Die Freiheit und das Glück des anderen war schon immer das Wichtigste. Deshalb verzichteten wir darauf, unserer Verbindung jegliches Konzept aufzuzwingen, denn ein jedes Konzept droht zu scheitern, wenn Fehler begangen werden. Und gibt es keine Regeln, die gegen die Natur des Partners sprechen, versucht er auch nicht auszubrechen. Wenn beide diese Sichtweise beibehalten, steht einem harmonischen Beisammensein bis ans Lebensende nichts entgegen.

Paul: Davids Antrag fiel ein bisschen aus der Klassikerreihe, wie und wo geschah es?

Gabriela: Im September 2014 auf Ibiza im DC10. David dachte wohl schon seit 1,5 Jahren darüber nach, wie er mir einen Antrag machen kann. Am Ende hat er alle Konzepte eines typischen Antrags fallen lassen und war einfach er:schnörkellos, ehrlich, pur. Kein Candle Light Dinner am Strand mit Harfe und Champagner könnte diesen Wert für mich übertreffen.

Paul: David, du bist 16 Jahre älter als Gabriela. War das jemals ein Grund für dich, an der Konstellation zu zweifeln? Für dich Gabriela?

David: Ich finde ihre junge Energie geradezu erfrischend, zumal sie überraschenderweise geistig unfassbar erwachsen ist, was sich bereits in den ersten Gesprächen herauskristallisierte.

Gabriela: Er entkommt mir eh nicht. Wenn er alt ist, braucht er jemanden zum Anschieben. Im Grunde genommen bin ich seine sexy Altersvorsorge.


Kurz vor dem Ja-Wort

Paul: Ihr seid seit einiger Zeit bekennende Buddhisten,- wie kam es dazu? Hat der Buddhismus eure Sicht von Beziehung, Liebe & Ehe verändert? Was sagt der Buddhismus zur Ehe?

David: Es gab Erfahrungen in meinem Leben, die mich dazu bewegt haben, mich auf die Suche nach Antworten zu begeben für die vielen Fragen, die sich in meinem Kopf auftaten. Ich fing an, mich im Internet über Meditation und Buddhismus zu informieren, dann traf ich einen alten Freund, der selbst praktizierender Buddhist ist. Dieser lud mich dann auf einen Vortrag von Lama Ole Nydahl ein. Die zutreffendsten Antworten auf viele meiner Fragen fand ich in der Art und Weise, wie Buddhas Lehren von Lama Ole Nydahl beschrieben wurden und werden. Meine Sicht in Sachen Beziehung, Liebe & Ehe hat sich insofern verändert, dass ich prinzipiell davon ausgehe, dass beide Partner frei sind, in jederlei Hinsicht. 
Die Ehe ist ein menschliches Konstrukt. Der Buddha gab Ratschläge, wie man eine glückliche Ehe führen kann. Diese Ratschläge bestehen aus dem gegenseitigen Wertschätzen, nicht ausschweifen, Freiheit geben. Großzügigkeit dem anderen gegenüber, einander helfen und natürlich lieben.

Gabriela: Die Ehe beutetet für einen Buddhisten, dass man gemeinsam stärker für andere sein kann als man es alleine wäre. Wir trainieren unsere Geister in allerhand Situationen, sehen eigene Fehler ein, vergeben immer schneller. Gerade in Liebesverbindungen zwischen Mann und Frau geht es oft heißer her als in Freundschaften oder anderen Konstellationen.

Paul: Haben Buddhismus und Berghain etwas miteinander zu tun?

Beide: Im Grunde genommen ja, da viele, wenn nicht sogar fast alle dort einen großen Teil ihrer Buddhanatur zum Vorschein bringen. Sie sind glücklich, frei, tun, was sie wollen und das, ohne anderen wehzutun oder glückbringende Taten anderer zu bewerten. Sexualität ist etwas Schönes, sofern mit ihr kein Leid bezweckt wird.

Paul: Im Berghain habt ihr euch kennen gelernt,- der Ort lebt von seiner ungehemmten Atmosphäre. Wenn ihr euch an einem anderen Ort das erste Mal begegnet wärt, was meint ihr, wie das erste Zusammentreffen verlaufen werde?

Gabriela: Ich stoße immer wieder auf Verwunderung, wenn ich erzähle, wo ich meinen Mann kennengelernt habe. Dabei ist das Berghain eines der letzten Orte, in denen man tatsächlich man selbst ist. Wir entfalten uns dort im vollen Maße und geben nichts auf Konventionen.

David: Unser Karma hätte uns sicher auch irgendwo anders zusammengebracht. Wir sind beide sehr unkonventionell und offen. Ich glaube wir hätten die verwandte Seele überall erkannt, es hätte vielleicht nur ein wenig länger gedauert.

Paul: Ist das Berghain also ein besonderer Ort der Liebe?

David: AUF JEDEN FALL!


Das Berghain in Berlin-Friedrichshain

Paul: Ihr seid beide große Technofans, nach dem Ja-Wort lief einer eurer Lieblingstracks im Standesamt. David, du bist sogar auch als DJ tätig neben deinem Hauptberuf – wie wichtig war es für euch, dass der Partner diese Leidenschaft teilt?

David: Ich bin der Meinung, wir hätten nicht solch eine glückliche Beziehung, wenn wir nicht beide dieselbe Leidenschaft teilen könnten. Ich denke, es ist extrem wichtig, solche glücksspendenden Momente miteinander zu erleben. Diese freudvollen Erfahrungen verbinden und begleiten einen weit in den Alltag hinein.

Paul: Was haltet ihr von freier, offener Liebe, – wie ist das mit Buddhismus zu vereinen und macht man sich nicht auch etwas vor? Eifersüchtig wird doch jeder, oder nicht?

Beide: Der Partner gehört Dir nicht. Du hast ihm nicht vorzuschreiben wie er sein Leben zu leben hat. Denkst Du, er darf seinen Körper und die eines/einer anderen nicht genießen ist das rein egoistisch und besitzergreifend. Der Mensch ist nicht monogam geboren. Monogamie wurde in unser Weltbild indoktriniert. Das einzige, was zählt, ist das Glück des anderen, und wenn dieser freiwillig monogam ist, weil ihm nichts fehlt, ist dies genauso gut, wie sich das sexuelle Glück noch anderweitig zu besorgen. Außerdem: was macht es für einen Unterschied, wenn der Partner richtig Lust hat, wo anders zu schlafen, es aber nur lässt, weil er gar keinen Nerv auf den Stress danach hat? Klar, es ist alles eine Übung. Wir wurden nicht erleuchtet geboren. Aber die eigene Bewertung solcher Situationen macht sie erst zu einem Problem. Dies sollte man sich als Buddhist immer vor Augen halten.

Paul: Die Hälfte der Ehen wird geschieden. Warum, meint ihr, ist das so? Steckt die Ehe fest?

Gabriela: Viele versprechen sich von einer Unterschrift, einem Brautkleid und Kutsche die ewig währende Liebe. Ich glaube, es geht oft mehr um die Hochzeit an sich, als um die Stärke der Verbindung zwischen zwei Menschen. Oder Gedanken wie „Ich bin jetzt soundso alt, ich muss langsam heiraten“ oder „Nun ja, jetzt sind wir schon so lang zusammen, da kommt eh nichts Neues mehr“. Man testet die Verbindung nicht genügend und kriegt dann Panik, weil man sich im Konstrukt Ehe gefangen fühlt. Ich würde es nicht so pragmatisch sehen.

Paul: Was würdet ihr Paaren gern mit auf den Weg geben? Als Raver, als Buddhisten? Was ist euer Tip für eine lange, glückliche Beziehung/Ehe?

Beide: Seid frei und lasst euch nicht in Konstrukte zwingen. Werdet morgen alt, nicht jetzt schon. Feiert so lang ihr wollt, tanzt und sammelt Eindrücke. Habt mehr Mut zur Wahrheit und zur Ehrlichkeit. Lernt aus euren Erfahrungen, zieht keine Masken auf. Wenn’s nicht klappt, dann klappt’s halt nicht. Wenn doch, teilt euer Glück. Oder wie unser Lama so schön sagt: „Tut euch gut oder lasst es“.

Paul: Vielen Dank für das offene Gespräch. Rave on!

Bildquellen: (1) & (3) © Cedric Schanze, (2) © Christian Hasselbusch