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In On- und Offline-Diskussionen über die systematische Benachteiligung von Frauen (körperliche und verbale sexuelle Belästigung, karrieristische Chancenungleichheit, slut shaming, etc.) lassen sich bestimmte Muster erkennen, deren Bewusstmachung zu einer fruchtbareren Streitkultur führen können.

Die Diskussion verläuft meist folgendermaßen: Eine Frau berichtet von irgendeiner Form der Unterdrückung, die ihr im Alltag widerfahren ist. Etwa, dass sie auf dem Nachhauseweg Angst haben muss, Opfer von sexuellem Missbrauch zu werden. Ein Mann antwortet mit einem Beispiel, das dieser Anekdote den vermeintlichen Absolutheitsanspruch nimmt. Etwa, auch Männer werden Opfer von häuslicher Gewalt.

Diese Art der Argumentationsführung erinnert teilweise an konservativen Relativismus in Bezug auf rechts- und linksextreme Straftaten. Wer behauptet, jede Form von politischem Extremismus sei gleichermaßen verachtenswert, fördert ein nicht ungefährliches en bloc Denken. Denn linke Gewalt bedeutet brennende Autos, rechte Gewalt bedeutet brennende Asylbewerberheime. Nicht unähnliche Pauschalisierungsversuche bestimmen die Diskussion um den sogenannten militanten Feminismus.

Gerade aus den Reihen weißer heterosexueller Männer, die sich unter Umständen selbst als „liberal“ bezeichnen würden, herrscht schnell Panik, wenn man direkt mit dem Vorwurf konfrontiert ist, ein Förderer sozialer Ungerechtigkeit zu sein. Ein Video über überharte Polizeigewalt gegen schwarze Jugendliche in New York lässt sich von Neuköln aus relativ risikofrei mit „unfassbar“ taggen und ins Netz stellen. Aber wenn die eigene Integrität von Frauen aus der Nachbarschaft infrage gestellt wird, verfallen einige ob der unbekannten Bedrohung direkt in Verteidigungshaltung. Hastig werden Beispiele von schlechten Jobchancen für männliche Erzieher und ungerechte Alimentengesetze herbeizitiert. Diese Argumente sind jedoch bereits in ihrer Grundstruktur unsinnig. Der Feminismus fordert keine Konstellationen, in denen Männer unter Frauen zu leiden haben. Ganz im Gegenteil, er wendet sich gegen jede Form der Ungleichheit.

Ein weiterer Move der Penis-Advokaten ist der genervt geäußerte Wunsch nach Harmonie. Gerne vorgetragen in hippieesker „Lasst uns alle Freunde sein“-Manier. Doch abgesehen davon, dass noch kaum ein gesellschaftlicher Umbruch auf harmonische Weise bewerkstelligt wurde, versteckt sich auch hinter diesem pseudoversöhnlichen Getue die Absicht, sich der eigenen Verantwortung zu entziehen. Dabei wäre es gerade hier wichtig, die unterschiedlichen Ausgangslagen der Parteien im Hinterkopf zu behalten. Männer drohen mit Vergewaltigung, Frauen drohen mit Chancengleichheit. Natürlich ist dies eine etwas überspitzte Darstellung, aber man muss sich bewusst machen, was für beide Seiten auf dem Spiel steht. Frauen kämpfen für das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit, sowie eine faire Ausgangslage in der Gesellschaft. Männer kämpfen allerhöchstens dafür, dass das Pendel nicht zu weit schwingt, sie also nicht in ferner Zukunft möglicherweise in manchen Lebensbereichen selbst die Benachteiligten sind. Das Szenario der Frau beschäftigt sich mit Realitäten, das Szenario des Mannes mit zukünftigen Eventualitäten.

Relativierungsversuche wie „Wir haben alle Probleme, die bekämpft werden müssen“ sind eine anmaßende Verharmlosung. Es gilt in dieser Diskussion als Mann, mit welcher Meinung auch immer, die verschiedenen Ausgangssituationen im Hinterkopf zu behalten, sonst läuft man Gefahr wie einer der Trottel aus der Männerrechtsbewegung rüberzukommen. Mann muss selbstverständlich nicht, „Valar Morghulis“ wispernd, Harakiri begehen, um dem Matriachat einen selbstlosen Dienst zu erweisen. Man kann auch an unterschiedlichen biologischen Dispositionen zwischen den Geschlechtern festhalten. Die Erzieher können durchatmen. Es gilt inmitten hitziger Diskussionen schlicht nicht zu vergessen, dass die Essenz des aufgeklärten Geistes nicht ausmacht, was er denkt, sondern wie er denkt.