Warschow_Kolumne 1.001

Ich bin auf einer Geburtstagsfeier, die in einem griechischen Restaurant ums Eck stattfindet. Ungefähr 15 bekannte Gesichter aus dem Kreis üblicher Verdächtiger – PR, Design, Mode, Redaktion – kann ich an den Tischen im Eck des Szene-Restaurants ausmachen. Die Lokalität erinnert mich an die andere bekannte griechische Lokalität, dessen Namen ich immer wieder vergesse; da stehen sie zu späterer Stunde dann auf den Tischen und werfen mit Servietten um sich. Vom Eingang geht der Gast gerade auf die Küche zu, frischer Fisch in der Auslage. Unsere Tische stehen links davon. Ich sehe viele LV-Taschen, Cartier-Armbänder und Statement-Ketten. Alle Geburtstagsgäste sind sehr nett, sehr hübsch, gesprächig und interessiert. Das Geburtstagskind, frisch vom Ayurverda-Detox in Kerala zurückgekehrt, erzählt ausführlich von Sesamöl-Massagen und Heißhunger-Attacken.

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Die Geschenke sind natürlich thematisch abgestimmt: Yoga-Kurse, Körper-Öl, etc. Also, alles wie in jeder anderen Großstadt, wenn sich zurzeit Mittdreißigjährige versammeln, die man zu den oberen Einkommensklasse rechnen kann. Bei einer Vorspeisenvariation aus Tsatsiki, Humus und Calamari unterhält man sich über den besten Blender, um auch Zuhause Green Smoothies machen zu können; der Big Whole Fish zum Hauptgang erinnert an den letzten Südostasien-Trip und das Dessert – Joghurt Panna Cotta mit Thymian-infusierter Honigsauce und Walnüssen – lädt zur Konversation über international ausgerichtete Food-Blogs ein, deliciouslyella.com steht gerade hoch im Kurs. Der Wein fließt in Strömen, und der Ouzo auch. Die Lautstärke nimmt exponentiell zum Alkoholpegel zu, die Gespräche werden intensiver, die Diskussionen vehementer, nur um Politik geht es hier nicht, bloß nicht. Jacketts werden ausgezogen, über die Stühle gehängt, die Ärmel hochgekrempelt, Menschen stehen auf, um rauchen zu gehen, und da erst entdecke ich sie: es blitzt am Hemdärmel neben mir, es reflektiert unter der schwarzen Spitzenbluse gegenüber. Here we go: die Uhr als das Erkennungsmerkmal der Münchener schlechthin.

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Was ist eigentlich der Plural von Rolex? Rolexis, Rolexe oder gar Roletten? Wahrscheinlich sagt man einfach ‚viele Rolex’. Denn es waren zwei, nein vier, acht, ach was sage ich: 14. Ohne die an den umliegenden Tischen einzubeziehen. Denn wenn man sich mal umschaut, sieht man sie überall. Ob Explorer, DateJust, Sea-Dweller oder Sub. Ob mit einem Gesicht in Champagner, Schwarz oder Rosé, mit grüner Lunette oder bi-color, mit Stahlarmband oder Jubilée; hier ist die gesamte Range des Erhältlichen an einem Tisch vereint. Der Durchmesser des Ziffernblattes lässt erkennen, ob Deine Tischnachbarin sich ihre Rolex von ihrem Freund ausgeliehen oder selbst gekauft  hat. Erstaunlich viele Girls tragen die schweren, fetten Dinger, 39 oder 40mm. Das sieht zunächst einmal derbe prollig aus, aber mit der Zeit gewöhnt man sich auch daran.

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Understatement war in München ja noch nie ein großes Thema. In Hamburg hingegen schon. Und so trägt an diesem Abend nur einer keine Rolex: ich. Meine schmale Breitling aus den 1960er Jahren wird hier gar nicht als Uhr wahrgenommen, so unscheinbar kommt sie daher. Leicht befremdlich blicken die anderen Raucher vor dem Restaurant auf mein Handgelenk und können nicht wirklich viel mit dem anfangen, was sie da sehen. Die ist ihnen dann ein wenig zu Vintage, die erkennt man nicht gleich, da muss man nachfragen. Und so wird mir schlagartig bewusst: Schon meine Uhr lässt erkennen, dass ich Zugeroaster bin. Um mich im sozialen Feld der Münchner Schickeria zu verorten, brauche ich als erstes also eine Rolex, egal welches Modell. Vorher gehe ich nicht mehr zum Griechen.

Bei einer nicht repräsentativen Umfrage konnte ich herausfinden, dass jeder meiner Münchener Bekannten im Schnitt 2,3 Rolex besitzt.

Die Klischee-Kolumne

Sebastian, 35, lebt seit etwas mehr als zwei Jahren im selbstgewählten Exil. Als Nordlicht hat er so einige Klischees gegenüber den Münchenern mit auf den Weg bekommen. Einige davon sieht er als bestätigt, andere wiederum nicht. An dieser Stelle beschreibt er von seinen alltäglichen Beobachtungen.