Heute ist Filmpremiere! Jedoch nicht für Dich. Und darüber dürftest du sogar glücklich sein. Der bereits mehrfach auf Festivals ausgezeichnete Dokumentarfilm Beyond Punishment debütiert dort wo er angefangen hat: im Gefängnis. Zahlreiche Bundesjustizanstalten im ganzen Land zeigen ihren Insassen den Film bevor er am Donnerstag für alle zu sehen ist. Doch warum?

Diese und andere Fragen stellte i-ref dem Regisseur & Produzenten des Dokumentarfilms, Hubertus Siegert. Protagonisten seines Films sind 3 Mörder und 3 Opferfamilien. Gedreht wurde in den USA, Norwegen und Deutschland. Lange liegen die Taten zurück. Die einen sollen durch Wegsperren vergessen werden, die anderen durch Vergessen das Geschehene aus ihrem Kopf sperren. Was bleibt? Leiden Täter weniger als Opfer? Haben sie überhaupt einen Anspruch auf Mitgefühl? Was passiert, wenn sich beide Seiten gegenübertreten, und versuchen das vergangene gemeinsam aufzuarbeiten, gar zu bewältigen, einander zu verstehen? Und was verstehen wir überhaupt vom Strafvollzugssystem? Schafft eine Freiheitsstrafe für die Einen wirklich Freiheit für die Anderen? Hubertus Siegert hat lange recherchiert um sich eine Meinung bilden zu können: heraus kam ein Film, der uns alle angeht: Täter, Opfer, Gesellschaft.

 Kinostart: 11. Juni 2015


  1. Vom Leben im und um den Knast hört man wenig. Der Film schlägt also in eine ziemlich unbespielte Nische ein. Wann kam dir die Idee zu Beyond Punishment? War es ein langersehntes Projekt?

Hubertus Siegert: Gewalt hat einen riesen Unterhaltungswert, wenn ich mich umschaue in den Medien. Spannend ist es das Böse zu ermitteln, zu bekämpfen, zu rächen… je nach Genre im Krimi, Actionfilm, Thriller. Mit diesen ganzen Stories im Kopf vergessen wir recht leicht, was es heißt mit realen Gewaltkonflikten und ihren Gefühlen klar kommen zu müssen. Ich glaube keiner hält einen eignen Rachefeldzug für sinnvoll, selbst wenn einem etwas Schlimmes begegnet, aber unser Paradigma ist Vergeltung oder Strafe, nicht? Und das Gefängnis hat große Normalität für uns, auch wenn wir es kaum kennen. Ich glaube nicht, dass die Strafjustiz den Frieden bringt, nach dem sich die Betroffenen von Gewalt sehnen, den Inhaftierten sicher am wenigsten. BEYOND PUNISHMENT guckt sich die Welt an, wie sie ist, wenn der Krimi zu Ende ist, das Blut im Thriller getrocknet, der Actionschweiß verdampft. Was macht man um Gewalterlebnisse zu verarbeiten in der echten Welt?



  1. Du hast in drei verschiedenen Ländern gedreht, hat dir Deutschland allein nicht gereicht? Was waren die größten Unterschiede?

 Hubertus Siegert: Ich wollte nicht nur EINE Geschichte über Restorative Justice machen, besonders nicht den utopischen Fall, wo alles wunderbar gelingt, denn wenn wir auch wenig oder keine Ahnung von Restorative Justice haben, wissen wir doch, dass es so einfach nicht ist, wenn es uns beträfe… Darum drei Geschichten, drei sehr unterschiedliche Geschichten: Ein Beziehungstotschlag, ein tödliche Rivalität zwischen Halbstarken, ein politischer Mord. Und das in ganz verschiedenen Settings von drei Ländern mit sehr verschiedener Straforientierung – USA sehr punitiv, Norwegen sehr pädagogisch, Deutschland dazwischen. Aber egal was für ein Strafsystem existiert, die beteiligten Menschen, Täter- wie Opferseite, haben ähnliche Bedürfnisse nach Klärung und Entlastung; die Ähnlichkeit überwiegt auch wenn die Fälle so verschieden, die Strafjustiz so unterschiedlich ist. Mir kam es darauf an das zu zeigen, dass die Diskussion, wie wir strafen wollen, ob mehr oder weniger, für die Betroffenen nicht das einzige und nicht das entscheidende Thema ist.

 Nehmen wir Eriks Geschichte in Norwegen, wo der Strafvollzug liberal und resozialisierend orientiert ist. Man hat in diesem wunderbar menschlichen Norwegen vergessen, dass harte, lange Strafe nebenbei ein Problem gelöst hatten, das Erik jetzt aber hat. Der Junge, der seine Tochter erschossen hat, wohnte um die Ecke und kommt aus dem Knast bald wieder zum Wochenendbesuch und wird nach wenigen Jahren wieder entlassen. Der hochentwickelte Sozialstaat Norwegens hat keine Unterstützung für dieses Problem gegeben. Auch in Deutschland wäre die Kommune oder der Staat nicht auf Vermittlung von Täter- und Opferseite vorbereitet. Selbst für Privatinitiativen existiert wenig Angebot und die deutsche Organisation des sogenannten Täter-Opfer-Ausgleichs (TOA) ist gar nicht befugt, eigenaktiv in solche Fälle hineinzugehen. Doch die Betroffenen haben von sich aus keine Erfahrung mit Mediation. Unsere Gesellschaft vertraut sehr darauf, dass die Strafjustiz und Gefängnis den Frieden bringen. Diese neue, andere Dimension mit Gewalterfahrungen und deren Konflikten umzugehen ist der Raum von BEYOND PUNISHMENT.

3. Das Setting ist ein für die Masse unzugängliches Terrain. War es ein schwieriges Unterfangen im Gefängnis zu drehen, Lizenzen zu bekommen?

Hubertus Siegert: Das Gefängnis ist offen für Besuch, weil es in der Presse so unter Druck steht. Gefängnisdirektoren und Justizminister stehen in den Schlagzeilen, wenn es Ausbrüche, Ausführungsflucht oder mafiöse Zustände im Knast gibt. Da ist die Justiz dankbar für eine ausgewogene Berichterstattung und man muss sie nur thematisch überzeugen, ihr Vertrauen gewinnen. Gefängnisdirektoren sind übrigens eine wunderbare Type Mensch, oft, natürlich nicht immer. Sie sind trotz der furchtbaren Situation, die in eigentlich jedem Knast herrscht, sehr engagiert, nur stehen ihnen schrecklich schlechte Ressourcen zur Verfügung. Die Gesellschaft erwartet Wunder vom Knast, aber diese Wunder sollen wenig kosten. Dabei ist gerade der Wunsch, möglichst lange die Leute zu verknacken die ganz teure Lösung. Wenn in Norwegen die öffentliche Hand für eine bestimmte Tat sagen wir 6 Inhaftierungsjahre finanzieren muss, sind das in den USA für dieselbe Tat oft 30 oder 60 Jahre, da ist klar, dass Norwegen mehr Ressourcen übrig hat, den Inhaftierten Chancen zu ermöglichen etwas aus sich zu machen. Nur weil die Bevölkerung in den USA auf die harte Strafe, auf Vergeltung aus ist, wird die Knaststrafe irre teuer, sehr grausam, und völlig kontraproduktiv was die Resozialisierung angeht. Allein das ist einigen Gefängnisdirektoren durchaus bewusst und sie wollen, dass es Aufklärung über den Strafvollzug gibt.

  1. Noch vor dem offiziellen Kinostart premiert der Film hinter hohen Mauern und Stacheldraht. Warum war es dir wichtig Insassen deutscherJustizvollzugsanstalten den Film zu zeigen?

Hubertus Siegert: Es heißt immer, dass die meisten Gefangenen leugnen, sich nicht verantwortlich für ihre Taten fühlen und sich nur über den Strafvollzug beschweren würden. Aber in was für einer Situation befinden sie sich? Je geständiger und offener sie sind, desto mehr laufen sie Gefahr bestraft zu werden, im Gericht vom Richter, im Knast von den Mitgefangenen. So entsteht das Bild des unbelehrbaren wenig menschlichen Häftlings, wenn sie sich schützen und verkapseln. Ich wollte sehen, ob sie ansprechbar sind für die Helden des Films, für die Menschen, die sich in BEYOND PUNISHMENT so ernsthaft mit ihrer Gewalterlebnissen vor der Kamera auseinandersetzen. Wie reagieren Inhaftierte darauf, wenn es einmal nicht um Beschämung und Bestrafung für Fehlverhalten geht, sondern vielmehr um eine Auseinandersetzung damit auf Augenhöhe – selbst im Falle von schwerster Gewalt? Ich war sehr gespannt. Würden sie überhaupt 90 Minuten sehen wollen, sich so lange konzentrieren? Oder würde die Filmvorführung mehr eine Gelegenheit zum Schwätzchen, weil man aus entfernten Hafthäusern zusammenkommt?



  1. Beyond Punishment ist ein Film zu dem jeder Insasse eine eigene Geschichte hat. Wie wurde der Film aufgenommen von den Häftlingen? Waren sie gerührt, hat sie das Schicksal der Protagonisten und den Angehörigen der Opfer interessiert?

Hubertus Siegert: 25 Gefangene haben den Film bereits im Kultursaal der JVA Tegel Anfang April in verblüffender Stille und Aufmerksamkeit geschaut. Der Film ist durch die englische Sprache in der Bronx nicht leicht zu verstehen, man muss Untertitel lesen, aber das haben sie gemacht. Hinterher habe ich noch eine halbe Stunde mit ihnen gehabt zum Reden, dann mussten sie zurück in die Hafträume; so eine Filmvorführung ist logistisch im Knast eine Herausforderung für die Bediensteten, darum war ich trotz der knappen Gesprächszeit dankbar, dass sie es als richtige Kinovorführung ermöglicht haben – nicht nur als Video im Fernsehzimmer. Im Gespräch mit den Gefangenen war das Thema Restorative Justice ganz präsent, obwohl der Begriff den meisten von ihnen gar nicht geläufig war. Die Idee, dass sich Inhaftierte und Verbrechensopfer zusammensetzen und sich zuhören, fanden sie großartig und wollten es auch „hier” in Tegel einrichten. Auch die Idee der Begegnung mit den jeweiligen direkten Betroffenen einer Straftat löste großes Interesse aus, wobei gar keine Vorstellung da war, wie „sowas” denn gehen könne. Interessant war, dass es gleich um einen heiklen Punkt ging, um den der Verwendung der Gesprächsinhalte einer Mediation in einem möglichen weiteren Strafprozess. Selbst offizielle Mitarbeiter des deutschen Täter-Opfer-Ausgleichs haben keine Zeugnisverweigerungsrecht vergleichbar dem des Seelsorgers. Die TOA sitzt in Deutschland manchmal sogar im gleichen Gebäude wie die Staatsanwaltschaft, z.B. in Hamburg. Auch wenn die TOA Leute hoch loyal sind, und einen geschützten Rahmen für beide Seiten bieten wollen, ist es für die von Strafe Bedrohten immer unheimlich, unter solcher Anleitung und Begleitung einem Tatbetroffenen offen und ehrlich zu begegnen. Das haben die Gefangenen gleich als Hürde für sich erkannt. Vielleicht will man es trotzdem von ihnen erwarten, aber vielleicht versteht man es auch…

  1. So eine Konfrontation mit dem Thema Opfer-Täter ist auch ein Spiel mit dem Unerwartetem. Warst du nervös vor der Premiere im Knast? Schmerzt es die Insassen nicht auch, durch solch einen Film noch mal an ihre Tat und an das, mit dem Strafmaß verbundene Schicksal erinnert zu werden?

Hubertus Siegert: Um im Gefängnis den Schmerz über gravierende eigne Delikte zu erleben und das auch noch im Kreise von Mitgefangenen auszudrücken, braucht es schon einiges. Die meisten Delinquenten sind familiär nicht unterstützt worden eigene wahrzunehmen, auszudrücken, und die eigenen Werte zu reflektieren. Da habe ich keine Wunder nach der Filmvorführung erwartet, aber dann gab es doch eines. Für ein paar Momente hörte die Ich-weiß-schon-was-richtig-ist-Rede auf und es wurde nach Worten gesucht, aber nicht um sich zu rechtfertigen, sondern um zu sagen was jemandem gerade wichtig war. Ein kurzer Moment der Übereinstimmung, des Zuhörens, gab der Gruppe eine Spur von gelebter Gemeinsamkeit. Da was es noch gar nicht an dem Punkt der eigenen Verantwortung, Scham und Last über eigene Taten, aber es ging dahin. So schmerzhaft es ist, es geht ein bisschen in Richtung auf Klarheit und selbst-dazu-stehen-können – in immer neuen Anläufen. Und dabei eine entlastende Wirkung zu spüren. Aber das geht nur freiwillig, ermutigt zwar, aber ohne Strafandrohung und Beschämung. Diese ganzen Worte, die ich hier mache, dürfte man gar nicht in der Situation anbringen. Von der Erfahrung anderer hören, dass öffnet. Letztlich hat der Film nichts anderes angeboten und mit manchem gemacht.

  1. Neben den Protagonisten hast du noch viele weitere Täter und Opferfamilien kennen gelernt – mit Taten die oft viele Jahre zurück liegen. Was beschäftigt die Familien noch nach so langer Zeit der Trauer, gibt es Themen die in den Vordergrund rücken, und solche die an Gewichtung verlieren?

Hubertus Siegert: Ich glaube das Wesentliche dazu erzählt der Film am besten. Mit all den anderen Menschen habe ich nicht lange genug gearbeitet.



  1. Der Film kommt nicht ohne Kritik am derzeitigen Justizsystem aus. Erhoffst du dir durch den Film einen Wechsel in Sachen Täter-Opferarbeit und der Perzeption von Straftätern im Generellen?

Hubertus Siegert: Die politische Wirkung von Filmen sollten Regisseure nicht überschätzen, sie ist selbst im besten Fall immer auch Zufall. Entscheidend ist aber für mich, dass ein Dokumentarfilm keine Propaganda betreibt, keinen Wahlkampf macht. Interessant finde ich einen Film zu machen, den die Leute sehen wollen, weil sie von anderen gehört haben, dass der Film etwas bei ihnen bewirkt hat, vielleicht eine andere, neue Erfahrung ermöglicht. Und dass diese neue Erfahrung nicht nur im Marketing behauptet wird, sondern tatsächlich so ist – das geht nur über Mundpropaganda. Was die Zuschauer dann für Konsequenzen aus der Erfahrung ziehen, wie das ihre politische Haltung beeinflusst, das ist die Freiheit eines jeden einzelnen Zuschauers. Im Kino geht es um Aufklärung, nicht um Handlungsanweisungen, oder? Aber wenn ich einen Wunsch frei habe, ja, ich hoffe, dass wir mehr verstehen was wir mit Strafe alles nicht erreichen und was ihr Preis ist.

  1. Die Realisierung und Vorbereitung solch einer Dokumentation fordert dem Regisseur eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem Thema ab. Siehst du Mörder jetzt anders?

Hubertus Siegert: Ich habe sehr viele Protagonisten, Gewaltbetroffene kennengelernt, die dann aber im Film nicht mitgemacht haben, aus verschiedensten Gründen, meist weil nicht beide Seiten, Opfer- und Täterseite bereit waren aufeinander zuzugehen, schon gar nicht vor der Kamera. Bei diesen vielen Menschen, die ich also bei der Recherche treffen musste, die jemanden getötet oder jemanden verloren hatten, war jede Begegnung ein riesige Herausforderung und immer auch ein Geschenk. Ich wage es kaum zu sagen, denn ich fürchte viele Menschen ohne diese Erfahrung werden mich für verrückt oder zumindest herzlos halten: Die Begegnung mit einem Mann, der ein Kind ermordet hat, ist ungeheuer erschreckend, aber die Fantasie vorher ist noch viel schlimmer, die Begegnung ist auch die mit einem Menschen. Das Aufeinandertreffen mit einer Mutter, deren Tochter ermordet wurde, ist eine mindestens eben so große Herausforderung, denn wir sind doch alle gar nicht auf solche Situationen vorbereitet. In zig Jahren Schulpflicht und weiterführender Ausbildung schaffen wir es nicht der nächsten Generation das Rüstzeug für ein einfühlsames, verständnisvolles Gespräch mitzugeben. Und so vermeiden wir weiter die Begegnungen mit Menschen von wirklich großer emotionaler Bedürftigkeit, die Opferseite ist traumatisiert, die Täterseite übrigens auch. Ich bin sehr dankbar, dass ich über den Film Gelegenheit hatte zu merken, dass es nicht so schwer ist, mit derart betroffenen Menschen einfach und aufmerksam zu sprechen.

  1. Zum Schluss ein Blick in die Zukunft:was wünscht du dir in Sachen Täter-Opfer-Arbeit? Sollte das Konzept Restorative Justice zum Standard werden?

Hubertus Siegert: Sind wir so weit, dass wir ein Konzept von Restorative Justice haben? Da bin ich mir nicht so sicher. Wir sind sehr eingebunden in die Vorstellungen von Schuld und Strafe. Unser Verständnis von Ausgleich, Lösung, Heilung, deutsche Worte für „restorative”, ist sehr geprägt von religiösen Konzepten, einer Vergebung durch eine höhere Instanz. Es ist ein langer Weg für die Mehrheit der Menschen hier woanders hin zu gehen. Die Gefahren einer schnellen Einführung von RJ sind, dass eine der beiden Seiten genötigt wird mitzumachen und einen Abschluss zu finden, wo der Prozess der Auseinandersetzung noch gar nicht angekommen ist. In Südafrika sollen die wunderbaren Ansätze der Wahrheitskommissionen das Problem mit sich gebracht haben, dass zu schnell und zu sehr auf die Versöhnung hin vermittelt wurde; die Opferseite hat sich nicht genug gehört gefühlt und war enttäuscht, wie mir südafrikanische Freunde berichten. Andererseits kann eine gezielte Versöhnung für die Täterseite auch zu einer großen Beschämung werden, die keine Entlastung bringt, sondern sie wird zu einer Fortsetzung der Strafe mit anderen Mitteln. Hier muss dann wiederum die Frage der Täterseite zulässig sein, sich nicht gehört zu fühlen. Wenn wir Konzepte von Restorative Justice politisch etablieren, müssen dass Leute machen, die wirklich Erfahrung haben und es gelernt haben. Und man muss ihnen sehr genau zuhören. Ich bin nur als Filmregisseur dazu gekommen, der eine visuelle Reise in diesem dramatischen Neuland gemacht hat.