„Dein letzter Text war ganz schön heftig! Bist du sicher, dass du so was hochladen willst? Ich mein, das ist doch echt, … echt krass!“, tönte eine Freundin besorgt. Liebe Leser, was wäre jetzt die ideale Antwort? Für meinen Teil gilt, dass diese Frage keine Frage ist. Schließlich hab ich’s getan! Hab rumgejammert und auf’s Keyboard geflennt, privates Zeug erzählt und ordentlich was blicken lassen. Und nun? Ist doch passiert! Oder muss ich der Welt ernsthaft erklären, dass ich ein Mensch wie jeder andere bin? Dass es mir gut geht, in guten wie in schlechten Zeiten! Holy Moly, es trifft mich der Blitz: Scheinbar muss ich das „ … sonst denken die doch alle ich sei ein gebrochener Mann!“ – Zitat Ende. Fakt ist, dass jeder Tunnel ein Ende hat, alle mitlesen und das Internet weiß Gott kein sicherer Ort ist. Mensch Leute, das ist mir natürlich klar. Ich halte dennoch fest: Wenn der Tod, ein Flugzeugabsturz und brutale Grippeviren zeitgleich stattfinden, sei jedem verziehen mal abzurutschen und schließe hiermit den Jammerkasten Röhlig aus März 2015.

Auch rumsülzen will ich heute nicht, ändern wird sich ohnehin nix – nur kreisen seither meine Gedanken um ein Thema, dass jeder kennt, aber selten kommentiert wird: Das digitale Wetter. Herrje, jetzt geht’s ums Wetter. Doch verlange ich heute mal mehr von euch! Gemeint ist nicht „Wetter“ im klassischen Sinn, sondern die Wolken im Geiste. Scheint es doch ein nahezu ungeschriebenes Gesetz, dass im Social Web stets die Sonne scheint. Immer. Auch bei Regen. Soll heißen: Erzähl so viel du willst, doch erzähl’s so sexy wie möglich. Oder witzig. Und schlau. Am besten alles zusammen. Und sei – jetzt hört hin – verdammt noch mal glücklich. Doch sag niemals, versprich mir das, sag bloß niemals die Wahrheit. „Wahrheit“ ist zu viel. Es ist milde gesagt ätzend und deprimierend Dinge zu lesen die vielleicht real sein könnten. WTF, man stelle sich das mal vor: All diese endlos langweilen Menschen, jetzt auch digital – ohne Filter, mit der Belanglosigkeit des Alltags + grau. No. Please No. Dislike.

Drum konzentriere dich auf deine 140 Zeichen, deine Filter und den Sound von übermorgen – ob du ihn nun hörst oder nicht. Sei bitte attraktiv, oder eben komisch – am besten beides. Solltest du schlau sein, sei trotzdem erst mal attraktiv. Nur eins sei bitte nicht: ehrlich. Mannomann: Nach 10 Jahren digitaler Revolution komme ich langsam nicht umhin mich zu fragen: Wie Social ist das Social Web? Ganz ehrlich, das ist doch der blanke Hohn, eine schillernde Lüge, in der alle glauben die Wahrheit zu sagen. Absurd auch, was das Wort Social hier soll? Absurd und rätselhaft! De-Social sollte man es nennen. Sei De-Social und leg los.

Ich weiß. Jetzt brüllt hier wieder der Typ aus Berlin Mitte, mit seinen nicht durchschnittlichen Problemen. Doch Hand aufs Herz Freunde: Schaut euren FB-Stream und die Posts der Freunde mal an. Glaubt ihr ernsthaft, ihr wisst was bei denen geht? Wer sie sind? Was gerade passiert? Entspricht das wirklich der Wahrheit? Zwei Drittel meiner Freunde überlegen bei jedem Foto dreihundert Mal, ob sie es hochladen sollen oder nicht. So war das doch nie gedacht, oder? Falls ja, wie blöd. Richtig blöd.

Oder liege ich komplett falsch? Wie ist’s bei dir? Alles anders? Laut schillernden Studien betrachten beispielsweise Amerikaner das digitale Ich als einen kompletten Teil ihrer selbst. Europäer hingegen nutzen das Social Web nach wie vor als sehr abstrakten Space. Als Ort der Inszenierung, um zu sein was sie real nicht sind. Angesagt! Sexy! Clever! Und vor allem … sichtbar! Genau das, was sie draußen, auf der Straße, im Café nicht sind.

Wo geht die Reise also hin? Sind Amerikaner wiedermal Vorreiter? Schaffen wir es auch hierzulande auf alles und jeden zu scheißen und laden fleißig das Leben ins Netz? Mal so richtig, ohne Schwindelei? Kein Wunder, dass YouTube alles überrollt. Wenn kollektiv und in Echtzeit jeder in die Kameras flennt, bleibt wenigsten so viel menschliche Emotion kleben, dass selbst Inge aus Buxtehude glaubt: „Na guck mal … da isser, der Mensch!“ Mit all seinen Träumen, Schwächen und Freuden, da kommentiere ich doch gleich mal was.

Wie einfach wäre die Welt: Was könnten wir uns laben am Leben anderer, doch sind wir längst nicht so weit! Noch sind wir zu schüchtern und feilen fleißig weiter, an der Illusion unserer selbst, belügen weiterhin alle, doch vor allem uns selbst. Also noch mal: Ist das Social? Irgendwie nicht, oder? Es fehlt die Leichtigkeit, alles fühlt sich sehr statisch, denn entspannt an. Doch was soll’s – ich schreib mal weiter und spreche ohne Antwort gleich den nächsten Zündstoff an, ein gnadenloser Schmerz, der seit Jahren den Globus erobert – die Gleichheit der Welt.

Wie ihr wisst, bin ich mittlerweile ein drittel des Jahres im Flieger, entdecke Neues, durchstreune das Land, produziere und berate andere, in was auch immer. Doch erschließt sich zunehmend ein roter Faden, indem sich die Kunst des Lebens mit der digitalen Welt vereint. Die Folgen sind fatal: Nahezu alles, Menschen und Orte wurden zum Objekt der Inszenierung – und alle stehlen voneinander. Zu Teilen hat es den Anschein, als habe man den kompletten Erdball in ein immer gleiches Corporate Design getaucht und tut weiterhin so, als sei alles sonderlich individuell. Dabei schaut unlängst so vieles gleich aus – vor allem die Menschen. Es gibt keine Codes mehr, Briten, Franzosen, New Yorker, Japaner, Berliner oder sonstige Erdlinge – sie alle inspirieren sich aus gleichen Quellen, besuchen Ausstellungen und rösten ihren Kaffee selbst. Dann wird voller Inbrunst geposted, in stiller Hoffnung auf irgendein Share. Dass Empfindungen, die Sensibilität des Moments und reales Leben außen vor bleiben, bemerkt eigentlich keiner mehr. Schlimmer noch: Es stört auch keinen! Ist das Social? Rücken wir hier ernsthaft zusammen? Oder eher auseinander?

Dazu ein persönlicher Greul: In den letzten Jahren habe ich vor allem eine Abneigung gegen diese absurde Tod-Ästhetisierung der Dinge entwickelt. Die immer gleichen artifiziellen Filme, der Mensch in der Kunst, nervige Visuals und die endlos gezoomten Filmchen mit joggenden Nike Sneakers. Was bin ich froh, dass wenigsten dieser Part hinter uns liegt. Zumindest fast. In Berlin versuchen nach wie vor hunderte Halberwachsene New Yorker Harlem Kultur in der Hauptstadt zu etablieren anstatt einfach mal Berliner zu sein.

Was fehlt noch? Ach ja. Das wohl wichtigste und verlogenste Tool – der Körper. Um gleich mal aus der aktuellen Lieblings Lektüre zu zitieren: „Die Frauen sollen dünn sein und die Männer kräftig und muskulös. So entstehen diese aufgepumpten Fitness-Körper, in denen oft nur ein ganz kleiner Junge steckt, der seinen Körperanzug spazieren führt.“ Ariadne von Schirach, du kleine Maus, vielen Dank für diesen Satz! Irgendwann entführe ich dich ins Café und dann sagst du bitte ganze viele solche Sachen! Ich höre dir zu und nicke einfach – wie ein kleiner Junge.

„50 ist das neue 30“ sagt sie, die Best-Ager der Gegenwart! Was für ein scheiß Wort denke ich und muss doch zugeben, wie recht sie hat. Seit 2 Wochen bin ich 34, ich hab also noch viel vor mir, so jung kommen wir schließlich nicht mehr zusammen. Zumindest nicht hier, im Social Web!

Gute Nacht Freunde!

#INSOMNIA - Mein Leben nach Mitternacht
Der Autor dieser Kolumne ist bekannt, es ist Norman, der Kopf hinter i-ref. Was jedoch wenige wissen: Norman schläft sehr schlecht. Und das seit Jahren. Weil um Mitternacht alles hereinbricht. Der gesamte Tag! #INSOMNIA soll helfen, die kreisenden Gedanken in der Dunkelheit besser zu verstehen, Fragen zu stellen und loszulassen – wenngleich im Tageslicht mal wieder alles anders zu sein scheint.