Vermutlich habe ich auf diesen Moment gewartet: Diese Woche scheint ein nahezu abartiges, doch perfektes Beispiel menschlicher Hilflosigkeit zu sein. Alles begann am Sonntag, auf meinem Rückflug von Paris nach Berlin. Ich spürte bereits im Flieger, dass es mir körperlich nicht gut ging. Es brodelte in mir, wie ein Vorbeben. Bereits im Taxi wollte ich mich erstmals übergeben –  Zuhause angekommen, wurde die Schlaflosigkeit gar endgültig von der Übelkeit überwältigt. Also verbrachte ich den Rest der Nacht kopfüber, still und heimlich, irgendwo in Mitte, in meiner goldenen Maisonette-Wohnung, kotzend über den Dächern der Hauptstadt.


Fortan sollte es zügig so weiter gehen: Mein Körper hatte sich kaum beruhigt, erhellte mein Display um 08:30 Uhr früh mit einem Namen, der nur selten digital brilliert. Es war der Name meines Vaters, den ich vor nunmehr 16 Jahren das letzte Mal gesehen habe. Tatsächlich zähle ich die Jahre noch immer mit, weiß sofort wann die letzte Begegnung war und mach mir gar nicht erst die Mühe an dieser Stelle tiefer zu schürfen. Ich ließ das Telefon klingeln, irgendwo zwischen nass-geschwitzten Bettlaken, hämmernden Kopf- und Gliederschmerzen, verließ ich kurz darauf meinen fertigen Körper und stellte mich zu mir ans Bett.

Es war einer dieser Momente von denen man immer glaubt, man stünde neben sich und könne sich selbst beobachten. Ich sah diesen kaputten Typen, völlig zerfressen von der bevorstehenden Grippe, der kraftlos versuchte, die Voicemail zu aktivieren und nicht glauben will, was er da hört: „Sie haben eine neue Nachricht. Montag. 24. März. 08:31 Uhr: Hallo Norman, hier ist dein Vater, ich wollte dich nur informieren, dass dein Großvater, nach 7-monatigem Leiden, heute Nacht leider gestorben ist. Sein letzter Wille war es, den verlorenen Enkel noch mal zu sehen. Ruf mich gerne zurück!“


Da stand ich nun, wie der letzte Idiot, Montagmorgen, am Bettrand und wusste nicht wohin mit mir. Wie funktioniert dieses System? Welchen Code muss ich eingeben? Mit System bin ich gemeint! Worauf sich als erstes konzentrieren? Heulen. Schmerzen. Wut. Soll ich erst Trauern, um meinen Großvater, der zu jenem Teil der Familie gehört, der ich von 16 Jahren den Rücken gekehrt habe. Soll ich jetzt, in diesem Zustand, über misslungene Väter-Beziehungen sinnieren? Oder sollte ich – verdammt noch mal – zum Arzt gehen? Nebenbei laufen die Mails der Kunden auf und in der Firma weiß noch keiner, dass ich heute nicht kommen kann.

Shit, so läuft das künftig, oder? Solche Dinge teilen wir jetzt: Nun wisst ihr, dass ich meiner halben Familie bereits vor langer Zeit Lebewohl sagte. Dir, gerade dir erzähle ich davon, obwohl du mich gar nicht kennst. Dir, der mich eventuell vom Sehen kennt! Oder dir, mit dem ich die Nacht verbrachte! Wunderbar. Großes Kino Norman, schreib einfach mal weiter und sag dazu lieber nichts mehr. Doch eins scheint klar, das ganze Dingsbums hier macht nur Sinn wenn ich ordentlich die Hosen runter lasse. Nur seid euch bitte bewusst bevor ihr austeilt: Mein Herz ist keine Box die irgendwann voll ist, es wird größer, je mehr ich fühle. Soll heißen, ihr bekommt nur einen Auszug meiner selbst, doch niemals alles, weil alles gar nicht möglich ist. Eine Art natürlicher Schutz.


Mittlerweile stehe ich im Bad, ertrage nur schwer was ich sehe und dusche meine Hülle. Eine Stunde später ist mein Team informiert, dass ich nicht in die Agentur komme und wurde bereits von zwei Ärzten aufgrund überfüllter Wartezimmer abgelehnt. Am Ende sollte es ein Sportmediziner sein, der mich noch reinlässt: „Sie sehen ja nicht gerade fit aus… “, tönt er und ich denke nur: „Alter!“ Es wäre ohnehin mal spannend zu wissen, wie vielfältig beschissen, so mancher Mitmensch heute morgen in der Bahn gerade in die Woche startet. Aber was ‚red ich: Weiß doch keiner! Und überhaupt: „All das Elend – teilt kein Mensch.“

Dr. J. stellt vorerst keine weiteren Fragen sondern bittet mich den Oberkörper frei zu machen. Er presst zweimal tief in die Rückenmuskulatur bis ich schreie, hört meinen Brustkorb ab, bevor er mir dringend rät mein Training umzustellen und mich mit Paracetamol zurück ins Bett schickt.


Zu Hause angekommen war es wie nach einem langen Aufenthalt im Krankenhaus oder dem Morgen nach einem Endlosbesäufnis – ich schwanke noch. Ich kroch die Treppe hoch, schloss irgendwie die Tür auf, schob zwei feuchte Handtücher vom Bett und schlief sofort ein.

Zehn Stunden später erwachte ich: Der Mund staubtrocken, mein Körper klatschnass – wie benommen greife ich nach der Wasserflasche und fahre nebenbei den Rechner hoch. Und tatsächlich, zurück auf Anfang – ein weiterer Tag bricht an: Mein kompletter Stream, voll mit der immer gleichen Meldung: „Absturz des Germanwings Fliegers A320 über den französischen Alpen, 144 Opfer – kein Überlebender.“ Alle paniken wild herum, die User komplett überfordert, weil dieser Flug wohl so beliebig war, hätte kaum einer mit dem Absturz gerechnet. War doch Kurzstrecke. Ist doch Lufthansa. Nur 01:30 h Flugzeit. Hier in Europa. Alles Safe. Oder nicht?


Meine Tränen kommen zurück. Vielleicht sollte Dr. J. noch mal fragen, was denn so los sei? Fakt ist, dieser Tag wir bald geehrt. Er wird geehrt für seine Traurigkeit, für den Schmerz und die Wunden, denen er Menschen zugefügt hat. Ich frage mich, ob es einen Unterschied zwischen „gerissen“ und „genommen“ gibt. Mein Großvater wurde der Menschheit genommen, über eine lange Zeit, bis er keine Kraft mehr hatte. Die Opfer vom A320 wurden aus dem Leben gerissen – brutal und erbarmungslos. Doch hier und jetzt, war der 24. März ihr Tag. Ganze ehrlich liebe Leser, ich bin weiß Gott kein gläubiger Mensch, doch seit einer Stunde bete ich den Himmel an, in der Hoffnung, dass es allen gut geht.

Die Nerven schwinden: Irgendwo zwischen Schmerztablette und Bronchicum lief ich rüber in die Küche und versuchte mich an der neuen Espresso Maschine. Ich wollte endlich klarer denken, mich zusammenreißen, irgendwas Schlaues von mir geben. Mittendrin High-Performance: Zwischen dem ganzen Getaumel aus vorhin und jetzt hab ich sogar noch mit ’nem Kunden telefoniert. Wenn im Büro keiner rangeht, werden Anrufer automatisch auf mein Handy weitergeleitet. Doch erstaunt es mich, mein Job-Face funktioniert ähnlich wie mein Doc-Face bei Dr. J. – keiner merkt was. Bis jetzt zumindest.


Nur heute bin ich am schwächeln – sehr sogar. Es ist zu viel. Von allem. Zu viel Denkerei. Ich muss an so viele und so vieles denken und weiß nicht wohin mit meinen Gefühlen. Die Menschen da draußen – Liebende von uns allen, die uns genommen wurden. Von jetzt auf gleich – ohne Vorwarnung. Zeiten wie diese zerstören mich, sie zerstören uns. Seit Jahren. Momente, die man ohnehin nur schwer zulassen will, weil sie deutlich zeigen, dass Menschen, wenn sie erst einmal in einer gewissen Weise gebrochen sind, niemals wieder „ganz“ in Ordnung kommen! Eine feste Regel, von der keiner spricht, wenn du jung bist. Ich weiß, wieso auch! Doch ist es ein schmerzhafter Prozess und es fällt mir zunehmend schwerer zuzusehen, wie Menschen an ihren Situationen zerbrechen. Immer wieder. Egal wie alt. Egal ob nah. Oder fern.

Du kommst also nicht umhin, dich zu fragen, ob du der nächste in der Reihe bist oder ob es gar schon geschehen ist. Heute, so viel ist sicher, bin ich ziemlich nah dran.



#irefDASBINICH
Unter #irefDASBINICH wird sich förmlich vorgestellt. Was treibt dich an, worauf stehst du, wie verbringst du deinen Tag?