Liebe Leser, in der Regel fällt mir der Abschied nicht schwer – doch nicht vergangenes Wochenende. Vergangenes Wochenende wurde ich überrascht; überrascht von einer Stadt, von der ich immer glaubte sie zu kennen. Zürich, die große Kleinstadt oder kleine Großstadt, internationaler Finanzplatz oder Trendbarometer in Zentraleuropa: Für was auch immer sich der Reisende entscheidet, nur ein Wort wird der Stadt nicht gerecht. Fakt ist, hinter dieser Stadt steckt ordentlich Power – Schweizer Power.

Das gefiel mir und hielt mich fest: Tatsächlich wollte ich nicht mehr nach Hause, weil ich mich bereits zu Hause fühlte. „Heimat“ ist scheinbar ein sehr dehnbarer Begriff, denn wirklich vergleichen kann man Zürich und Berlin mit Sicherheit nicht. Doch all zu oft ertappte ich mich in Situationen und Momenten, die ich in Berlin vermisse und welche in Zürich allgegenwärtig waren. Im Detail hab ich’s in drei Absätzen zusammengefasst.

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EINFACH MAL INS WASSER SPRINGEN – ÜBERALL ZU JEDER ZEIT

Während ich die Schwäne in der Plörre am Berliner Landwehrkanal nur bedauern kann, lacht sich das Vogelvieh in den Züricher Gefilden nahezu täglich ins Fäustchen. Ganze 40 Badeanstalten im Umkreis von 12 Kilometern verwandeln alljährlich die Stadt in ein einziges Planschbecken. Im Vergleich zu anderen Städten verlässt der Reisende das Wasser hier mal nicht mit Juckreiz, sondern kann den Schnabel gar nicht weit genug aufreißen: Die Wasserqualität ist derart hoch, dass allein der Zürichsee die halbe Region mit Trinkwasser versorgt und lt. Eigenangabe in weniger als 7 Stunden wieder gereinigt ist.

Apropos Trinkwasser: Wann habt ihr das letzte Mal bedenkenlos an einem Brunnen genuckelt? In Zürich kein Problem, über 1200 Trinkwasserbrunnen versorgen Einheimische und Besucher mit bestem H₂O. Quasi an jeder Ecke kann man sich erfrischen und auftanken – eure Pfandflaschen lasst ihr daher getrost zu Hause.

Welchen Plansch-Spot sollte man nicht verpassen? Zwar hatte ich nur wenig Zeit, doch besonders empfehle ich die Badeanstalten an der nördlichen Limmat. Es ist nicht nur sexy dort abzuhängen oder in einer der sogenannten Badi-Bars im sommerlichen Rausch zu versumpfen, die Limmat ist auch von überall gut erreichbar.

Nebenbei bemerkt, auch das Thema Erreichbarkeit verliert sich schnell im Diskurs – die Züricher haben ihre Hausaufgaben wirklich gemacht. Die Region zeichnet sich durch hervorragende Erreichbarkeit und Infrastruktur aus. Das fängt beim nahegelegenen Flughafen an und endet bei den Gratis-Velos. Exakt: Von 10.00 Uhr morgens bis 22.00 Uhr abends wird hier kostenlos geradelt. Einzig vorzulegen ist eine Depotgebühr von 20 Franken und ein gültiger Ausweis.

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KUNST, ARCHITEKTUR, DESIGN: HIER HERRSCHT HOCHKULTUR

Zürich ist reich an kulturellen Höhepunkten. Mit über 50 Museen und mehr als 100 Galerien ist Zürich eine der führenden Kunsthandelsstädte der Welt. Mit Hochkultur auf der Bühne verführen die Zürcher Kulturhäuser wie das Opernhaus, das Tonhalle-Orchester sowie das Schauspielhaus Zürich.

Doch was der Kenner wirklich zu schätzen weiß ist die erstklassige architektonische Stringenz: Design, Baukunst, der perfekte Mix aus alten und neuen Einflüssen ist meist ein sehr schmaler Grat und wird Besuchern gerne mal unfertig präsentiert. Nicht in Zürich; hier rangieren die besten Architekturbüros der Welt und obendrein ist klar erkennbar, dass Kunst und Design nicht nebenher, sondern miteinander existieren.

Bestes Beispiel Zürich West: Das frühere Industriequartier im Umkreis vom Escher-Wyss-Platz und Hardturm verändert sich wie kaum ein anderes Gebiet in Zürich. Frequent Traveller sind erst mal wenig überrascht – die meisten Städte bieten mittlerweile ein eigenes „Viertel im Aufbruch“, in Kopenhagen oder Hamburgs sind es die Hafencities, in London wird viel Hoffnung auf die Dock Lands gesetzt – und funktionieren zu Teilen mehr recht als schlecht. In Zürich hingegen wurde weiter gedacht, die moderne Vernetzung aus Alt und Neu reiht sich perfekt ins Stadtbild ein und das prägende Industrial Design wirkt nicht nur kühl und karg. Ferner gilt das Westend unlängst als beliebte Meile und Melting Pot der Kreativszene, in der man gut und gerne den ganzen Tag verbringt, feiert, arbeitet oder gleich einzieht.

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BESTE QUALITÄT ALS BASISSTANDARD

Selbstverständlich haben wir fürstlich diniert! Zum Beispiel hoch droben im „Clouds“, das Restaurant im Prime Tower, dem höchsten Gebäude der Stadt.

Oder ein Frühstück in den unverwechselbaren Räumlichkeiten des B2 Hotels, einer ehemaligen Brauerei, bevor es hoch aufs Dach, zum wohl schönsten Spa Zürichs geht. Selbst die Snacks zwischendurch, das Fingerfood in den Badi-Bars – egal ob klein oder groß, in Zürich wird nicht nur hochwertig gespeist, hier wird hochwertig gelebt, gewohnte Standards aus nördlichen Reihen würden sich hier nicht durchsetzten.

Passend dazu, das Beispiel Hiltl. Laut Guinness World Records ist es das älteste vegetarische Restaurant der Welt. 1898 in Zürich eröffnet, wird es heute in vierter Generation durch die Familie Hiltl geführt. Was einst in einem „Wurzelbunker“ begann, wurde über drei Generation zum führenden Experten in Sachen vegetarischer Lebenskultur mit 200 grünen Mitarbeitern. En détail bekommt der Gast hier High End Food Kreationen serviert und vermisst auf dem Teller einfach mal gar nichts – vor allem kein Fleisch. Wer hier nicht aufschlägt, hat nicht nur „das perfekte Dinner“ – er hat auch ein Stück Schweizer Geschichte verpasst.

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AUF BALD ZÜRI

Als rhetorische Klammer halte ich fest: Sicher, in meinem Job genieße ich das Privileg, Städte, Länder und verschiedenste Kulturen auf eine Art und Weise zu erleben, wie es der klassische Tourist nur selten erlebt oder – und auch das ist mir bewusst – es sich häufig nicht leisten kann. Ein Aufenthalt in Zürich kostet definitiv Geld – doch sei an dieser Stelle gesagt: Das Portfolio von der Stadt ist sehr flexibel. Zwei Drittel meiner Tour hat gar nichts oder wenig gekostet. Selten zahlt man Eintritt, die Fortbewegungsmittel sind teilweise sogar umsonst. Es ist also wie auf jedem Trip, eine Sache der Priorität – doch verpassen, liebe Leser, solltet ihr dieses Schmuckstück nicht.

MEHR

Das B2 Hotel

 

Restaurant Hiltl