Alfonso_Geständnis.001

Ich war mal ein Anal-Sex-Experte. Für Frauen. In Afrika. So richtig mit Workshop und Vortrag und so. So! Jetzt ist es raus. Eigentlich wollte ich nicht darüber sprechen. Jetzt habe ich meine Meinung geändert. Ist doch ok, oder? Gut. Dann lasst es uns tun. Wir reden jetzt mal über Sex. Hastag Sex. Hashtag SaferSex. Hashtag AnalSex. Hashtag SexForMoney.

Also von vorne. Oder eben eigentlich von hinten. Also. Ich war mal ein Anal-Sex-Experte. Irgendwo in Südafrika. Irgendwo in einem Community Center. In einem Raum voller Frauen. In einem Land, wo die Armut vor den Touristen hinter Mauern versteckt wird. In einem Land, wo das Leiden vieler Menschen keine Grenzen kennt, gibt es Dinge, die wir erstmal einfach akzeptieren müssen. Und doch ist es für diese Frauen ein Wettlauf mit der Zeit. Ihre Hoffnung stirbt zuletzt. Ihre Hoffnung, die eigenen Kinder ernähren zu können. Ihre Hoffnung, weiterzuleben. Ihre Hoffnung, hiv zu besiegen.

Ich war schon oft in Kapstadt. Als europäischer, weißer Tourist stehen mir und meiner Kreditkarte immer alle Türen offen. Die Reiseführer versprechen, dass sie jede Ecke der Stadt kennen. Doch sie lügen. Sie haben keine Ahnung, wie es den Menschen hinter den Mauern entlang der Autobahnen geht. Sie wissen nichts von diesen Frauen. Außer, wo sie sie finden können, wenn sie von diesen Männern gesucht werden. Wenn sie ein Freier mal wieder benutzen will.

Ich sitze ganz hinten im Raum und lausche dem Vortrag eines HIV-positiven Mannes aus Berlin, der für Ärzte Ohne Grenzen unermüdlich und voller Lebensenergie den Frauen erzählt, dass sie ihre Medikamente regelmäßig und ordentlich einnehmen sollen. Dass sie die Therapie jeden Tag zur gleichen Zeit durchführen müssen. Aber woher sollen die Frauen wissen, wann der Zeiger acht, neun, zehn Uhr schlägt. Diese Frauen besitzen keine Uhr. Sie haben nie eine besessen. Der Mann sagt, schaut zur Sonne. Wenn sie hochsteigt, Mund auf und schluckt.

Die Frauen haben Kondome und Gleitcreme eingepackt. Und sie haben viele Fragen. Was passiert, wenn ich? Wie ist es, wenn? Stimmt es, dass es so ist, wenn? Diese Fragen werden immer und immer wieder gestellt. Daran haben sich alle schon gewöhnt. Doch eine Frage unterbricht die Routine. Wie macht man Analsex richtig? Es klingt in meinen Ohren wie ein Schrei der Verzweiflung.

Vereinzelt kichert jemand. Der Referent ist ein lustiger Mann, der immer für einen Scherz zu haben ist. Ich kenne ihn gut, er ist ein Freund von mir. Ein Freund. Dachte ich. Bis zu diesem Zeitpunkt. Denn er schaut die Frauen an und verkündet, dass er heute genau zu diesem Thema einen Experten mitgebracht hätte. Einen Anal-Sex-Experten aus Deutschland, der ihnen alle Fragen zum Thema beantworten könne. Er verlässt sein Podium, läuft auf mich zu, ruft meinen Namen aus und im Applaus der Frauen höre ich noch, wie er mir zuflüstert: „Du wolltest dich engagieren. Bitte, jetzt darfst du!“

Ich laufe wie ferngesteuert nach vorne und schaue in ihre erwartungsvollen Gesichter. Na super! Als Moderator bin ich diesen Gang schon oft gegangen. Jetzt zittern mir die Knie. Warum? Ehrlich gesagt, ich schäme mich dieses Thema mit Frauen zu besprechen. Ich atme ein und sage in einem zitternden Englisch: „Guten Tag, ich bin Alfonso Pantisano. Ich bin ein schwuler Mann und ich bin heute ihr Anal-Sex-Experte.“ Und die Frauen? Sie klatschen wieder.

Ja, ich habe tatsächlich gesagt, dass ich schwul bin. In Afrika. Was ist nur mit mir los? Und noch viel mehr: Was ist los mit Kapstadt? Warum wollen diese Frauen unbedingt lernen, wie Anal-Sex funktioniert? Die Antwort ist recht einfach. Mit dem Internet sind viele Pornofilme aus Europa und Amerika ins Land eingereist und die Freier wollen das jetzt ausprobieren. So ist das nun mal. Und es lohnt sich für die Frauen. Für Anal-Sex bekommen sie zehn Euro mehr. Und wenn sie es nicht anbieten, bleiben ihre Kinder hungrig. So einfach ist das.

Und so sitze ich jetzt hier und beantworte eine Frage nach der anderen. Es wird immer intimer. Mit jeder Antwort zum möglichen Schmerz und zur guten Vorbereitung merke ich, wie dankbar sie alle sind. Und ich? Ich schäme mich so sehr. Für mein schönes Leben. Und für unsere Gesellschaft, die mit zehn Euro-Scheinen die Würde meiner neuen Freundinnen in Geiselhaft nimmt. In was für einer Welt leben wir eigentlich?

Ich war mal ein Anal-Sex-Experte für Frauen in Afrika. Das musste ich jetzt erzählen!

#irefGESTÄNDNIS
Unter #irefGESTÄNDNIS erzählt man, was man eigentlich nicht erzählen wollte. Hier ist Platz für guilty pleasures, geheime Verliebungen und verjährte Straftaten. Aber eben auch für ein mutiges Bekenntnis.