Der Berliner Stadtteil Neukölln ist bis vor wenigen Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung primär durch sein Image als Problemviertel aufgefallen, in dem sich vor allem einkommensschwache Haushalte und Familien mit Migrationshintergrund konzentrierten. Negative Wohnquartierseffekte wie eine Zunahme sozialer Konflikte und ein oft desolater Zustand der Bausubstanz führten zu einer selektiven Abwanderung finanziell bessergestellter Haushalte, denen es möglich war, zwischen verschiedenen Quartieren zu wählen und einen attraktiveren Wohnstandort aufzusuchen. Zurück blieben so randständige und sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen, die auf kostengünstige Wohnpreise angewiesen waren und nur wenige Alternativoptionen auf dem Immobilienmarkt finden konnten.

Infolge dieser sozialen Entmischung entstand in Neukölln ein homogenes unterprivilegiertes Milieu, woraufhin sich das Ansehen des Bezirks weiter verschlechterte. 2006 geriet Neukölln darüber hinaus in die überregionalen Berichterstattungen als sich die Direktorin der “Rütli-Oberschule” mit einem öffentlichen Hilferuf an den Senat wandte und über eine nicht zu bewältigende Aggressivität ihrer Schülerschaft berichtete. Durch den medial inszenierten Skandal um gewalttätige Schüler und eine “Ghettoisierung” des Viertels entstand so eine öffentliche Stigmatisierung Neuköllns als sozialer Brennpunkt.

Die neue Wohnbevölkerung Neuköllns hat die Lenau-Stuben wiederbeliebt

Aufwertungsprozess eines Quartiers

In den letzten Jahren hat sich in Neuköllns nördlichsten Straßenzügen allerdings ein Umstrukturierungs- und urbaner Transformationsprozess entwickelt, da der Bezirk von der Kultur- und Kreativbranche, bestehend aus Musikern, Überlebenskünstlern und Studenten, entdeckt wurde. Weil die Mietpreise im beliebten Kreuzberg in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen waren und sich Studenten und junge Künstler den Bezirk nicht mehr leisten konnten, mussten viele nach alternativem Wohnraum suchen. Neukölln grenzt an Kreuzberg, nur dass man sich nun auf der anderen Seite des Landwehrkanals befindet und Mieten wesentlich günstiger ausfallen. Gerade studentische Haushalte, die in der Umgebung des szenigen Kreuzberger Milieus bleiben wollten, siedelten sich so in Neuköllns Norden an. Insbesondere das Gebiet um den Reuterplatz wurde immer mehr zu einem Ort der kulturellen und ethnischen Heterogenität und zu einem Selbstentfaltungs- und Möglichkeitsraum. Schon bald entstanden die ersten Cafébetriebe, Ateliers und Start-up Unternehmen im Medienbereich und noch immer vergeht kaum ein Monat, in dem kein neues Gewerbe im Reuterquartier eröffnet, woran sich erkennen lässt, dass der Veränderungsprozess des Viertels noch nicht abgeschlossen ist. So können Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen hier an weiteren Entwicklungsprozessen teilhaben und beleben das Viertel, indem sie in leerstehenden Gewerberäumen unkommerzielle Projekte initiieren.

Sozialer Wandel und neue Lebensstile

Durch die räumliche Konzentration von jungen Kreativen aus aller Welt zeigt sich in Nord-Neukölln allerdings nicht nur eine neugewonnene Vielfältigkeit ganz unterschiedlicher Lebensstile, sondern auch ein damit einhergehender Wandel des Infrastrukturangebots. So unterschiedlich wie die Biographien der einzelnen Anwohner sein mögen, sind auch ihre alltäglichen Bedürfnisse. Aufgrund der wachsenden Kaufkraft im Kiez entstehen so neben türkischen Teestuben, Ramsch- und Discounterläden in den letzten Jahren eine immer höhere Dichte an Bioläden, Cafés und kleine Vintageboutiquen, die mit ihrem Angebot gezielt die Bedürfnisse der neuen hippen Bewohner stimulieren. Einkaufen soll hier zum Erlebnis werden und nicht nur notwendige Besorgung. Denn auf der Weserstraße wird seit geraumer Zeit nicht mehr nur Gemüse und Chai Latte, sondern ein bestimmtes Lebensgefühl verkauft. So können sich Gewerbe, für deren Waren es noch vor kurzer Zeit kaum Abnehmer gegeben hätte etablieren, wobei sich eine bereits angestammte Bewohnerschaft in dem neuen Warensegments oft nur schwer wiederfinden kann. Das kann bei dieser so schnell zu einer Abnahme des Zugehörigkeitsgefühls in der von ihnen einst so vertrauten Nachbarschaft führen.

Hippe Studenten und Alteingesessene trinken auf der Weserstraße oft am selben Tisch

Erste Anzeichen von Verdrängung

Anzeichen einer weiteren Veränderung zeigte sich als das “Freie Neukölln”, Urgestein der Weserstraße und einst erste Kneipe im Kiez, am Silvesterabend 2014 seine Pforten für immer schließen musste. Jetzt soll es gegen ein glattpoliertes Restaurant ausgetauscht werden, das wie man munkelt, die doppelte Miete bezahlen wird.
Durch den Wandel im vermeintlich angesagtesten Kiez der Spreemetropole kommen aber auch erste Stimmen der Gentrifizierungskritiker auf: Sie warnen vor der Verdrängung von Langzeitbewohnern und dem daraus resultierenden atmosphärischen Verlust, wenn eben genau die Menschen, die das Viertel einst prägten, durch steigende Mieten in andere Stadtteile abwandern müssen.
Ist es aber nicht irgendwie ironisch, dass oft genau die Leute, die sich am lautesten über den gentrifizierten Stadtteil der Stunde beschweren, abends in Hipsterläden wie dem Beuster mit ihrem Moscow Mule am Tresen sitzen oder sich in Cafés mit abgezogenen Wänden und 60er Jahre Möbel-Mix ihre Bestellungen auf geblümtem Flohmarktgeschirr servieren lassen. So sind eben auch die, die oft am meisten schimpfen, Teil eines Prozesses, weshalb hier in Nord-Neukölln von Problembezirk so gar nichts mehr zu spüren ist und alles so schön hip geworden ist.

Auch in der Zukunft wird es wohl spannend bleiben, diesen Stadtteil voller Pioniergeist weiter zu beobachten und zu verfolgen, wie diese bunte Menschenmischung durch ihre unterschiedlichen Kulturen und Lebensstile den Bezirk prägen – hoffentlich noch lange in einem produktiven Austausch zueinander.

Titelbild © Sebastian / Streetart Neukölln