Fangirls 2.001

Ich wäre total gerne abgebrüht und Rock ‚N‘ Roll genug, um durch den Nebel einer filterlosen selbstgedrehten Zigarette zu hauchen, dass ich einfach mein Ding mache. Alles easy. Kajal vom Vortag zurecht schmieren, den Mund mit Bier ausspülen, Glitzerboots an, Gitarre um. Always ready to rock. In Wirklichkeit renne ich vor größeren Bandevents panisch umher auf der Suche nach dieser Coolness. Sie war doch gestern noch… Wo zur Hölle… Ob das, was ich dann kurz vor knapp gefunden habe, Coolness war, oder nur etwas, das so ähnlich aussah, zeigt sich meist erst, wenn es schon vorbei ist.

Neulich versetzte mich ein anstehender Videodreh für einen Berliner Musikblog in diesen Suchmodus. Der erste Vorgeschmack auf unsere EP. Interview und Performance, beides hintereinander. Ich würde es also gleich doppelt schaffen müssen, eine Mischung aus mir, „Arabella“ aus dem Arctic Monkeys-Song und allen Musikern, in denen ich mich je gesehen hatte, zu sein. Im besten Fall würde ich in Bier und Glitzer getränkte Emotionen vermitteln. Im schlechtesten Fall würden der Geschmack von Kamillentee und die Gemütlichkeit eines Nicki- Pyjamas mitschwingen. Letzteres passt eher weniger zu unserer Musik und meiner Selbstwahrnehmung, ist aber definitiv ein genuiner Teil meiner Person. In anderen Kontexten schön, im Bandkontext eher unpassend.

Diese gewisse Coolness auszustrahlen, ganz ehrlich und ganz ohne Arroganz – das ist sowieso eine Kunst. All meine musikalischen Vorbilder beherrschen sie, unter anderen Alison Glitzer-auf- zerschlissenen-Jeans Mosshart von The Kills, Karen oh-so-awesome O von den Yeah Yeah Yeahs und Sarah mit-Anmut-moshen Barthel von Phantogram. Warum können die das so gut? Ich denke nicht, dass sie sich verstellen, um meiner Vorstellung der perfekten Indierock-Göttin zu entsprechen. Wobei sie schon recht viel Zeit in meinem Kopf verbringen – vielleicht hat das ja nicht nur mich, sondern auch sie beeinflusst.

Während ich also versuchte, meinen Swag exponentiell aufzudrehen, damit die angepeilte Coolness bis zum Dreh Nachmittags wahrnehmbar sein würde, gab es noch einige konkretere Dinge zu tun. FANGIRLS mit Leuchtfarbe an die Wand meines neu bezogenen und daher noch optimal für solchen Schabernack zu missbrauchenden Zimmers zu malen. Das ganze Equipment zu verkabeln und zum laufen zu bringen. Den Song noch einige Male zu proben. Häppchen für die Crew vorzubereiten. Bier zu holen. Zu duschen.

Leider endeten unsere Vorbereitungen abrupt bei Punkt drei (den Song noch einige Male proben), als mir nämlich 230 gemeine Volt durchs Mikrofon in die Fresse schossen. Man kann das nicht hübscher ausdrücken. Voll in die Fresse. In Worte zu fassen, wie sich das anfühlte, ist schwierig. Vielleicht so etwa wie der Kuss eines Dementors. Was direkt danach geschah, ist eher nebulös. Ohne direkt zu verstehen, dass ich gerade ins Gesicht getasert wurde, beinhalteten meine ersten natürlichen Reaktionen Schreien, Weinen, Schmeißen (die Gitarre auf den Boden nämlich). Dramaturgisch war es sicher ein Fest. Dann Herzrasen. Kribbelnde Hände. Rote Pusteln an Hals und Brust. Ich bin erst 25, es war also zwei Jahre zu früh für den ultimativen Tod. Zumal ich unsere Debut-EP nicht als den Zenit unserer Karriere sehe. Sebastian, Herr Bandkollege, googelte frenetisch etwas wie „Stromschlag Altbau Mikrofon Mund“. Ich saß apathisch zitternd daneben und versuchte, mich zusammenzureißen. In meinen ersten klareren Gedanken war ich hauptsächlich damit beschäftigt, herauszufinden, welche körperlichen Reaktionen dem Elektroschock geschuldet waren und welche dem Schreck-Schock. Als großartiger Selbstdiagnostiker kam ich zu dem Schluss, dass der Schreck-Schock Schuld war. Ist ja auch das bessere Wort. Bandkollege und Mitbewohnerin zwangen mich dann aber doch dazu, meine Jogginghose richtig zuzuschnüren und dem Krankenhaus einen Besuch abzustatten.

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In höchst gammeliger Montur die öffentlichen Verkehrsmittel zum Krankenhaus zu nehmen, nachdem man bei der Bandprobe mit dem Mikro elektrifiziert wurde – hatte ich womöglich die wahre Coolness gefunden? War dies der rock ’n‘ rolligste Moment bis dato? Ich hing einige Stunden an Tropf und EKG, und der Gedanke, dass dies sich schon allein der Geschichte wegen gelohnt hatte, dass ich den Gipfel der für mich möglichen Coolness erklommen hatte, dass Alison, Karen und Sarah stolz auf mich wären, ließ mich nicht mehr los. Außerdem spielten wir einvortreffliches Spiel, das es vorsah, meine Herzfrequenz in die Höhe zu treiben. Ruhepuls um die 60. Man zeigte mir zum Beispiel auf dem Handy die oben-ohne-Szene von Brad Pitt in Thelma and Louise: 88. Hundewelpen: 118. Kätzchen: 122. Mein persönliches Rock ’n‘ Roll-Credo.

Die Frage mit der wahren Coolness beantwortete sich jedoch spätestens, als ich nach vier Stunden EKG die Vogue von meinem Schoß schob, die Elektroden von meinen Brüsten schälte, meine Unterschrift unter den Selbstentlassungsbogen setzte und mich mit meiner Lederkutten- Entourage auf nach Kreuzberg zum Burger essen und Cocktail trinken machte. Vielleicht ist es traurig, aber ich habe mich noch nie so cool gefühlt. Die Musik war schon zuvor das wichtigste für mich, das, was ich machen wollte, das, wobei ich mich am wohlsten fühlte, mit allen Unsicherheiten und allen Verlegenheiten. Doch nach diesem Stromschlag bin ich bereichert, ich habe sie gefunden, die ominöse, anrüchige, tollkühne Coolness, und ich werde sie fest umklammern. Bis Alison, Karen, Sarah und ich bei Bier und Kamillentee über unseren Bandalltag plaudern.

Monya x

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