Die berühmt berüchtigte Buchautorin und Journalistin Wäis Kiani veröffentlichte letzte Woche einen Artikel zum Verfall der Luxusmode. Sie hält so ziemlich alles, was auf den internationalen Laufstegen präsentiert wird, für billigen, uninspirierten Schrott. Darauf antwortete David Jenal, Autor bei dem Modeblog Dandy Diary, in knapper Form: er findet Wäis Meinung reaktionär, unzeitgemäß und elitär. Er schwenkt die Fahne eines jungen, bunten Stil-Pluralismus.

Da ich diese Woche unzählige Male auf beide Artikel angesprochen wurde, kann ich nicht umhin, mich – trotz meiner eher neutralen PR-Position – kurz einzuschalten. Aktuell wird die Entwicklung der Luxus-Designermode stark diskutiert: die eine Seite behauptet Mode würde demokratischer, ausgehend von schnellen Kopisten wie Zara & Co., nun auch endlich High Fashion, die anderen hingegen befürchten, dass eben diese Mode ihren Sinn verliere, der daran läge, vor allem das weibliche Geschlecht mit kreativ und qualitativ anspruchsvoller Kleidung auf zu hübschen. Der von Wäis Kiani veröffentlichte Artikel und David Jenals Antwort darauf sind die jüngsten Beiträge dieser Auseinandersetzung.

Selten habe ich zwei so unterschiedlichen Autoren im Kern ihrer Aussage zustimmen müssen und war ob ihrer Schlussfolgerungen nach beendeter Lektüre ebenso ratlos wie zuvor. Das mag daran liegen, dass die beiden gar nicht so weit auseinander liegen – wie sollten sie auch – sie schreiben ja über das gleiche Thema, bewegen sich im selben Feld, betrachten es jedoch aus der Perspektive von zwei Generationen. Wobei anzumerken ist, das die Nachwachsende die Vorangegangene gerade in allen gesellschaftlichen Segmenten ablöst; das mag auch die etwas überhastete Abwehrhaltung des Dandies ausgelöst haben.


Ich würde die Perspektive einfach gerne erweitern und mit der Wunderwaffe Bourdieus, dem alten soziologischen Haudegen, versuchen, beide Standpunkte etwas einzuordnen: die allseits beliebte Feldtheorie. Gehen wir Kianis Konservativismus und Jenals libertären Bestrebungen auf den Grund und betrachten beides im Feld der Mode, so lässt sich schnell feststellen, dass die beiden aneinander vorbeireden: die eine spricht von Qualität, der andere von grenzenloser Auswahl. Das schließt sich unter den heutigen Produktions- und Distributionsbedingungen jedoch automatisch und nahezu kategorisch aus. An diesem Punkt kommen sie nicht zusammen und können sich nur misstrauisch gegenüberstehen. Die Fragestellung erscheint mir demzufolge zu eng gewählt. Denn was treibt das Luxussegment innerhalb der Modeindustrie eigentlich an? Beide skizzieren Ansätze einer Antwort, aber umschiffen diese allzu weit. Nennt das Kind doch beim Namen: Aufmerksamkeit. Abverkauf. Schlussendlich: Geld.

Der Kapitalismus ist dabei Mode, wie Wäis sie verstanden haben möchte, zu zerstören; ein Grund, warum David Recht hat, wenn er W#is‘ Schneiderin des Vertrauens als elitären Lösungsansatz ins Lächerliche zieht. Aber genau dieser Passus entlarvt die Positionierung des jungen Autors: Natürlich freut sich die Generation der unter 30-jährigen, wenn sie mit erschwinglichen Kopien von Designerteilen am Modezirkus teilhaben kann. Das dabei der Unterschied zwischen Original und Kopie zunehmend verschwimmt ist ja nichts modespezifisches, sondern einfach wieder dem Kapitalismus geschuldet: Die chinesische Werkbank produzierte in der letzten Dekade eben beides – Original und Kopie, und das fast zum gleichen Produktionspreis. Das dann Marketing-, PR- und Werbe-Aufschlag, den VK des Rockstud ins Unendliche treiben, liegt in der Natur der Sache. Da hilft dann vielleicht noch gerade die von Wäis propagierte Flucht in die Toskana, aber let’s face it, der italienische Stil kommt zwar recht pläsierlich daher, ist aber nicht unbedingt jedermanns/fraus Sache.

Es gab eine Zeit, liebe Wäis, da konnte sich zum Beispiel mein Großvater noch Maßhemden leisten, und meine Großmutter einen Gesamt-Look, der bis zu den abgestimmten Roeckl-Hanschuhen und Kaiser-Pumps mit Hut und Tasche dutzendmal in allen Farben des Regenbogens in ihrem Kleiderschrank hing. Und bei Gott, ich komme nun wirklich nicht aus einer wohlhabenden Familie. Das hatte dann irgendwie auch schon etwas Zara-eskes, doch lag es an dem damaligen Stundenlohn einer Schneiderin und den geschlossenen Märkten, dass den beiden dies möglich war. Und David, ich freue mich ebenfalls, dass es heute mehr Auswahl gibt als schwarze Acne-Jeans und dunkelblaue Jil Sander-Blusen. Es ist anzumerken, dass die historische Einordung hier nicht ganz stimmt, denn Wäis spricht von den echten Jil Sander-Teilen, und zu deren Zeiten gab es noch keine Acne-Jeans. Doch ist da draußen, ob im Top-Segment, oder in der Masse, so viel Müll, dem wir nicht hinterher weinen werden, dass selbst eine Kim Kardashian es zu ihren Lebzeiten nicht schaffen würde, sich in jeden Look zu zwängen, der in ihrem Schrank hängen mag.


Wie man es dreht und wendet, Wäis hat recht mir ihrer Aussage, dass das Ende der Fahnenstange erreicht ist, und dem wird auch David aus seiner Perspektive zustimmen müssen, wenn beide diese nach der richtigen Fragestellung ausrichten würden: ein Mehr an Auswahl, ein Mehr an Mode, ein Mehr an Mustern, Schnitten, Design, Materialmix usw. sind weder möglich, noch nötig. Technologische Neuerungen, ja. Aber wir brauchen doch nun wirklich keine Jacke mit drittem Ärmel.

Der Kapitalismus hat es geschafft und das System der Mode – um es mit Niklas Luhmann, dem anderen Helden der Soziologie, zu formulieren – okkupiert. Geld dominiert mehr denn je als das bestimmende ‚Kapital‘ das Feld der Mode, und nicht mehr Qualität, Sitz, Perfektion, wie es einmal war. Das kann sich ändern, muss es aber nicht. Denn gepaart mit der Entwicklung im Bereich der Medien haben sich die spezifischen Strategien verändert, mit denen die Marken Aufmerksamkeit generieren und den Abverkauf steigern. Daher die Blogger-Inszenierungen, der kurzlebige Erfolg von Vetements und die stark abnehmende Halbwertzeit von Top-Designer und ihren Engagements bei den großen Häusern. Die Welt dreht sich weiter, das ist richtig erkannt, die Spirale dabei aber immer schneller. Es ist ja nicht so, dass wir diese Entwicklung nicht kennen würden: Spannend ist hierzu die Geschichte des vielbesprochenen Hauses Gucci, the Rise and Fall der letzten 30 Jahre; dazu gibt es Bücher, Aufsätze und Artikel en masse.

Dementsprechend vermisse ich bei beiden Autoren, dem jungen, schlauen und neugierigen David, sowie der erfahrenen, scharfsinnigen und kritisch betrachtenden Wäis die Frage, Diskussion und Antwort nach dem What’s next. Beide liefern eine reine Bestandsaufnahme. Die eine ist konservativ – im wahrsten Sinne des Wortes – denn wahre Qualität hat im globalen Hyperkapitalismus einfach keinen Platz mehr, außer bei den oberen 2% der Finanzelite. Die andere etwas populär und unbedarft – geben wir doch zu, dass die Entscheidung 4000€ für ein Kleid auszugeben, natürlich eine ganz persönliche ist, aber der Konsument heutzutage noch weniger aufgeklärt daherkommt, und das gerade trotz und wegen der Über-Information.

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Interesting read hinsichtlich Luxusmode für Eliten und der Copycat Economy als Katalysator und Totengräber von Fashion-Trends gibt es hier.