Ich ertappe mich in letzter Zeit, öfter mal in den virtuellen Gebrauchtwarenläden zu stöbern, nach alten, verstaubten Büchern und Journalen zu suchen und immer häufiger flattern diese in letzter Zeit ca. drei Tage später in meinen Briefkasten. „Och nee, Print?!“ würde Norman jetzt mit einem Schmunzeln im Gesicht sagen (Ein Küsschen an dieser Stelle), aber für mich, das habe ich nun endlich herausgestellt, spielt diese Haptik des Buches halt einfach irgendwie eine Rolle. Eine Hauptrolle, keine Nebenrolle. Eine Rolle, die kein Interface, keine Oberfläche und kein Display dieser digitalen Welt ersetzten kann. Das Buch hat einfach einen konkreten Wert, etwas Greifbares. Vielleicht machen Bücher auch einfach echt sexy und ich wollte mal herausfinden, wie mir das so steht. Aber vielleicht gefällt mir auch einfach das Gesamtpaket: Der moderne Mensch mit Buch. Lässt man den Blick sonst schweifen, reiht sich ein ausdrucksloses Gesicht an das andere, fast in die Hynose bestrahlt von Screens und Displays aller Art, klein oder groß. Oh ja, Bücher machen sexy.

Dazu kommt, dass mir das viele leere und anspruchslose Geplemper, das 24/7, non-stop in angsteinflößender Geschwindigkeit unaufhörig durch das Netz gepumpt wird, gehörig auf’s Gemüt schlägt. Das soll keineswegs ein Pauschalurteil sein, nein nein, nur eine Bemerkung, eine kleine Randnotiz, dass vieles – wohlgemerkt nicht alles – womit man sich befasst in dieser überladenen Welt, einfach keine Rolle spielt.

So kam es, dass ich mich letzte Woche mit einem Thema befasste, ursprünglich für Unizwecke. Etwas nerdy, das Thema – sagen die einen. Ganz schön interessant, spannend und relevant, sage ich. Es ist der Kosmos des „Interfaces“. Immer mal wieder ploppt dieser Tage in meinem Kopf die Frage auf, was denn diese smarten, hübschen, kleinen und großen Oberflächen, die uns die Oberflächlichkeit nonstop zugänglich machen und deren Glätte nach einem großartigen Philosophen namens Byung Chul-Han „das Charaktermerkal unserer Gesellschaft“ ist, denn eigentlich so für uns bedeuten. Ich meine nicht jetzt und gleich, sondern eher so längerfristig. Jeder, der, so wie ich viel und gern in den sozialen Netzwerken partizipiert, der es liebt sich von anderen Menschen inspirieren zu lassen, der am liebsten heute schon die ganze Welt gesehen hätte und morgen zum Mond fliegen würde – der muss doch irgendwann einmal an den Punkt geraten, wo das alles irgendwie ein bisschen abstrus, ja nahezu absurd erscheint. Kann das denn alles möglich sein?

 

„Interfaces“, das sind Schnittstellen, die der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine dienen. Das heißt für uns: Displays, Screens, Mäuse, Tastaturen, Kameras, Videospiele, Sounds von Kraftwerk und ganz viele andere, mehr oder weniger schöne Dinge. Unter anderem suggerieren diese Interfaces uns die Kommunikation mit der mittlerweile ganz schön fetten, öligen Schicht der Oberfläche, die sich als dicker Film über der Unter-Oberfläche befindet. Was uns alle verbindet, ist aber genau diese Oberfläche. In dieser teilen alle ihre positivierten Leben, ihre schönen Momente. In einer Welt, in der die Negativität an Charme verloren hat, hat es sich eingeschlichen, dass alles im Positiven erscheinen muss. Deswegen ist das alles auch so verzerrt – und deswegen klopft es immer mal an, beim lieben Verstand, was das denn eigentlich soll. Weil man eben selber weiß, dass man sich oft einfach in eine oberflächliche Hülle zwingt. Weil man sich dem hingibt, weil die Positivität die neue gesellschaftliche Konvention ist, so wie es vor einigen Jahren (und mancherorts auch heute noch) noch die Jungfräulichkeit vor der Ehe war. Weil man ein Teil der Oberfläche sein will. Weil die Oberfläche schön ist, weil die Oberfläche uns verbindet. Weil wir sonst nämlich alle gar nicht so ähnlich sind, wie es immer aussieht. Weil mir nämlich alle anders sind, das müssen wir uns gar nicht vormachen. Das sollen sich vor allem mal die hinter die Löffel schreiben, die sich immer darüber beschweren, dass alle gleich sind. Sind sie nämlich nicht. Das ist schon ganz grundsätzlich so. Uns gefallen halt einfach die schönen, oberflächlich erscheinenden Dinge. Und das ist auch vollkommen okay so, wenn ihr mich fragt.

„We see what we want“ – Source: Tumblr