DASS DIE ZEIT FLIEGT… ist keine Neuigkeit. Und trotzdem trifft es einen immer wieder mitten in’s Herz, wenn man wieder einmal feststellt, wie viel Zeit seit dem letzten Mal, als man darüber nachgedacht hat, schon wieder vergangen ist. In diesem Sinne:Happy birthday to me, ich werde drei.

Am 03. Juni 2012  bin ich mit ein paar Müllsäcken vollgestopft mit meinen Klamotten in die Hauptstadt gekommen. Mutti hat es nicht geschafft, ihre Tränchen während der gesamten Autofahrt zu unterdrücken – ich bin die Älteste, das erste Vögelchen, das flügge wird.

Hätten wir damals gewusst, dass sich unsere Familie heute über zwei Hemisphären spaltet und über 12,5 Flugstunden uns trennen zwischen Berlin und São Paulo – dazu noch nicht einmal die Kinder, sondern die Eltern ausgezogen sind, relativiert sich das ganze zwar wieder – aber wie gesagt, das wussten wir damals nicht. Und somit war es selbst für eine Frau wie meine Mom, die noch drei weitere Zöglinge im Haus hat, deren hungrige Mäulchen sie auch weiterhin täglich in Form einer Raubtierfütterung stopfen müssen wird, unheimlich schwer, das erste Vögelchen fliegen zu lassen. Auch wenn Sie es mit mir als Rebell nicht immer leicht hatte – umso schlimmer, dass es für mich nicht nach Greifswald oder Buxtehude ging – nein, für Laura musste es Berlin sein – und daran führte kein Weg vorbei.

Also kam ich vor 3 Jahren nach Berlin – und ich werde an dieser Stelle nicht verleugnen, dass der Weg manchmal ganz schön hart war. Ich glaube das gebe ich das erste Mal in dieser Form zu. Ich war vorher schon oft in dieser Stadt, hab mich verzaubern lassen, Dinge gesehen, von denen man auf dem Dorf und im wohlbehüteten Zuhause nicht zu träumen vermochte und mich Hals über Kopf in das Leben hier verliebt. Dennoch habe ich mich nicht, wie manch anderer in ein gemachtes Nest gesetzt – ich kannte kaum jemanden, war neugierig und durstig nach frischem Wind in den Segeln. Ich habe Freundschaften geschlossen und das Leben mit meinen wilden 19 Jahren unsterblich geliebt, meine Übermut und Rastlosigkeit haben sich zusammengetan und ich war süchtig nach dem Leben hier – weil es so anders war, als alles was ich bisher kannte. Ich dachte, ich kann die Freiheit mit Löffeln fressen. Plötzlich war ich frei – konnte tun und lassen was ich wollte.

Als ich also mit meinen paar Säcken voll Kleidung bei meiner Freundin einzog (wohlgemerkt eine 1-Raum-Wohnung) bis ich mir selbst etwas suchen sollte, habe ich schnell gelernt, auf meine eigenen damals noch ganz schön wackeligen Beinchen zu kommen. Ich musste oft feststellen, dass das Leben hier bei weitem nicht so einfach ist – nichts ist geregelt, keiner ist zuverlässig, alles ist spontan und offen. Für mich, die sowas nicht kannte, war das oft ein ganz schön harter Brocken. Grün hinter den Ohren wie ich war, musste ich erst einmal verstehen, dass Freunde oder Bekannte, mit denen du Partys gefeiert hast, nicht die Menschen sind, die dich auch am nächsten Tag anrufen und fragen, ob du Lust hast, Kaffee mit ihnen zu trinken. Jetzt erst verstand ich, dass „Schall und Rauch“ auch eine andere Bedeutung am nächsten Tag haben kann.

Meine Naivität hat mich ganz schön oft und manchmal ganz schön gewaltig auf mein großes Mundwerk fallen lassen – und ich kann nicht verleugnen, dass ich mich ganz schön oft wahnsinnig alleine gefühlt habe. Aber ich dachte immer „what doesn’t kill you makes you stronger“ und mit jedem Tag habe ich mehr dazugelernt, die Geschwindigkeit der Stadt fühlen gelernt, mich angepasst, meine Menschenkenntnis geschult, mein Mundwerk gezügelt und vor allem habe ich gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen.

 

Das erste halbe Jahr – ohne Wohnung, ohne festen Plan, wie es mit mir weitergehen wird, die Eltern ständig im Nacken in der horrormäßigen finanziellen Abhängigkeit der Jugend und dazu der immerwährende Plan Berlin zu meinem Zuhause zu machen, wenn alle anderen es einem versuchen auszureden. Im Oktober dann, ein halbes Jahr später bin ich in meine erste Wohnung eingezogen. Wenn ich heute an das Gefühl denke, wird mir immer noch warm um’s Herz. Der Anruf vom Vermieter (…die Suche war der blanke Horror) hat eine neue Tür geöffnet. Ein neues Leben ging los, ein neues Kapitel öffnete sich, endlich hatte ich Boden unter den Füßen. Das war das schönste Gefühl. Was gibt’s wichtiger als ein Zuhause? Wenn ihr mich fragt – nichts. Das stelle ich heute immer wieder fest. Das ist der schönste Ort. Wo auch immer er ist und für wie lange./>

NUN, WIE GESAGT… dass die Zeit fliegt, ist keine Neuigkeit. Auch nicht für mich. Aber umso mehr Gefühlschaos war es, als es nun für mich an der Zeit war, wieder einen Schritt weiter zu gehen und das Kapitel, das mir eigentlich noch so jung erscheint zu schließen, um in ein neues zu starten und die Geschichte mit leichten Schliffen an der Handschrift weiterzuschreiben.

Die Geschichte beginnt, genau wie das letzte Mal mit einem Tapetenwechsel und neuen Wänden – einem neuen Boden unter den Füßen. In diesem Fall sind es jetzt Dielen, wenn es davor noch Laminat war. Die Geschichte schreibt sich weiter ein paar Meter entfernt, gar nicht weit und dennoch ändern diese paar Meter alles, weil ich älter geworden bin, vielleicht ein bisschen erwachsener. Dennoch bin ich jetzt erst wilde 22 Jahre alt, zum Glück nicht mehr gar so grün hinter den Ohren und würde behaupten, dass ich ziemlich standhaft im Leben stehe. Meistens. Nicht immer. Aber immer öfter. Kommt auf die Phase an. Wie immer also – ihr wisst schon.

Alles was ich sagen will, ist dass neue Abschnitte was großartiges sind, dass man sich einfach mal wieder in was Neues stürzen muss – eine neue Hood, neue Musik, neue Inspiration, neue Länder, neue Menschen und vielleicht in einen neuen Lieblinsgdrink. Was auch immer – nur nicht zu gemütlich werden. 

In diesem Sinne, happy Wednesday everyone.