Ein zierliches Mädchen mit Modelmaßen, umhüllt in einem transparenten Kleid mit schwarzen Lacklederdetails. Kurzrasierte Haare, schwarzer dünner Choker.

Wie eine bunte Blumenwiese wirkt dazu im Vergleich die farbenfrohe Schafsfellweste, die mit opulenten Verzierungen bestickt ist. Eine runzelige Frau in traditionellen Gewändern beäugt das Foto des Models kritisch. „Du kannst ihren ganzen Organismus sehen“ und „Sie sollte eine Kopfbedeckung tragen um ihr Haar zu bedecken“ sind nur einige der Bemerkungen die sie für das provokative Styling übrig hat. Eine Bemerkung fällt besonders ins Ohr: „Es ist die exakte Kopie der Bihor Jacke. Allerdings nicht so schön wie unsere, unsere hat mehr buntere Farben.“

Die bunte Schafswellweste stammt aus aus der Pre-Fall Kollektion 2017 des Modegiganten Dior und kostet ca. 30.000 Euro. Verantwortlich für das Design ist allerdings nicht das französische Modehaus, sondern die Vorfahren der älteren Frau, die in einem kleinen rumänischen Dorf das Gesamtergebnis analysiert: Sie lebt im Landkreis Bihor, in der die Einwohner in bunter Folklore und kunstvollen Stickereien gekleidet sind – ebensolchen, die auch in der Dior Kampagne abgebildet sind.

Von den Unsummen, für die die Designerweste über die Ladentheken dieser Welt gehen, sehen die Einwohner von Bihor nichts. Und nicht nur das: Es gibt keine Information zur eigentlichen Inspirationsquelle des Musters, die geniale Handarbeit der ethnischen Volksgruppe bleibt ungenannt.

Der modische Ideenklau ist kein Einzelfall in der Fashionbranche: Namenhafte Designer wie Louis Vuitton und Stella McCartney bedienen sich ungeniert an der breiten Produkt- und Musterpalette indigener Völker. Ob die Chiapas in Mexiko, die Maasai in Tansania oder eben die Einwohner von Bihor – sie alle sind von der sogenannten „Cultural Appropriation“ betroffen, also der kulturellen Aneignung von geistigem Eigentum ethnischer Volksgruppen, die oftmals zu kommerziellen Zwecken benutzt wird.

Bestimmte Farb- und Musterkombinationen, bedeutungsvolle Symbole und weitere Aspekte von traditionellen Kleidungsstücken werden kommentarlos für den internationalen Modemarkt übernommen. Credits? Fehlanzeige!

Das große Problem ist nämlich, dass viele Folklore-Arbeiten von indigenen Künstlern nicht urheberrechtlich geschützt sind, da es oftmals keinen eindeutigen Ideengeber oder Initiator für ein bestimmtes Design gibt. Die traditionelle Handwerkskunst ist tief in den Ursprüngen der Volksgruppe verankert und selten dokumentiert worden. Doch wie wirkt man als lokaler Künstler gegen große internationale Modehäuser ankommen? In dem man mit den gleichen Waffen kämpft: So gründete das rumänische Modemagazin „Beau Monde“ als Reaktion einfach ein eigenes Modelabel für die Bihorer Künstler – „Bihor Couture“.

Mit hochqualitativen Videos, moderner Website und kreativem Content will das Magazin Aufmerksamkeit auf die wahren Urheber der Schafsfellweste lenken und der Vielfalt rumänischer Folklore eine Plattform bieten. Dabei steht der Kunde im direkten Kontakt mit den Herstellern der Objekte.

Mit diesem kulturellen Anspruch sorgte „Bihor Couture“ sogar auf der Paris Fashion Week für Furore. Stars und Instagram-Sternchen wollten sich mit den traditionell gekleideten Frauen aus der rumänischen Provinz ablichten lassen, welche mit Komplimenten über ihre einzigartige Folklore-Kunst nur so überschüttet wurden. Hier versucht das neu gegründete Label auch, Interessenten von ihren Handarbeiten zu begeistern: Schließlich kann man die Schafsfellweste für das 60-fache weniger bei „Bihor Couture“ erwerben – und zusätzlich die wahren Designer unterstützen.

Nur einen Kunden wollen die Bihor-Frauen tendenziell nicht bedienen: „Mr. Trump, für Sie haben wir absolut keine Mäntel.“

 

Bild Credits: Bihor Couture, Youtube