„Geld macht einsam“, sagen die einen. „Geld macht sexy“, sagen die anderen. Nimmt man beides zusammen, macht Geld einsame Menschen sexy. Nach diesem Muster scheinen auch die Beziehungen zwischen jungen, attraktiven, aber finanziell meist klammen Frauen und älteren, vermögenden Herren- sogenannten Sugardaddies- gestrickt zu sein.

Das Phänomen junger Frauen, die gezielt nach Männern Ausschau halten, um sich von diesen aushalten zu lassen, findet man zwar streng genommen über die ganze Geschichte der Neuzeit hinweg, neu ist aber, dass auch andere daraus Kapital schlagen. Angefangen hat wohl alles mit amerikanischen Studentinnen, die nach einem profitablen Weg suchten, den Berg an Studiengebühren zu bewältigen, vor dem sie standen. Vom Kellnern wird man nicht reich. Wenn man einen solventen Mäzen bespaßt, schon eher.

Mittlerweile hat das Sugardaddy-Dating einen regelrechten Lifestyle hervorgebracht: zahlreiche Online-Portale bieten eine Platform für die Vermittlung von Sugardaddies und Sugarbabes an, Ratgeber und Websites widmen sich dem Thema, in Russland gibt es sogar Schulen, die jungen Frauen beibringen, wie man sich einen Oligarchen angelt.

Während diesen Online-Datingseiten nicht nur aus dem Lager des Feminismus der Vorwurf entgegenschallt, sie betrieben nichts anderes als Prostitution, steigen die Userzahlen Jahr für Jahr weiter an. Dating gegen Geldgeschenke scheint längst gesellschaftsfähig geworden zu sein.

Ist man drastisch, könnte man diese Partnerbörsen als Gradmesser unserer Gesellschaft betrachten. Ein Marktplatz der Oberflächlichkeiten, auf dem Jugendlichkeit, Schönheit und der Umfang des Bankkontos die Währung sind. Während die betuchten Männer danach streben, das Rad der Zeit zurückzudrehen, eröffnet sich für ihre weiblichen Gegenparts die Perspektive auf ein Leben im Luxus. Reisen, Mode, fancy Wohnung- den Wünschen sind in der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Am Ende bleibt trotzdem die Frage: Kann man Liebe kaufen?

In unserem Interview spricht einer der Mitbegründer von MySugardaddy, der führenden Dating-Platform für Sugardaddy-Beziehungen im deutschsprachigen Raum, über die Liebe als Geschäftsbeziehung, den Vorwurf der Prostitution und Oberflächlichkeit.

 

i-ref: Wie viele Nutzer sind auf MySugardaddy angemeldet?

MySugardaddy: Aktuell sind auf Mysugardaddy circa 100.000 User aktiv.

Wie ist das Verhältnis von Sugar Daddies und Sugar Babes?

Erstaunlicherweise sind bei Mysugardaddy mehr Frauen angemeldet als Männer. Das Verhältnis ist ungefähr 80% Frauen und 20% Männer. Die Männer werden quasi von den Frauen gejagt. Erstaunlich ist das vor allem, da bei „normalen“ Dating Seiten meist die Männer in der Überzahl sind.

Wie sieht die demographische Gruppe der Sugar Daddies aus?

Die Sugardaddies melden sich bei Mysugardaddy ab Mitte 30 an und es gibt User, die sind über 60. Im Durchschnitt sind die Männer 43 Jahre alt.

Und die der Sugar Babes?

Die Sugarbabes bei Mysugardaddy sind im Schnitt 24 Jahre alt. Das Mindestalter ist 18 und am häufigsten haben die Sugarbabes als Beruf „Studium“ oder „Ausbildung“ angegeben.

Was finden die Sugar Daddies an einer deutlich jüngeren Frau, was sie an einer in Ihrem Alter nicht finden können?

Es geht bei einer Sugardaddy-Beziehung vor allem darum, dass die Frau an dem Luxus des Mannes teilhaben kann. Dabei beträgt der Altersunterschied meist 10-20 Jahre. Es ist eher selten, dass ein 60-jähriger Mann eine Sugardaddy Beziehung mit einer 20-Jährigen hat.

Da wir nur die Plattform betreiben, können wir natürlich nicht genau sagen, mit welcher Intention sich die Männer oder Frauen bei uns anmelden. Aber vermutlich ist es die Jugendlichkeit und die Schönheit der Sugarbabes, die die Männer an den Frauen reizt.

Wie sehen die Zuwendungen in der Regel aus?

Auch hierzu können wir nur spekulieren, da wir keine Dates vermitteln, sondern nur eine Plattform zur Verfügung stellen. Es sind aber alle Zuwendungen denkbar, die Frauen Mitte 20 gerne mögen: Schuhe, Kleidung, Reisen, Geld etc.

Würden Sie sagen, Ihre Seite generiert Liebesbeziehungen oder doch im Grunde nur klar definierte Geschäftsbeziehungen nach der Devise „Tausche finanzielles gegen erotisches Kapital“?

Im gros wird es sich um Zweiteres handeln. Jedoch haben wir bei Interviewanfragen für TV und Zeitungen auch andere Geschichten gehört. So haben einige Pärchen bereits geheiratet, die sich bei uns kennengelernt haben und bei einem anderen Pärchen fing es damit an, dass der Sugardaddy ihr das Darlehn für ihre Immobilie bezahlt hat und sie seither zusammenleben.

„Die Sugardaddies von Mysugardaddy hätten sicher auch „in freier Wildbahn“ die Chance, Sugarbabes kennenzulernen. Aber das dauert einfach zu lange und die Erfolgsaussichten sind zu schlecht.“

 

Wie sieht es mit der Lebensdauer solcher Beziehungen aus? Enden diese nicht, wenn die Sugar Babies ihre Ziele erreicht sehen?

Wahrscheinlich enden diese, wenn einer der beiden seine Ziele erreicht hat. Vielleicht enden sie aber auch, wenn Sie einen besseren Sugardaddy gefunden hat oder er ein besseres Sugarbabe.

Die Mitglieder Ihrer Community legen großen Wert auf Diskretion und Privatsphäre. Speist sich dieses Bedürfnis aus einem gewissen Unbehagen gegenüber dem, was sie tun oder fungiert sie mehr als Schutzschild gegen eine kritische Umwelt?

Wir legen auch großen Wert auf die Privatsphäre unserer Mitglieder. Viele unserer Sugardaddies haben Erfolg, Geld oder stehen in der Öffentlichkeit. Manche sind Prominent, andere sind Geschäftsführer oder Vorstände von mittleren bis großen Unternehmen und da die Otto-Normalbürger schon nicht dazu stehen, wenn sie auf einer Dating-Seite angemeldet sind, dann tun dies unsere User erst recht nicht.

Ihre Homepage bietet diskrete Hilfe bei der Kontaktaufnahme von älteren Männern und jüngeren Frauen an. Glauben Sie diese Männer hätten auch „in freier Wildbahn“ die Chance jüngeren Frauen zu imponieren?

Der Trend beim Kennenlernen geht seit Jahren schon in Richtung Online-Dating und das nicht erst seit Tinder. Alle User können sich dabei diskret umsehen und aus einer Vielzahl von möglichen Partnern wählen und diese bei der Suche auch noch nach allen möglichen Kriterien filtern. Die Sugardaddies von Mysugardaddy hätten sicher auch „in freier Wildbahn“ die Chance, Sugarbabes kennenzulernen. Aber das dauert einfach zu lange und die Erfolgsaussichten sind zu schlecht. Viele unserer Sugardaddies haben aufgrund ihrer Jobs gar nicht die Zeit so oft weg zu gehen und dann wollen die nicht in einen Club gehen, in dem alle Mitte 20 sind.

MySugardaddy veranstaltet regelmäßig Parties. Wie darf man sich so etwas vorstellen? Wie ein millionenschweres Speeddating?

Es sind einfach exklusive Parties mit exklusiven Gästen in einer schönen Location. Wir bieten damit unseren Usern auch mal die Möglichkeit sich offline kennenzulernen. Wir stellen dabei sicher, dass mehr Sugarbabes anwesend sind als Sugardaddies und dass alle Gäste Abendgarderobe tragen.

„Gerade der Zulauf der vielen Frauen gibt uns und dem Konzept Recht. Wenn es den Bedarf nicht geben würde, würden wir nicht existieren.“

 

Kritiker prangen immer wieder an, dass Partnerbörsen wie die Ihre Sexismus und Anti-Feminismus fördern. Was sagen Sie dazu?

Uns ist dabei nur wichtig, dass sich alle freiwillig anmelden und erwachsen sind. Gerade der Zulauf der vielen Frauen gibt uns und dem Konzept Recht. Wenn es den Bedarf nicht geben würde, würden wir nicht existieren. Wem es nicht gefällt, muss sich ja nicht anmelden.

Aber geht es den meisten nicht vordergründig um die Erfüllung sexueller Bedürfnisse? Bestes Beispiel sind doch die Sugar Daddies, die mehrere Beziehungen gleichzeitig unterhalten.

Ja, das mag sein. Es gibt Männer, die mehrere Sugarbabes gleichzeitig haben und genauso gut gibt es bei uns Profile von zwei Frauen, die sich gemeinsam einen Sugardaddy suchen. Sex gehört zum Menschen dazu und die Erfüllung von Bedürfnissen auch, sofern diese legal sind.

Was unterscheidet Sugar Daddies eigentlich von klassischen Freiern?

Bei Prostitution geht es nur um die Vornahme sexueller Handlungen gegen ein Entgelt und nicht mehr. Bei Sugardaddy-Sugarbabe Beziehungen geht es um eine längerfristige Beziehung in der beide voneinander profitieren. Sicher geht es auch um Sex, aber in welcher Beziehung tut es das nicht?

Beziehungen dieser Art kommen wohl nicht ohne gewisse Abhängigkeitsverhältnisse aus. Birgt das nicht das Risiko, vom jeweils anderen ausgenutzt zu werden? Wie geht das mit Emanzipation zusammen?

Ja, diese Gefahr besteht. Lesen Sie dazu mal einen Interview aus Mai 2014 in der Süddeutschen mit einem User von uns. Darin schildert er, wie er ein Sugarbabe bei uns kennengelernt hat und sie einmal Sex hatten. Seither überweist er ihr mehrere Tausend Euro monatlich, weil er sich dazu verpflichtet fühlt. Der erste Reflex ist immer: „Die armen Frauen, werden von den Männern ausgenutzt“ aber ob es wirklich so ist, ist fraglich.

„Der erste Eindruck ist immer oberflächlich, ob das in einer Bar ist oder auf Tinder oder bei uns.“

 

Im Grunde ist MySugardaddy auch nur Teil des Trends, den Tinder und Co. salonfähig gemacht haben: auf dem Marktplatz der Oberflächlichkeit sucht man sich das Beste aus. Müssen wir unsere Vorstellung von der romantischen Liebe endgültig an den Nagel hängen?

Der erste Eindruck ist immer oberflächlich, ob das in einer Bar ist oder auf Tinder oder bei uns. Innerhalb von 10tel Sekunden entscheiden wir unbewusst, ob wir jemanden sympathisch finden oder nicht. Ob daraus Liebe wird, entscheidet sich danach und dazu können Tinder und Co helfen, aber sie können es nicht garantieren.

Die Akzeptanz gegenüber Lebensentwürfen und Beziehungsmodellen, die von der Norm abweichen, ist in Deutschland gewachsen. Warum begegnet man der Beziehung eines älteren Mannes zu einer deutlich jüngeren Frau oft mit Unverständnis und Ablehnung? Ist das nicht heuchlerisch?

Es kommt darauf an wie groß der Altersunterschied ist. Wenn sie vom Alter her seine Tochter sein könnte, dann ist das sicher der Grund für die ablehnende Haltung. Das wird wahrscheinlich auch immer so bleiben.

Was meinen Sie: Kann man Liebe kaufen? Oder bezahlt man doch nur für eine Illusion?
Wahre Liebe ist nicht käuflich, Zuneigung und eine gemeinsame schöne Zeit hingegen schon.

Bildquelle: (1) Ashley Webb on Flickr unter CC BY-SA 2.0