Wenn man die alte Trittleiter im Stadtbad Wedding hinab ins Herrenbecken steigt, wird man nicht nass. Aber satt. Und beschwipst. Denn im altehrwürdigen Weddinger Hallenbad gibt’s kein Wasser mehr. Aber Wein. Und Wachteln. Und weil das so ist und ich sowieso viel lieber gut esse als schlecht zu schwimmen, habe ich mitten im Schwimmbecken Platz genommen, um für Euch die neue Food-Reihe „Wachteln im Wedding“ zu testen. Tauchen wir also ein in die neue Berliner Bäderkultur.

Foto: © Borkeberlin

Das Event

Lange bevor die Wachteln in den Wedding kamen, siedelten sich in der Gerichtstraße 65 Gemüse- und Obstsorten aus aller Herren Länder an. Allwöchentlich landeten diese hübsch angerichtet und kreativ zubereitet für einen wirklich schmalen Taler auf den Tellern von Hipstern, Vegetariern oder einer Kombination aus beidem. Lost in Wedding heißt die kleine, vegetarische Schwester der neuen Wachtelreihe, die nach wie vor immer dienstags stattfindet. Wachteln im Wedding setzt nun eins, zwei, drei drauf: atmosphärisch, musikalisch, fleischlich. Alle zwei Monate werden fortan vier hochwertige Gänge – auf Wunsch mit passender Weinbegleitung – im Herrenbecken des Stadtbads serviert. Die Plätze sind begrenzt, eine Reservierung wird empfohlen.

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Der Ort

Wenn es noch kein trockenes Schwimmbad gäbe, in dem man schick dinieren könnte, dann müsste man aus einem das Wasser rauslassen. Sooo gut! Im vorderen Teil des Schwimmbeckens waren mehrere weißbetuchte Tischreihen aufgebaut, am anderen Ende, unterhalb des Sprungturms, stand ein DJ-Pult. Abgesehen davon: nichts außer hellen Fliesen im blau-gelben Lichterglanz. Das klingt kühl, war in der Tat aber auf eine karge Art gemütlich, weil die Kombination aus gefliester „Höhle“ und farbig-gedämpfter Lichtstimmung eine erhabene, fast meditative Atmosphäre geschaffen hat.

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Die Mucke

Klassik zum Aperitif – wunderbar, um anzukommen, die Woche abzuschütteln und in einen besonderen Abend zu gleiten. Electro zum Dinner, aufgelegt von Mike Vamp von den Märtini Brös – gleichzeitig treibend und untermalend, in Harmonie mit der Architektur des Stadtbads und nie dominant. Wir fühlten uns gut unterhalten und konnten uns zugleich gut unterhalten. Und in den Pausen zwischen den Gängen wurde es herrlich theatral: Zu elektronischen Beats schmetterte Überraschungsgast Aérea Negrot, venezolanische Künstlerin und dereinst Stimme von Hercules & Love Affair, Arien ins Mikro.

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Das Menü

Wenn ich an den Besuch im Schwimmbad denke, dann will ich auf der Stelle ne Tüte Pommes-Schranke und noch mal Ketchup extra. Normalerweise. In diesem speziellen Fall war ich aber auf vier exquisite Gänge eingestellt. Und die sollte ich bekommen.

1. Gang: Consommé mit Champignonravioli – nicht stark gewürzt und ohne Schnickschnack, aber mit unverkennbarem und vollem Pilzgeschmack. Ein schlichter Starter ganz nach meinem Geschmack. Dazu passend ein ordentlicher Schluck Osborne Sherry Medium Dry.

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2. Gang: Kabeljaupraline auf Fenchelsalat mit Trüffelschaum und Grapefruit-Filetstück – Auf Fenchel steh’ ich ja. Der milde Fisch war in Schinken gewickelt, gegen den er es etwas schwer hatte, sich zu behaupten. Die Grapefruit hat selbst noch den Schinken dominiert. Sah toll aus, war aber nicht ganz harmonisch, alles in allem aber lecker. Der Rosé, ein Dreissigacker Pinot, zum Zwischengang: wunderbar frisch, ohne sauer zu sein. Mein Flüssigfavorit des Abends!

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3. Gang: Zum portugiesischen Roten gab’s Rosenkohlpüree, Radieschen-Dill-Salat und den Star des Abends: Fräulein Wachtel. Stimmig und richtig lecker! Ich komme vom Dorf, aber so richtig, und bin mit Schweinen, Hühnern, Tauben und Wachteln aufgewachsen – daher wusste ich, dass es keinen Sinn haben würde, am Minigeflügel mit Maxibesteck herumzufuhrwerken. Dass ich meine Hände zu Hilfe genommen habe, schien für meine Tischnachbarn in Ordnung zu gehen. Von etepetete keine Spur. Glück gehabt.

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4. Gang: Zuckerrübeneis auf Schokokuchen, dazu frischer Rhabarber an Quark-Mohn-Creme – ich bin weder süß, noch ein Eismädchen, aber das Zuckerrübeneis und ich, das war Liebe. Der Rhabarber war nur leicht sauer und passte wunderbar zur Creme. Dazu ein Portwein – mein allerliebster Dessertwein überhaupt. Davon nehme ich dann jeweils Nachschlag. Bitte.

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Ich war satt, ohne zu platzen, und Gigi, meiner Begleitung, ging’s genauso. Die Portionen, jede für sich eher klein, waren in der Summe damit à point. Mit Weinmenü kostet das Dinner 58 Euro, ohne Getränke 42 Euro. Gute Zutaten, wunderbar zubereitet mit DEM Rahmenprogramm in DIESER Umgebung – aus meiner Sicht gibt’s da absolut nix zu meckern.


Der Service

Freundlich, schnell, zurückhaltend und frei von jeglicher Ich-arbeite-in-nem-hippen-Laden-Arroganz, die mir gerade in Berlin bisweilen ordentlich auf den Senkel geht. Habter jut jemacht, Mädels und Jungs!

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Das Fazit

Wer – wie ich – lieber isst als schwimmt und nicht grundsätzlich was gegen die hippe Berliner Event-Kultur hat, sondern ihr vielmehr auch gerne mal frönt, dem seien die Wachteln im Wedding an sein fleischeslustiges Herz gelegt. Und für alle vegetarischen Szenegänger gibt’s ja immer noch Lost in Wedding. Muss also keiner leer ausgehen. Fiderallala!


 

KULINARISCHES IM WEDDING

Anlässlich des 2. Geburtstags von Lost in Wedding gibt’s die nächsten Wachteln im Stattbad am 2. Juni zum Event mit dem vielversprechenden Namen „2 Jahre Riesenperlhuhn auf der Flucht vs. Wachteln im Wedding“.

Weitere Pop-up-Dinner im Stattbad:

Für Vegetarier: Lost in Wedding (jeden Dienstag)

Für Wild-Liebhaber und Vegetarier: Wild & Wiese (nächster Termin ist der 23.04.15)

Für Trinkfeste: Polish Thursday Dinners / Obiady czwartkowe (nächster Termin ist der 30.04.15)

MEHR

STATTBAD

Gerichtstr. 65

13347 Berlin

(S+U Wedding, S-Humboldthain)

 

Pop-up-Dinner-Reservierungen an:

stattbar@stattbad.net