Es gibt kaum etwas, über das wir so häufig sprechen, wie über unseren Körper. Er ist unsere formbare Oberfläche, mit der wir uns der Welt präsentieren. Wir schmücken ihn, trainieren ihn, verändern ihn, verhüllen ihn, um so etwas wie eine perfekt stilisierte Version unseres Selbst oder die Illusion eines Idealbildes zu erreichen. Wir stellen fünf Fotografen und Fotografinnen vor, die mit ihren Arbeiten den etablierten Blick auf den menschlichen Körper verändern wollen.

1. GRACIE HAGEN

Der Streit um die absurden Schönheitsideale der Mode und der damit verbundenen Marketing- und Medienindustrie findet immer neue Nahrung. Seien es die Deklarierung kurviger Frauen als Big Size-Models, eine Marke für Körperpflegeprodukte, die mit dem Einsatz “normaler” Modelle hausieren geht oder am prominentesten der Wahn um Abmagerung und Magersucht unter Models. Dabei ist das mediale Bild meist eine Illusion, geformt aus Beleuchtung, Winkel und Photoshop, wie Gracie Hagen sagt.

Deshalb erstellt die 26-jährige Fotografin aus Chicago in ihrer Serie “Illusions of the Body” einen Gegenentwurf: um den verblüffend starken Einfluss der Körperhaltung auf unsere Wahrnehmung herauszuarbeiten, stellt sie Fotos der ominösen “Bauch rein-Brust raus”-Position jenen unvorteilhaften Haltungen gegenüber. Bei der Wahl ihrer Models, die allesamt per Aufruf über ihre Website zum Projekt stießen, achtete sie auf eine möglichst breite Palette an Körpertypen, Ethnien und Geschlechter.

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2. IIU SUSIRAJA

Nein, zu behaupten, Iiu Susiraja entspräche gängigen weiblichen Schönheitsidealen, wäre doch ein ziemlich großer Bluff. Die finnische Fotografin und Künstlerin weiß genau, welche Stereotype beim Anblick ihres Körpers gerne aufgerufen werden und wie radikale manche darauf reagiern. Trotzdem stellte sie sich für ihre Serie “Hyvä Käytös”, was übersetzt soviel wie “Gute Benehmen” bedeutet, vor die Kamera. In einer Reihe von Selbstporträts, die stets in ein alltägliches, häusliches Setting eingebettet sind, erzeugt sie absurde Situationen, etwa indem sie sich einen Besen unter die Brüste klemmt oder einen traditionellen finnischen Hefezopf hin- und herwiegt als sei er ein Baby. Dabei blickt sie möglichst stoisch, ganz so, als wäre das, was sie da vor der Kamera veranstaltet, das normalste auf der Welt.

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3. HALEY MORRIS-CAFIERO

Wir tun es alle: Heimlich auf der Straße über Unbekannte herziehen. “Was hat der denn für eine Frisur? Wie kann die denn nur so einen kurzen Rock tragen?” Oder zumindest denken wir es uns. Doch was, wenn unsere hinterhältigen Gedanken entlarvt werden?

Mit versteckter Kamera macht Haley Morris-Cafiero genau das: Sie fängt die verborgenen Blicke der Passanten ein, während sie die Künstlerin abwertend mustern. Der Grund? Haley hat nichts Außergewöhnliches getan, sie hat nur telefoniert oder ein Eis gegessen, übliche Alltagsdinge eben. Aber Haley ist übergewichtig. Eine Gegebenheit, die vielen Leuten ausreicht, sie zu verurteilen.

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4. ROMAN SAKOVICH

Es kann jeden treffen: Sucht! Sie ist eine der grundlegendsten menschlichen Schwächen. Ob Schokolade, Nikotin oder Kaffee, kleine, süße Laster haben wir alle. Manche haben aber auch gravierendere Süchte, die ihr ganzes Leben beeinträchtigen.

In der Fotoserie “Half” will Roman Sakovich endlich mit allen Vorurteilen aufräumen. Im drastischen Vorher-Nachher-Vergleich zeigt der Fotograf deutlich, dass Suchtprobleme genauso gut die Anwältin, das nette Mädchen von Nebenan oder die Krankenschwester treffen können.

Umstritten ist die Tatsache, dass die abgebildeten Models nicht wirkliche Suchtkranke sind, sondern die vermeintlichen Effekte von Drogen auf den Körper mit Make-Up nachgestellt wurden. Sakovich geht es in erster Linie darum stereotypische Meinungen zu entwaffnen, die ignorant hinter Drogenabhängigen immer Obdachlose, Kriminelle und gesellschaftliche Außenseiter vermuten.

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5. ARIANA PAGE RUSSEL

Unsere Haut ist der Spiegel unserer Seele. Unsere Haut macht die Geschichte unseres Daseins sichtbar. Kaum etwas geht an ihr vorüber. Jeder blaue Fleck, jede Sommersprosse, jedes Muttermal, jede Narbe, jede Errötung markiert auf unserem Fleisch, was wir tun, wo wir waren, ja, unsere Existenz. Jeder Fleck spricht dabei in seiner eigenen Lautstärke zu uns.

Die Fotografien Ariana Page Russel hat Dermographismus, was übersetzt so viel bedeutet wie Hautschrift und aufgrund einer vermehrten Histamin-Ausschüttung zu charakteristischen roten Streifen führt, nachdem die Haut mit einem stumpfen Gegenstand bestrichen wurde. Dies ermöglicht der Künstlerin Dessins auf ihrem Körper zu hinterlassen – in der Serie „skin“  nutzt Russel ihre Haut als Leinwand.

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