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Die Idee hinter dieser Kolumne ist schnell erklärt. Jeder kennt das Phänomen, in der Bahn aus Versehen ein nicht für die eigenen Ohren bestimmtes Gespräch aufzuschnappen. Man hat Kopfhörer auf und während der eine Track verebbt und bevor der nächste begonnen hat, erfährt man ein intimes Detail über das Sexualleben des Pärchens, das einem gegenüber sitzt und glaubt, man bekomme von ihrer Unterhaltung nichts mit. Und dann schaltet man den MP3-Player aus.

Natürlich ist das eine Art von Voyeurismus, die moralische Bedenken aufwirft. Irgendwie bricht man hier die Regeln, denn auch in der Öffentlichkeit kann man in privaten Raum eintreten. Ich saß einmal mit meiner Freundin in der U-Bahn und wir stritten einen jener unvermeidlichen Streits, die scheinbar keinen Aufschub dulden. Uns gegenüber saß eine junge Frau, die unsere gesamte Diskussion über fünf Stationen hinweg mit einem süffisanten Lächeln verfolgte. Die Dame hatte offensichtlich keine Ahnung, wie man richtig lauscht. Man tut nämlich so, als sei man nicht interessiert, höre Musik oder besitze einen Funken Anstand und höre bewusst weg. Wenn man sich als Eine-Person-Geheimdienst zu erkennen gibt, verpasst man das Beste. Aber um das nochmals klar zu machen: es soll hier nicht um bewusstes Eindringen in die Privatsphären fremder Menschen gehen. Es geht um die zwei oder drei Dinge, die wir voneinander wissen, weil sich unsere Wege für einen einzigen, kurzen Moment kreuzen. Gestern Abend zum Beispiel kam mir mitten im Prenzlauer Berg ein Typ mit Handy am Ohr entgegen, der der Person am anderen Ende der Leitung weismachte, er sei gerade in Potsdam aus dem Zug gestiegen. Warum diese Lüge? Verheimlichte er eine Berliner Affäre vor seinem Potsdamer Partner oder seiner Partnerin? Hatte er seiner Mutter versprochen, zu einem Vorstellungsgespräch zu gehen, das er nun doch verpasste? Glaubte er vielleicht wirklich, er sei gerade in Potsdam aus dem Zug gestiegen und nicht an der Schönhauser aus der S-Bahn?

Ich will über die möglichen und die tatsächlichen Geschichten schreiben, die in diesen Momenten stecken. Aufgrund eines Details, das mir einen Menschen als als einzigartig erkenntlich macht, kann ich kurz ein Individuum erkennen, bevor sich die Masse wieder schließt. Es ist, als würde man an einem alten Radio einen Sender suchen und aus dem Rauschen wird für kurze Zeit ein verständlicher Satz oder eine Melodie, bevor man das Signal wieder verliert. Um jene Momente, jene kleinen, mitunter schrägen Melodien inmitten des Rauschens, soll es in dieser Kolumne gehen.