Mittlerweile sind die täglichen Berichte über Hetze, Rassismus und Gewalt gegenüber Flüchtlingen fast schon zur Normalität geworden. Brennende Flüchtlingsheime oder schutzsuchende Menschen, die grundlos krankenhausreif geprügelt werden, machen längst keine großen Schlagzeilen mehr. Über 10.000 Menschen werden jährlich aus Deutschland – ein Land, welches für sie einst für Hoffnung und Freiheit stand – wieder abgeschoben. Wer sich weigert zu gehen, wird in einem der Abschiebungsgefängnisse weggesperrt. Statt nach Lösungen für ein gemeinsames Miteinander zu suchen, werden weitere Asylrechtsverschäfungen vom Bundestag beschlossen – und das im Namen des „deutschen Volkes“, in unserem Namen.

„Wer spricht und was geschieht in unserem Namen?“ – das ist die leitende Frage des Stücks „In unserem Namen“, welches diesen November im Gorki Theater im Herzen Berlins spielt. Das Stück hat mich von der ersten Sekunde an in seinen Bann gezogen, im wahrsten Sinne wird man als Besucher selbst zu einem Teil des Stücks. Der gesamte Theatersaal wird als Bühne genutzt, sitzen kann man auf einer Tribühne oder gleich auf dem Boden. Zwischendurch wird man aufgefordert aufzustehen, sich zu bewegen oder muss den umherrennenden Schauspielern ausweichen – eine Metapher für die Flüchtlinge, welche versuchen sich in unsere Gesellschaft einzugliedern und eine Aufforderung für uns, eine Gemeinschaft mit den Neuankömmlingen zu gründen. Eine Aufforderung dafür, auch im echten Leben nicht nur Zuschauer zu sein sondern selbst zum Akteur zu werden.

Die Menschen, welche in „unser Land“ kommen, werden von der Gesellschaft mit Worten wie „die Flüchtlinge“ oder „die Asylanten“ alle gemeinsam in einen Topf geworfen. Doch das Stück möchte uns daran zurück erinnern, dass all diese Menschen eine eigene ganz persönliche Geschichte haben, eine eigene Kultur und eine eigene Sprache. Sie kommen nach Deutschland auf der Suche nach einem besseren Leben, welches nicht von einem Alltag bestehend aus Angst, Tod und Zerstörung besteht. Sie kommen, um sich ein gemeinsames Leben mit uns aufzubauen, doch werden behandelt wie Menschen zweiter Klasse.

Dabei vergessen wir, dass wir selbst einfach nur Glück hatten. Glück, in einer Zeit ohne Krieg aufzuwachsen. Glück, dass auch die meisten unserer Eltern keinen Krieg miterleben mussten. Glück, nicht jeden Morgen mit der Angst das Haus verlassen zu müssen, ob man den Tag überlebt, ob unsere Familie und Freunde den Tag überleben. Glück, nicht eines Tages unsere Wohnung, unsere Besitztümer und unsere Heimat verlassen zu müssen und in ein neues Land zu kommen, in dem wir wie Verbrecher behandelt werden.

Als persönlichen emotionalen Höhepunkt empfand ich eine Szene gegen Ende des Stücks, in der einer der Akteure Zitate besorgter Bürger wiedergab, welche ihre Ängste vor der fremden und für sie vor allem als gefährlich empfundenen Situation äußerten. In jenem Moment wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen wollte, denn die noch so absurdesten Aussagen, welche man gerne als überzogen und ironisch gemeint interpretieren würde, entsprechen leider den tatsächlichen Standpunkten einiger Bürger Deutschlands.

Auch das Ende des Stücks unterscheidet sich von einer „normalen“ Theateraufführung. Es gibt kein abschließendes Wort, keine abschließende Handlung, die Schauspieler stellen sich nicht in einer Reihe auf, um sich vor dem Beifall der Zuschauer zu verneigen. Stattdessen bleiben sie im Raum verteilt stehen und erzählen alle gleichzeitig von ihren persönlichen Erlebnissen als Flüchtling. Passend, denn eben genau wie das Stück kein plötzliches Happy End findet, ist auch die Flüchtlingsthematik noch lange nicht aus der Welt. Nun liegt es an uns zu bestimmen, was „in unserem Namen“ in Zukunft noch alles geschehen wird.